Intervallläufe auf gefrorenen Kunstrasenplätzen – es gibt Lustigeres als eine Wintervorbereitung. ballesterer-Redakteur Mathias Slezak hat sie mit dem Regionalligisten FAC absolviert.
Die Pulsuhr ist gnadenlos. Alle paar Sekunden macht mich ein Piepser darauf aufmerksam, dass mein Körper an seine Grenzen stößt. Mehr als 180 Schläge pro Minute werden angezeigt, ich nehme den Wert durch den Schleier meiner Erschöpfung jedoch nicht wirklich wahr. Die Oberschenkel brennen beim fünften Durchgang der Intervallläufe. Drei Minuten Vollgas, drei Minuten Austraben und dann wieder von vorne. Unglaublich, wie lange drei Minuten sein können. Als ich laut schnaufend an Trainer Hans Kleer vorbeilaufe, hebt er kurz den Blick von seiner Uhr und fasst meinen Zustand mit einer einfachen Frage zusammen: „Na, ist das doch ein bisschen etwas anderes, als immer nur am Schreibtisch vor dem Laptop zu sitzen?“ Zurück in die Fußballwelt
Am Schreibtisch klang es tatsächlich einfacher: vier Wochen der Wintervorbereitung mit dem FAC absolvieren. Dieses Selbstexperiment soll ein radikaler Bruch mit dem Alltagstrott sein. Durchschnittlich fast zehn Zigaretten pro Tag, schlechte Ernährung und viel zu wenig Sport sind kein optimaler Lebenswandel. Normalerweise sollte ich ein Aufbauprogramm mit geringer Intensität und längeren Erholungsphasen absolvieren, aber da ist mir die Herausforderung zu gering. Ich möchte noch einmal in die Welt hineinschnuppern, die ich vor neun Jahren im Alter von 15 Jahren verlassen habe. Bis dahin hatte ich im Nachwuchs der SV Ried gespielt, später nur mehr in niedrigen Amateurklassen. Weil ich seit drei Jahren als Pressesprecher beim FAC arbeite, werde ich als Trainingsgast zugelassen.
Mit vier bewegungstherapeutischen Laufeinheiten in den Beinen stehe ich zum Trainingsstart am 7. Jänner am FAC-Platz in Wien-Floridsdorf. Dort heißt es zunächst Trainingsgewand ausfassen. Die Kabine der Kampfmannschaft ist nur für 18 Spieler ausgelegt, deshalb nehme ich eine Tür weiter in der „Zweier“ mit den U18-Kickern und Testspielern Platz.
Vor dem Beginn versammelt Trainer Kleer die Mannschaft auf dem Kunstrasen. Der Ex-Profi hat die Floridsdorfer im Herbst 2011 in akuter Abstiegsgefahr übernommen, zwei Jahre später kämpft der FAC als Herbstmeister der Regionalliga Ost um den Aufstieg in die Erste Liga. „Wir haben einen erfolgreichen Herbst hinter uns. Jetzt heißt es konzentriert arbeiten, damit wir unsere Leistungen bestätigen können“, schwört Kleer die Mannschaft ein.
Dann geht es los. Das Aufwärmprogramm soll den Körper auf die noch folgenden Trainingsbelastungen vorbereiten, mir gibt es innerhalb von zehn Minuten den Rest. Bei einer lockeren Passübung muss ich aussteigen, am Spielfeldrand ringe ich darum, nicht ohnmächtig zu werden. Die Spieler haben ihre Hetz. „Was ist los? Reicht’s schon wieder?“, fragt Stürmer Michael Pittnauer im Vorbeilaufen. „Nur. Eine. Kurze. Pause“, antworte ich gequält. Beim Rest des Trainings treibt es mir die Sünden der letzten Jahre aus den Poren, aber ich halte durch. Statussymbol Toilettetascherl
Am zweiten Tag geht für mich noch vor Trainingsbeginn ein Wunsch in Erfüllung, den wohl jeder Amateurkicker hegt: Ich komme nur mit dem Toilettetascherl zum Training. Das ist in Fußballerkreisen ein Statussymbol: Seht her, ich spiele bei einem Verein, der sich einen Zeugwart leisten kann. „Das ist ein Luxus, den wir zu schätzen wissen“, sagt Pittnauer. Der 25-jährige Sportstudent war im Herbst mit acht Treffern der beste Torschütze der Floridsdorfer. „Wenn du direkt von der Arbeit oder der Uni zum Training kommst, bist du froh, wenn du nicht die ganze Tasche mitschleppen musst.“ Dass das Trainingsgewand frisch gewaschen auf dem Kabinenplatz liegt, dafür sorgt Zeugwart Sepp Kittinger. Sieben Stunden dauert es, das Trainingsoutfit zu waschen und zu trocknen. 70 Kilogramm Wäsche fallen jeden Tag nur durch das Training der Kampfmannschaft an, 50 Kilogramm Waschpulver und 40 Liter Weichspüler werden pro Monat dafür verwendet. „Ich achte darauf, dass ich immer dasselbe Waschmittel verwende“, sagt Kittinger. „Sonst könnte einer von meinen Buben einen Ausschlag bekommen.“
„Lass locker“, befiehlt mir Helmut Mayer, als er meinen Oberschenkel durchknetet. „Tue ich doch, der ist so verkrampft.“
Tag zwei bringt auch den Shuttle-Run, einen Ausdauertest, bei dem wir zwischen zwei Hütchenreihen zu einem akustischen Signal mit steigender Geschwindigkeit hin- und herlaufen müssen. Ich scheide als Erster aus. Bei den folgenden Passübungen mache ich bessere Figur, die Technik sitzt nach wie vor. Im Trainingsspiel ist mir das Tempo dann aber zu hoch, meine Mannschaft verliert 1:3. Immerhin kann ich die Vorlage für das Tor beisteuern. Bereits der zweite Teilerfolg am heutigen Tag.
Am dritten Tag stehen die Kraftkammer und Laufeinheiten auf dem Programm. Ich kann relativ problemlos mithalten, erst nach dem Training am Freitag machen sich starke Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Zeit für einen Besuch beim Masseur. „Lass locker“, befiehlt mir Helmut Mayer, als er meinen Oberschenkel durchknetet. „Tue ich doch, der ist so verkrampft.“ Einbruch mit Ansage
Mit der ersten Woche bin ich zufrieden, es scheint doch nicht so schlimm um die Fitness zu stehen. „Warte auf die zweite Woche, jetzt kommt die Müdigkeit dazu“, sagt Trainer Kleer, der damit mein beginnendes Kopfkino bremst, in dem ich im Frühjahr das FAC-Trikot trage. Ein Wochenende ohne Trainingsbelastung sollte zur Regeneration eigentlich reichen. Nicht für mich, das merke ich schon am Montag in der Kraftkammer. Beinpresse, Sit-ups, Bankdrücken – für die anderen Spieler ein kleiner Belastungsreiz, doch meine Muskeln werden dadurch sofort wieder auf das erschöpfte Niveau der Vorwoche zurückgeworfen. Bei der anschließenden Laufeinheit schleiche ich über den Kunstrasen, die Oberschenkel zwei solide Blöcke aus Laktat.
Viel besser wird es auch in den darauffolgenden Tagen nicht. Die müden Füße jagen den Ball beim Schusstraining unkoordiniert über das Tor, lassen sich bei den Laufeinheiten überrunden und rebellieren bei Sprints. Jetzt wird klar, dass der gute Start nicht daran gelegen ist, dass ich ein sportmedizinisches Wunderkind bin. Mein Körper hat in der ersten Woche einfach sämtliche Kraftreserven verbraucht. Ab jetzt geht es nur noch darum, Einheit für Einheit zu überstehen. „Du hast zu viele schwere Einheiten in zu kurzer Zeit absolviert“, sagt Trainer Kleer. „Da haben wir dich – um es im Fußballerjargon zu sagen – abgestochen.“
Drei Wochen lang trainiere ich von Muskelkater zu Muskelkater, vollständig regenerieren kann ich über die gesamte Vorbereitung nie. Es gibt weiterhin kleine Erfolgserlebnisse: der Schuss ins Kreuzeck beim Abschlusstraining, der eine oder andere schöne Pass oder ganz einfach eine Trainingseinheit, in der die Beine ein bisschen frischer sind als sonst. Trotz der permanenten Überanstrengung erlebe ich die Zeit als mentales Hochgefühl. Endlich wieder Muskelkater, endlich wieder aufgeschundene Knie, endlich wieder am Abend ausgepowert ins Bett fallen.
Mit Fortdauer der Vorbereitung wird deutlich, wie viel Anteil jahrelanges Training am Erfolg eines Spielers und einer Mannschaft haben, denn die Grundelemente des Trainings sind in einer Regionalliga-Vorbereitung dieselben wie in unteren Ligen: Athletik, Technik, Taktik. Konsequente Arbeit und das Verinnerlichen von Automatismen heißen die wenig spektakulären, aber effektiven Methoden, sagt Kleer: „Abgesehen von der richtigen Einstellung geht es vor allem um die technischen Komponenten: Wie ist das Passspiel? Wie viele Kontakte braucht ein Spieler? Wie schnell kann er den Ball in die Spitze spielen?“ Ein gewisses Talent habe man oder nicht, die technischen Fähigkeiten aber könne man ständig verbessern. „Das ist nicht anders als bei einem Tischler. Wenn er sein Handwerk täglich ausübt, wird er auch immer besser.“ 2.000 Trainingseinheiten mehr
Die Quantität und die Qualität der Einheiten machen den Unterschied zwischen 2. Klasse, Regionalliga und Bundesliga aus. „Ein Profiverein mit zehn Einheiten pro Woche kann in der Vorbereitung mehr Inhalte unterbringen als wir in der Regionalliga mit fünf Einheiten“, sagt Kleer. Das summiert sich. Bei den gleichaltrigen Spielern im Kader, die die Akademien und Amateurmannschaften der Bundesliga-Vereine durchlaufen haben, stecken bis zu 2.000 Trainingseinheiten mehr in den Beinen als bei mir. „Da hast du klarerweise das Nachsehen, dir fehlen die Handlungsschnelligkeit und die konditionelle Grundlage“, sagt der Trainer.
Nach vier Wochen Überlebenstraining mit konzentrierten Passübungen, scheinbar unendlichen Intervallläufen, erschöpfenden Einheiten in der Kraftkammer, erfolgreichen und weniger erfolgreichen Trainingsspielen gibt mein Körper auf. Am Freitag der vierten Trainingswoche setze ich zu einem Zwischenspurt an, um die Straßenbahn zu erwischen, bleibe aber schon nach wenigen Schritten wieder stehen. Es ist sinnlos. Meine Waden und Oberschenkel sind so verhärtet, dass ein Beobachter meine Bewegung eher als Hinken, denn als Laufen bezeichnen würde. Am FAC-Platz angekommen, lasse ich mich massieren, bevor ich 30 Minuten lang den Kunstrasen langsam umrunde, auf dem sich die Spieler den Feinschliff für den Titelkampf in der Regionalliga Ost holen. Ich werde mit dabei sein. Als Pressesprecher, vor dem Laptop.
Dieser Text wurde im April 2014 mit dem Journalistenpreis der Sports Media Austria in der Kategorie Nachwuchs ausgezeichnet.
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