Wien war in Kriegseuphorie. Künstler und Intellektuelle wie meldeten sich umgehend zum Kriegsdienst, und auch unter den einrückenden Fußballern waren viele Freiwillige.
Der letzte Doppelpass unterm Doppeladler
Der 28. Juni 1914 ist ein heißer Sonntag. In Wiens Schanigärten ist kein Platz mehr frei. Ausflugziele wie Karlsbad oder Marienbad in Böhmen haben Hochsaison. Der Dichter Stefan Zweig notierte: „Jener Sommer 1914 wäre auch ohne das Verhängnis, dass er über die europäische Erde brachte, ein unvergessener geblieben.“ Kurz vor elf Uhr fallen in Sarajewo die tödlichen Schüsse auf das Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Sophie Chotek. Nahezu zeitgleich kosten in Simmering zwei Schüsse den Sportklub Rapid den sicher geglaubten Meistertitel der Saison 1913/14. Die 1:2-Niederlage gegen Simmering und ein 4:2-Sieg des WAF gegen eine laut Presse schaumgebremste Vienna machen den Hütteldorfer Bezirksrivalen Rapids erstmals zum Fußballmeister.
An eben jenem Sonntag erzielt ein 18-Jähriger beim unterklassigen Penzinger Verein Blue Star wiederum zwei Tore gegen Wacker Wien. Josef Uridil soll kurz darauf wie viele Wiener Fußballer der Kriegsbegeisterung erliegen. In seiner Autobiografie erinnert er sich, wie er am 28. Juli 1914 nach der Kriegserklärung an Serbien und der Verkündigung der allgemeinen Mobilisierung mit vielen anderen vor dem Kriegsministerium das Prinz-Eugen-Lied gesungen habe. Als der Steinmetzgeselle Uridil in die elterliche Wohnung zurückkehrt, erfährt er von seinem Wechsel zu Rapid, weshalb er „vor lauter Freude noch einmal zum Kriegsministerium stürzt und noch vier Stunden lang das Prinz-Eugen-Lied“ singt.
Die Monarchie Österreich-Ungarn stand, auch wenn das im Sommer 1914 nur wenige glauben wollten, vor ihrem Untergang. Der österreichische Fußball hingegen an seinem Beginn – erst seit drei Jahren existierte ein regulärer Meisterschaftsbetrieb zwischen Wiener Vereinen, die ihre Basis vornehmlich im Bürgertum hatten. Während die k.-u.-k.-Armee eine militärische Niederlage nach der anderen einsteckte, errang der Fußball in und durch den Ersten Weltkrieg enorme Popularität.Sportpause für Kriegseuphorie
Zunächst jedoch musste der Fußball hinter die staatlichen Ziele zurücktreten. Als die Kriegsmobilisierung anlief, wurde der Spielbetrieb eingestellt. Hier erging es dem Fußball wie anderen Freizeitvergnügen, so musste etwa das Burgtheater seine Sommerpause um ein Monat verlängern. Auch der Sport ruhte in den ersten fünf Kriegswochen, die Sportzeitungen stellten ihr Erscheinen vorübergehend ein. Die Auswirkungen der Mobilmachung waren gravierend. Je nach Verein wurden 60 bis 80 Prozent der aktiven Fußballer einberufen. Bei der Vienna und dem Wiener Sport-Club blieb kein Spieler der Kampfmannschaft in Wien. In der Vorkriegszeit waren nur 20 bis 25 Prozent der wehrfähigen Bevölkerung überhaupt in die Armee eingezogen worden.
Wien war in Kriegseuphorie. Künstler und Intellektuelle wie Oskar Kokoschka, Robert Musil, Heimito von Doderer und Hugo von Hofmannsthal meldeten sich umgehend zum Kriegsdienst, und auch unter den einrückenden Fußballern waren viele Freiwillige. Eduard Schönecker, WAF-Funktionär und Bruder von Rapid-Sektionsleiter Dionys, schrieb im Oktober 1914 von der Front: „Trotz allem was ich erlebt habe, kann ich von ganzem Herzen versichern, meinen Entschluss habe ich nie bereut und werde ich nie bereuen. Möge dieser Krieg für uns siegreich enden.“ Von jener vielversprechenden Nationalmannschaft, die im Mai 1912 Ungarn im Prater 2:0 besiegt hatte, rückten sämtliche Spieler ein. Vier von ihnen fielen in den ersten beiden Kriegsjahren, zwei erlagen den Spätfolgen, weitere drei sollten nach Kriegsende nicht mehr spielen. Nur Tormann Heinrich Phlak vom FAC und Rapids Josef Brandstätter blieben auch nach 1918 aktiv.
Die ersten Toten an der Front
Während der Fußball in Wien ruhte, drohte die Offensive der k.-u.-k.-Armee am Balkan und in Galizien früh zu scheitern. Bis zum Winter 1914/15 verlor sie 80 Prozent ihrer Offiziere, insgesamt waren im Winter 1914 knapp 1,2 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste zu beklagen, etwa ein Drittel der Streitkräfte bei voller Mobilmachung. „Die Verluste in den ersten Monaten waren exorbitant hoch. Und keiner hat das ernstgenommen“, sagt Christian Ortner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, bei einer Führung mit dem ballesterer durch die neu überarbeitete Dauerausstellung über den Ersten Weltkrieg. „Alle teilnehmenden Mächte drängten auf rasche Entscheidungsschlachten, deswegen bestand zu Kriegsbeginn eine unglaubliche Unempfindlichkeit gegenüber Verlusten.“
Unter den ersten Kriegsopfern war auch ein prominenter Fußballer: Der 22-fache Internationale Robert Merz fiel beim Gefecht von Poturzyn „durch einen Herzschuss und wurde noch am Gefechtsfelde begraben“, wie Sport-Club-Archivar Michael Almasi-Szabo in seinem Buch „Von Dornbach in die ganze Welt“ schreibt. Fast gleichzeitig fiel Ende August 1914 in der Schlacht von Komarow der erste Torschützenkönig der Meisterschaft, Hans Schwarz, der für den WAF und die Vienna aktiv gewesen war. Die Nachricht vom Tod der beiden Stars sorgte in der Sportwelt für Erschütterung. Ihr Nationalteamkollege Felix Tekusch, der 1916 selbst an der Isonzo-Front ums Leben kommen sollte, schrieb an das Illustrierte Sportblatt: „Eine Bitte hätte ich. Schreibt bestimmt, ob das alles wahr ist, dass Schwarz schon gestorben ist. Der arme Kerl. Gott mit ihm.“Die unerschöpflichen Reserven des Fußballs
Währenddessen kehrte in der Heimat nach den ersten Kriegswochen wieder sportliche Normalität ein. Der Fußball rückte jedoch in den Dienst des Staats: Viktor Silberer, Herausgeber der Allgemeinen Sport-Zeitung, schrieb, der Sport könne wesentliche Arbeit für die Kraft und Rüstigkeit des Volkes leisten. Zum einen fördere er die Gesundheit, zum anderen setze die Aufrechterhaltung des Sports ein politisches Signal nach außen und ein selbstbewusstes Zeichen nach innen. Zudem könnten Länderspiele Geld für gute, also militärische, Zwecke einbringen. Sport und Fußball fanden so als Mittel der „Heimatfront“ politische Anerkennung. Beim Kriegsgegner England wurde Fußball hingegen zunächst weiter unter kommerziellen Vorzeichen gespielt, auch wenn die Profiklubs für die Fortführung der Meisterschaft stark kritisiert wurden. Als in Wien die Meldung aus England eintraf, dass der Sport Fußballer vom Krieg abhalte, höhnte das Illustrierte Sportblatt im Dezember 1914 über den englischen Oberbefehlshaber: „Lord Kitchener wird einmal sagen müssen, dass der europäische Krieg auf den Feldern von Chelsea, Tottenham und Chrystallpalast verloren wurde.“
In Wien trugen die erst- und zweitklassigen Fußballklubs regelmäßig Freundschaftsspiele aus, dazu kamen Ländermatches gegen Ungarn und Städtespiele gegen Berlin, von denen das erste im Oktober 1914 11.000 Zuschauer anlockte. Ausgebaut wurde auch der Spielverkehr mit Prager und Budapester Klubs. Von jedem Spiel gingen zehn Prozent der Einnahmen an den Kriegsfürsorgefonds. Etliche Matches hatten Benefizcharakter, ihr Erlös kam dem Roten Kreuz oder einem Spital zugute. Ab dem Winter 1914/15 herrschte in den beiden obersten Klassen beinahe ein Fußballprogramm wie in Friedenszeiten, und auch der Zuschauerschnitt veränderte sich kaum. Auffällig war nur das auf den Rängen reichlich vertretene Feldgrau der Soldatenuniformen. Auch auf den Sportseiten war das Militär durch Meldungen über eingerückte Spieler oder Grüße von der Front präsent. Berichte über gefallene Sportler wurden aufgrund der demoralisierenden Wirkung bald eingestellt und durch Tapferkeitsauszeichnungen ersetzt, wie ein Vorortbericht des Illustrierten Sportblatt von der galizischen Front im Herbst 1914 zeigt. Der Autor schreibt über die verwundeten Fußballer Josef Brandstätter, Leopold Grundwald, Karl Heinlein und Harald Oppenheim: „Sie beweisen, dass sich unsere Fußballer so gehalten hatten, wie man es von ihnen erwarten durfte: Tapfer und treu!“
Im Frühjahr 1915 wurde eine Kriegsmeisterschaft in einem Durchgang gestartet, die der WAC gewann. Daneben fanden ein Cupbewerb und eine Intensivierung der internationalen Partien statt. Freundschaftsspiele wurden zunehmend in Form von Siebenerturnieren abgehalten, für kleine Klubs die einzige Chance, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Während alle übrigen Sportarten mit Ausnahme des Schwimmens deutlich reduziert wurden, hieß es zum Fußball in der Allgemeinen Sportzeitung, er verfüge wegen seiner außerordentlichen Volkstümlichkeit über geradezu unerschöpfliche Reserven an Kräften.
Keine Privilegien für Fußballer
Auch an der Front gewann der Fußballsport an Popularität. Immer wieder fanden sich in der Wiener Presse Berichte von Engländern, die an der Westfront, einen Fußball vor sich herkickend, gegen den Feind stürmten. In der k.-u.-k.-Armee ist bis zum Winter 1914/15 nur ein Fußballspiel bekannt, das zwischen jungen Offizieren ausgetragen wurde. Beim deutschen Bündnispartner war zu diesem Zeitpunkt Fußball als Zerstreuung in der Etappe ein probates Mittel. „Selbst der niederländische Fußballbund spendete seinen Soldaten 440 Fußbälle“, schrieb das Illustrierte Sportblatt im Dezember 1914. Am 24. Dezember 1914 kam es an einigen Teilen der Westfront zum sogenannten Weihnachtsfrieden. Die Feuerpause nutzend, veranstalteten britische, französische und deutsche Soldaten vereinzelt Fußballspiele im Niemandsland. Vergleichbares sucht man in der k.-u.-k.-Armee an der Ostfront vergeblich. Ein wichtiger Grund war, dass das Fußballspiel im Zarenreich einzig in der Hauptstadt Sankt Petersburg verbreitet war. Militärisch war der Krieg zu diesem Zeitpunkt großteils zu einem Stellungskampf mit unabsehbarem Ende geworden. Hoffnungen auf einen Waffenstillstand vor Weihnachten 1914 wurden bald aufgegeben.
Am 1. Jänner 1915 ereilte auch Rapid-Spieler Josef Uridil der Einrückungsbefehl. Dessen anfängliche Kriegsbegeisterung schwand bald. „Vom 9. Jänner bis zum Zusammenbruch habe ich den Krieg als gemeiner Mann mitgemacht, und die Strapazen, Schikanen und Brutalitäten, die ich in diesen drei Jahren erdulden musste – mäßig gemildert durch zeitweises raffiniertes Tachinieren“, schrieb er in seiner Autobiografie. Dass der Stürmer wenig Zeit an der Front verbringen musste, verdankte er Rapid-Funktionär Anton Wana. Dieser war Oberleutnant eines Landwehrregiments und versuchte, Spieler seines Klubs auf sicherem Posten einzusetzen. Eine privilegierte Stellung hatten Fußballer und Funktionäre im Allgemeinen aber nicht. Vienna-Präsident Hans Martin Mauthner war zum selben Zeitpunkt gemeinsam mit einem der besten Fußballer dieser Jahre, Karl Braunsteiner vom Wiener Sport-Club, und 120.000 weiteren k.-u.-k.-Soldaten von der russischen Armee in der Festung Przemysl eingeschlossen. Als Österreich-Ungarn die Verteidigung der Anlage im März 1915 aufgab, gingen 117.000 Mann in Kriegsgefangenschaft, aus der der 24-jährige Braunsteiner nicht wiederkehren sollte. 1916 starb er an Flecktyphus.
Erholung im Felde statt Vergnügen zu Hause
„Schickt Fußbälle an die Front!“, rief das Illustrierte Sportblatt in der Ausgabe vom 19. März 1915 auf. Aus jenem Zeitraum stammen auch erste Berichte von Fußballmatches an der Front. Aus den Karpaten berichtete ein Wacker-Spieler namens Huber in einem Brief nach Hause, regelmäßig mit einem Ball aus Lumpen zu spielen. Im Wiener Hausregiment „Hoch- und Deutschmeister“ gründeten WAF-Tormann Leopold Bode und Sport-Club-Spieler Karl Duschek einen Fußballverein. Einen Ball sandte ihnen der wegen seiner O-Beine für untauglich befundene Mittelstürmer und damalige Rekordtorschütze der Nationalmannschaft zu: Jan Studnicka vom WAC. Stationiert war das Regiment in einem „kleinen, russischen Ort, der sich, abgesehen von ein paar Fliegerbesuchen und Bombenwürfen, einer ganz und gar unkriegerischen Ruhe erfreut“, wie das Illustrierte Sportblatt im April 1915 schrieb. Regimentsoberleutnant war WAF-Funktionär Schönecker, sein Offiziersdiener der Rapid-Spieler Karl Vladar.
Das Sportblatt wusste auch von einem Fußballspiel der „Deutschmeister“ zu berichten, in dem „ein scharfer Spitzler von WAF-Spieler Haist genügt, um die Hülle des unzureichend aufgepumpten Balles zu verletzen und das Spiel frühzeitig zu beenden“. Dennoch hieß es abschließend: „Spiel und Sport, zu Hause ihr Vergnügen, bedeutet für sie im Felde Erholung von den Anstrengungen des Krieges.“ Im Rahmen von Sportfesten wurden Fußballspiele als Hauptattraktion geboten, denen auch Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich beiwohnte und Siegerpokale überreichte.
Regelmäßig veranstalteten Soldatenauswahlen Matches. U-Boot-Fahrer spielten gegen Artilleristen, die Landwehr gegen die Kavallerie. Auch in der Presse fanden diese Spiele Erwähnung. So etwa nach dem 19. März 1916, als zu Ehren des Namenstags von Erzherzog Josef Ferdinand ein Fußballspiel zweier Landwehrregimenter an der Ostfront stattfand. Das Illustrierte Sportblatt berichtete, dass Leutnant und Vienna-Spieler Robert Bloch die Mannschaften trainierte und es zuwege brachte, einen Lederball mit Hilfe eines Gewehrlaufs und eines Putzstocks aufzupumpen.
Derartige Fußballreportagen von der Front sollten ein friedfertiges und moralisch einwandfreies Bild der Armee zeichnen, das Massensterben im Krieg ging währenddessen weiter. Im Februar 1916 begann an der Westfront eine folgenreiche Schlacht, die als Hölle von Verdun in die Geschichte eingehen sollte. 720.000 Soldaten fielen ihr bis zum Jahresende 1916 zum Opfer. Ab 1917 war auch der wegen seiner Säbelbeine spät für tauglich befundene Rapidler Richard Kuthan an diese Hölle gebunden, lange galt er als verschollen.
Der Fußball wird selbstbewusst
Die wachsende Popularität des Fußballs in der Heimat veränderte ab 1916 auch das Selbstbild der Funktionäre: Die Vereine begannen im Gegensatz zu anderen Sportvereinen, die vom Unterrichtsministerium erhobene Forderung, der Sport möge Aufgaben paramilitärischer Jugendausbildung übernehmen, zurückzuweisen. Natürlich sei der Fußball Kampfesschulung, so eine gängige Argumentationslinie, aber der Sport und besonders der Fußball erfülle ohnedies wesentliche Aufgaben für den Staat. Er symbolisiere die Nation, er stärke den Widerstandswillen der Bevölkerung, er demonstriere dem Ausland die Stärke Österreichs und habe zudem einen hohen Unterhaltungswert für Spieler wie Publikum. Ein Generalfeldmarschall der k.-u.-k-Armee schrieb im Mai 1916 an das Illustrierte Sportblatt: „Im frohen Wettkampf der Parteien stärken sich im Fußball nicht nur die Muskeln, sondern auch der Blick, schneller Entschluss und Tatkraft. Nichtminder aber werden Manneszucht und Gemeinsamkeit, Sinn für Vereinigung der Kräfte und Einheit im Handeln gefördert.“ Nicht die Politik habe also Forderungen an den Fußball zu stellen, sondern umgekehrt: Der Fußball müsse vom Staat gefördert werden, etwa durch die Zurverfügungstellung von Sportstätten, die Finanzierung der Nachwuchsarbeit und steuerliche Begünstigungen, fasste Journalist Silberer den Standpunkt der großen Vereine zusammen.
Während die Monarchie ihrem Ende entgegensteuerte, waren die letzten beiden Kriegsjahre von einer ungemeinen Popularität des Fußballs an der Front geprägt.
Ab der Fußballsaison 1916/17 wurden die Spielzeiten wieder in Hin- und Rückspiel ausgetragen, lediglich der Abstieg blieb ausgesetzt. Aufgrund der schlechten Kriegslage wurden aber alle Städtespiele gegen Berlin sowie Ländermatches gegen Ungarn abgesagt. Während in Berlin beschlossen wurde, „feindliche Ausländer“ wie Engländer und Franzosen vom Fußball auszuschließen, sah Wilhelm Schmieger, Verbandspräsident des damals federführenden Verbands in Österreich, dem NÖFV, keine Notwendigkeit für einen solchen Schritt: Die Maßnahme sei höchst überflüssig und werde nicht nachgeahmt. Der Krieg forderte aber auch in Wien seinen Tribut. Ab dem Frühjahr 1917 mehrten sich in den Medien Hinweise auf mäßigen Besuch und ebenso mäßige Leistungen im Fußball, die durch fehlende Aktive und die zunehmenden Hungersnöte in der Hauptstadt bedingt waren. „Die Leistungsfähigkeit ließ nach und wir kamen besonders Ungarn gegenüber in den Nachteil“, schrieb der spätere Sportreporter Schmieger in seinem Buch „Der Fußball in Österreich“. Allerdings fielen die Klagen im Fußball weit geringer aus als in anderen Sportarten, und auch dieser kriegsbedingte Einbruch sollte den Siegeszug des Fußballs nicht mehr aufhalten können.
Vor dem Zusammenbruch
Während die Monarchie ihrem Ende entgegensteuerte, waren die letzten beiden Kriegsjahre von einer ungemeinen Popularität des Fußballs an der Front geprägt. Sowohl aus dem Hinterland als auch aus der russischen Kriegsgefangenschaft gab es weiter regelmäßig Berichte von Fußballspielen. So kam es im Mai 1917 im Gefangenenlager Werchne-Udinsk zu einem Fußballspiel zwischen k.-u.-k-Soldaten und russischen Realschülern. Das Spiel endete laut Sportblatt 4:4, der Bericht schloss mit der Bemerkung, dass die „Hoffnung auf Frieden eine sehr zuversichtliche geworden“ sei. Heimito von Doderer lernte 1917 das Fußballspiel in sibirischer Kriegsgefangenschaft als Mitglied der Lagerfußballmannschaften kennen. In seinem Essayband „Die sibirische Klarheit“ erinnerte er sich: „Ich spielte rechts Verteidigung. Ich war beliebt. Der Ruf ‚Hoppauf Heimito‘ oder ‚Heimito! Schuss!‘ wurde oft gehört.“
Der Fußball machte sogar in den letzten Tagen der Monarchie keine Pause, Absagen von Sportereignissen gab es nur wegen der Spanischen Grippe, die einige Sportler sogar das Leben kostete.
Im August 1917 berichtete das Sportblatt von einem Wettspiel an der Ostfront, in dem zwei Mannschaften des „Edelweißkorps“, gespickt mit Vertretern des Wiener Sport-Club, gegeneinander antraten. In dieser Ausgabe des Sportblatts gab es erstmals auch einen Bildbericht über den Fußball im Feld. Wettspiele an der Front gehörten 1917/18 bereits zum Alltag. Nach der russischen Revolution kam die Ostfront durch den Frieden von Brest-Litowsk im März 1918 zur Ruhe, die Hauptkriegsschauplätze der langsam zusammenbrechenden k.-u.-k.-Armee hatten sich schon zuvor nach Westen und Süden verlegt. Im August 1917 begann die elfte Isonzo-Schlacht, wo auch Hugo Meisl, der spätere Verbandskapitän des „Wunderteams“, seit 1915 als hochdekorierter Offizier stationiert war. Auch Uridil wurde vom Osten an die Südfront verlegt, zu einem Landwehrregiment im italienischen Pionale, wo der Rapidler auf seinen Mannschaftskollegen Brandstätter traf. Uridil, der dazu eingesetzt wurde, zurückgelassenen Drahtverhau in die eigene Stellung zu holen, lernte nun auch die Schrecken des Krieges kennen. „Natürlich nahmen uns die Italiener, als sie unsere Expeditionen bemerkten, unter schweres Feuer und die Rettung mehrerer Meter Stacheldraht kostete manchem meiner Kameraden das Leben“, schrieb er in seiner Autobiografie.
Das Ende des faulen Zaubers
In Wien strömten währenddessen die Massen ins Stadion. Im November 1917 fand am WAC-Platz ein Länderspiel gegen Ungarn vor 12.000 Besuchern statt, im Sommer 1918 stieg das Interesse noch weiter an: Das österreichische Team trug – vor 15.000 bzw. 25.000 Besuchern – Länderspiele gegen die Schweiz und Ungarn aus, daneben liefen Meisterschaft und Cup sowie Rundspiele mit böhmischer und ungarischer Beteiligung vor immer höheren Zuschauerkulissen ab. Den letzten Kriegsmeistertitel 1918 gewann überraschend der FAC. Die Floridsdorfer waren vermutlich dadurch begünstigt, dass etliche Spieler in den lokalen Industriebetrieben beschäftigt waren und daher als „unabkömmlich“ galten. Der Fußball machte sogar in den letzten Tagen der Monarchie keine Pause, Absagen von Sportereignissen gab es nur wegen der Spanischen Grippe, die einige Sportler sogar das Leben kostete.
Als im November 1918 die Waffen endgültig schwiegen und die Republik ausgerufen wurde, waren Fußballstars wie Tekusch, Braunsteiner, Merz, Schwarz und Urban gefallen, andere wie der spätere Ehrenkapitän der Austria, Ludwig Hussak, befanden sich in Kriegsgefangenschaft. Am 3. November 1918, als der Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und der Entente in Kraft trat, packte Rapids Richard Kuthan vor Verdun seinen Tornister und machte sich auf den Heimweg. „Nach einem Fußmarsch von 28 Tagen traf er in Wien ein“, heißt es in der „Rapid-Chronik“.
„‚Es irrt der Mensch, so lang er strebt.‘ Fast alle führten patriotische Phrasen im Munde und nur wenige durchschauten den faulen Zauber und diese wenigen trauten sich nicht mit der Sprache hinaus“, zog der Sportklub Rapid ein Jahr nach Kriegsende in seiner Festschrift zum 20-jährigen Vereinsjubiläum eine kritische Bilanz über den Krieg. Der spätere Star der Mannschaft, Josef Uridil, der den Umsturz auf Heimaturlaub in Wien erlebt hatte, beschloss dennoch so wie viele seiner Kollegen vorerst beim Heer zu bleiben. In seinem erlernten Beruf als Steinmetz habe er keine Aussicht auf eine Anstellung gesehen, schrieb er in seiner Autobiografie, daher sei er nach Kriegsende dem neu gegründeten „Sportbataillon“ beigetreten. Dem Verbund gehörten auch andere Fußballer wie der damalige Rekordinternationale Alexander Popovics, Richard Kuthan und Franz Schediwy sowie fast die gesamte Sport-Club-Mannschaft in unterschiedlichsten Rangstufen an. Sechs Monate nach Kriegsende löste sich das „Sportbataillon“ auf, ohne je einer konkreten Tätigkeit nachgegangen zu sein.
Beginn einer Massenkultur
Dem Fußball war im Gegensatz zur Monarchie eine glänzende Zukunft beschieden: Auf die wachsende Popularität müsse mit umfassenden Stadionbauten reagiert werden, hieß es nach Kriegsende, was im Laufe der 1920er Jahre vorerst in Gestalt der Hohen Warte und des Simmeringer Platzes auch geschah. Dass der Fußballsport in Wien ab 1918 nicht mehr mit jenem vor dem Ersten Weltkrieg vergleichbar war, zeigte sich in seinem Wachstum innerhalb weniger Jahre. Neben einer enormen Zunahme an Vereinen, Spielern und Plätzen wuchs auch das Publikums- und Medieninteresse sprunghaft. Im Militär und im Krieg, aber auch an der Heimatfront und in der Gefangenschaft hatten Arbeiter wie Intellektuelle die Faszination des Fußballs kennengelernt, den sie nun im Frieden nicht mehr missen wollten. Der Fußball hatte sich dauerhaft verändert. Aus einem vielfach auf bürgerliche Mittelschichten beschränkten Spiel hatte sich ein Sport mit einem enormen Selbstbewusstsein entwickelt, der sich im folgenden Jahrzehnt zur Massenkultur entwickeln sollte.
Mitarbeit: Alexander Juraske
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