Russlands Hinterland präsentiert sich in Jekaterinburg mit einer Skyline: Am Ufer der Isset mitten im Zentrum ragen das Hyatt-Hotel, die Gebietsverwaltung und – noch weit höher – ein gläserner Wohnturm mit 52 Stockwerken in den Himmel. Das Herbstlicht liegt golden über der Stadt, der Abend dämmert. Die Uferpromenade ist belebt, Paare schlendern, Skater huschen vorbei, und eine Straßenband spielt „Smells Like Teen Spirit“. Jekaterinburg am Uralgebirge ist der östlichste Austragungsort der WM 2018 und könnte kaum westlicher wirken. Auf dem Lenin-Prospekt wechseln sich Bars und Cafés ab, die Universität ist nicht weit, und auf vier Spuren schieben sich Autos den Boulevard hinunter. Vorbei an einem bronzenen Lenin, der daran erinnert, dass es einmal die Sowjetunion gab.
Volleyball, Eishockey, Fußball
Während dieser Zeit war die Stadt nicht mehr nach der früheren Zarin Katharina benannt, zwischen 1924 und 1991 hieß sie Swerdlowsk. Heute ist Jekaterinburg mit 1,4 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Russlands und nach wie vor ein bedeutender Industrie standort. Der Bronze-Lenin steht steif auf seinem Sockel, und sein Arm weist den Weg zum Stadion, immer weiter geradeaus. Je näher es rückt, desto mehr Baustellen machen sich breit: Gastarbeiter aus Zentralasien, die regelmäßig auf dem Bau in russischen Städten ihr Auskommen suchen, reißen Löcher in den Boden, tragen Asphalt auf und klopfen Gehsteigplatten fest. Jekaterinburg bereitet sich sicht- und hörbar auf seine Gäste vor. Zur WM im Sommer soll alles glänzen, dann finden hier vier Spiele der Vorrunde statt.
Dabei ist Fußball in der Stadt alles andere als konkurrenzlos: Zum einen sind da die Volleyballerinnen vom VK Uralotschka-NTMK, mit 25 Meistertiteln und acht Europacupsiegen das erfolgreichste Frauensportteam Russlands. Und wie im ganzen Land steht Eishockey hoch im Kurs, auch wenn der hiesige KHL-Klub Awtomobilist nur mäßig erfolgreich ist. Der wichtigste Fußballklub der Stadt wiederum ist der 1930 gegründete FK Ural. Elisabeth Proskurjakowa ist 18 Jahre alt und brennt für ihren Verein. „Nicht jeder kennt den Klub. Warum, weiß ich auch nicht so genau“, sagt sie. Ihr verstorbener Vater arbeitete für den Verein, sie inzwischen auch, wenn sie Zeit hat. Ins Stadion hat er sie schon mitgenommen, als sie klein war – auch wenn die Tore nicht so fielen, wie sie sollten. Das war eine ganze Weile so. Erst seit 2013 spielt der FK Ural wieder erstklassig und liegt in der laufenden Saison aussichtsreich im oberen Tabellen drittel. Im Frühjahr dieses Jahres erreichte er das Cupfinale, verlor allerdings gegen Lokomotive Moskau. „Dieses Jahr sind sie ganz gut“, sagt Proskurjakowa. Sie hofft, dass die Erfolgswelle anhält.
Erhaltene Portale
Vor dem künftigen WM-Stadion legen Arbeiter den Vorplatz Stein für Stein aus. Um mehr als zwölf Milliarden Rubel, umgerechnet rund 177 Millionen Euro, wird das Stadion derzeit ausgebaut, um die von der FIFA als Mindestgröße vorgegebenen 35.000 Plätze zu erreichen. Weil das Zentralstadion zu klein war, hatte es nach der WM-Vergabe in Jekaterinburg zunächst Ärger gegeben. Ins Gespräch kam die Option, ein neues Stadion an anderer Stelle zu bauen. Oder am selben Standort nach einem Abriss. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das Stadion in fünfjähriger Bauzeit runderneuert wurde. Der eigentlich im Zentralstadion beheimatete FK Ural verbrachte seit Mitte der 2000er Jahre schließlich mehr Zeit im Ausweichquartier, dem früheren Uralmash-Stadion, das heute den Namen einer Bank trägt. Es ist zwischenzeitlich ebenfalls saniert worden, um zur WM als Trainingsstätte bereitzustehen.
Erklärter Gegner eines Stadionabrisses war Bürgermeister Jewgeni Roisman, der mit diesem Standpunkt viele Bürger hinter sich versammeln konnte. Seinen guten Namen verdankt er nicht so sehr der Nähe zur Opposition, sondern weil er sich als Hardliner im Kampf gegen Drogen mit seiner eigens dafür gegründeten Stiftung beliebt gemacht hat. Vor vier Jahren gelang Roisman der Einzug ins Rathaus. Allerdings steht das Stadtoberhaupt in Jekaterinburg eher als Repräsentant an vorderster Stelle, die Regierungsgeschäfte führt ein eingesetzter City-Manager. Doch weil Roisman so populär ist, hat seine Stimme Gewicht. Beim Gespräch in seinem Amtszimmer sagt er zur Debatte um den Stadionabriss: „Gut, dass ich dagegen Stellung bezogen habe. Das Wichtigste war, die historischen Wände zu bewahren. Und die Einwohner haben mich unterstützt.“ Die neoklassizistischen Portale aus den 1950er Jahren unterhalb der hochragenden Rundbaukonstruktion sind vielen Einwohnern lieb und teuer. Am Ende mussten sie nicht weichen, obwohl der Umbau gigantische Ausmaße hat. Manch ein Jekaterinburger wittert Korruption, wie viele Russen es bei Großprojekten in ihrem Land tun – um es im nächsten Atemzug nicht selten wieder abzutun. Doch ohne Umbau wäre die WM für Jekaterinburg ohnehin geplatzt. Nun sollen es zwei zusätzlich angebaute Ränge richten, die wie Legobausteine links und rechts ins Stadion hineingeschoben wurden, um die notwendige Kapazität zu erreichen. Nach der WM sollen die improvisierten Stahlrohrtribünen zurückgebaut werden und an Nachbarstädte gehen, sagt Roisman.
Hoffen auf Losglück
Geht es nach dem Bürgermeister, wird Jekaterinburg auch langfristig von den WM-Investitionen profitieren. So sollen neben dem sanierten Zentralstadion anschließend drei nach FIFA-Anforderungen zusätzlich errichtete Trainingsplätze für Jugendteams zur Verfügung stehen. Außerdem würden zahlreiche Gehsteige abgesenkt – eine solche Barrierefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit in Russland.
So wappnet sich Jekaterinburg nun für Fans und Touristen. Deren Aufkommen allerdings, sagt Roisman, hänge am Ende vom Ergebnis der WM-Auslosung ab. „Wenn uns Spanien, Deutschland, England und Frankreich zugelost werden, kommen mehr Leute hierher als in irgendeine andere Stadt.“