Das Pressing stellt heute einen bedeutenden Teil des Umschaltens von der Offensive in die Defensive dar. Red Bull Salzburg hat gezeigt, dass man durch schnelle Balleroberung auch spielstarke Gegner destabilisieren kann, und auf diese Weise das favorisierte Ajax Amsterdam aus der Europa League gekickt.
Schnelle Rückeroberung
Red Bull Salzburg verliert vor dem Strafraum von Ajax den Ball, wo ihn Innenverteidiger Stefano Denswil noch vor dem heraneilenden Kevin Kampl behaupten kann. Nun aber bilden die Salzburger ein Dreieck um Denswil. Dieser möchte sich mit einem Pass auf Christian Poulsen aus der Bedrängnis befreien. Alan, der damit rechnet, fängt das Zuspiel ab und läuft noch zwei Schritte, ehe er mit seinem Schuss an Tormann Jasper Cillessen scheitert. Die Entstehungsgeschichte von Alans Torchance in der sechsten Minute im Europa-League-Rückspiel gegen Ajax veranschaulicht den Zweck des Gegenpressings: Ein verlorener Ball der angreifenden Mannschaft soll sofort zurückgewonnen werden.
Die Szene zeigt, wieso sich diese Spielweise heute als so effektiv erweist. Das liegt zunächst daran, dass sich die gegnerische Mannschaft nach dem Ballgewinn erst ordnen muss und damit anfällig für einen Ballverlust ist. Während Denswil versucht, den Ball unter Kontrolle zu bringen, formieren sich die Salzburger bereits für Pressing und Angriff. So entstehen in Tornähe häufig Möglichkeiten.
Wenn der Gegner hingegen das Spiel von hinten geordnet aufbauen möchte, erweist sich das gewöhnliche Pressing als besonders laufintensiv, weshalb es kaum eine Mannschaft über die gesamte Spieldauer aufziehen kann. Das Gegenpressing dagegen erfordert weniger Laufstärke, da die Spieler hier den kürzesten Weg gehen. Das bedeutet, dass sich etwa ein stürmender Verteidiger nach einem Eckball nicht gleich wieder zurückzieht, sondern selbst attackiert, während ein anderer Spieler hinter ihm absichert.
Grenzen des Gegenpressings
Solche Positionswechsel sind mit einem großen Risiko verbunden, wenn sie nicht gut abgestimmt sind. Red Bull Salzburgs Gegenpressing ist riskant und erfordert eine enorme defensive Stabilität, da die Abwehrreihe weit aufrückt, damit der Gegner keine Zwischenräume vorfindet. Zum Verhängnis wurde Salzburg dieses Risiko zeitweise beim 6:3-Sieg gegen den SK Rapid, der die seltenen Lücken mit geradlinigen Spielzügen nützte. Das spielerisch starke Ajax hingegen konnte sich mit kurzen flachen Pässen kaum befreien. Offensiv hatte auch der FC Basel den Salzburgern nur wenig entgegenzusetzen. Dafür reagierten die international erfahrenen Schweizer auf Salzburgs Doppelspitze ausnahmsweise mit drei Innenverteidigern, die von zwei Außenspielern flankiert wurden. Damit stellten sie in der Defensive eine Überzahl her. Im Rückspiel formierte sich Basel nach dem Ausschluss in der Mitte kompakter, beförderte den Ball sofort aus der Mitte, nahm dafür den Ballverlust in Kauf, lief damit aber nicht Gefahr, vom schnellen Gegenpressing überrascht zu werden.