In 199 ballesterer-Ausgaben haben wir uns an dieser Stelle so manches Mal mit Red Bull beschäftigt. Häufig handelten unsere Kommentare von der Macht des Geldes und kamen zur Schlussfolgerung, am Ende werde Red Bull Salzburg eh wieder Meister. Dies ist kein solcher Text. Möglicherweise wird Salzburg 2026 Meister, doch egal, wie diese Saison läuft: Das Imperium wankt, die Dose hat Dellen. Dass Salzburg die Champions-League-Qualifikation gegen Club Brügge verpasst hat, fast geschenkt. Die Leipziger Filiale muss sogar zum ersten Mal seit dem Bundesliga-Aufstieg ganz ohne Europacup auskommen. Der Mannschaft bleibt nur das Finale der Conference League zum Zuschauen, es findet 2026 in Leipzig statt.
Schadenfreude ist kein edles Gefühl, deswegen ist es gut, sie mit Argumenten zu unterfüttern. Der ballesterer hat die Aktivitäten von Red Bull im Fußball von Beginn an kritisch begleitet und immer gute Gründe dafür gehabt: Die Salzburger Übernahme war ein Verrat der Vereinstradition, ein Schlag ins Gesicht der Fankultur. Die Idee, mit einem Fußballklub erfolgreiches Produktmarketing zu betreiben, hat mit der Idee, mit einem Fußballklub erfolgreichen Fußball zu spielen, nur bedingt zu tun. Die beinahe unerschöpflichen Geldquellen des Konzerns und die Kontrolle über mehrere Vereine verzerren den Wettbewerb.
Richtig genutzt hat Red Bull diese Vorteile allerdings erst, als Ralf Rangnick 2012 das Ruder übernahm und eine einheitliche Spielidee implementierte. Von Jürgen Klopp, der im Jänner als Head of Global Soccer eingesetzt wurde, hat sich Geschäftsführer Oliver Mintzlaff wohl einen ähnlichen Schub erhofft. Klopps Stärke entfaltet sich in der Nähe, im Hands-on-Management. Zu seinem jetzigen Job gehört aber weniger Handauflegen als Analyse aus der Distanz. Die Effekte bleiben bislang aus. Salzburgs Geschäftsführer Stephan Reiter zumindest hat wenig von Klopp mitbekommen, der Austausch sei begrenzt, sagte er vor Kurzem.
Red Bulls prägende Köpfe denken jetzt woanders weiter. Rangnick ist Teamchef, Christoph Freund arbeitet seit zwei Jahren beim FC Bayern. Aus dem Sommer 2023 datieren auch die letzten Transfers des erfolgreichen Systemkreislaufs: Nicolas Seiwald und Benjamin Sesko kamen von Liefering über Salzburg nach Leipzig. RB Leipzig hat Sesko im August um 76 Millionen an Manchester United verkauft, es war der zweithöchste Transfererlös der Klubgeschichte. Doch was bringt das, wenn die Geldflut aus der Premier League alle Boote in der deutschen Bundesliga hebt?
In Österreich hat sich am finanziellen Gefüge ohnehin wenig geändert, der Salzburger Kader ist mit 133 Millionen doppelt so wertvoll wie der von Sturm. Doch mehr Geld als Sturm hatte Salzburg auch die letzten zwei Jahre, finanzielle Vorteile allein sind kein Erfolgsrezept. Es wirkt, als sei der Red-Bull-Fußball wieder dort, wo er vor 15 Jahren schon einmal war: mehrere Klubs, viel Geld, aber wenig Plan. Mit einem Unterschied: Das Modell Multi Club Ownership hat Schule gemacht. Red Bull ist Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Zwar verkauft sonst niemand Energydrinks mit Fußball, aber Klubnetzwerke gibt es dutzendweise. Sie gehören Hedgefonds, reichen Männern, die mehr oder weniger gut beraten sind, und Staatskonzernen. Und manche haben nicht nur mehr Geld als Red Bull, sondern auch noch bessere Pläne.