T minus acht Monate. Dann wird das Franz-Horr-Stadion wiedereröffnet, und der Spuk im Prater ist vorüber. Zig Meter Distanz zum Spielfeld. Zehn Prozent Auslastung. Nein, im Ernst-Happel-Stadion kann die Austria nicht zur Hochform auflaufen. Das geht nur hier – in Favoriten, in der alten, neuen Heimstätte. Wir stehen mit Manuel Ortlechner auf der Südtribüne und blicken in die fast geschlossene Arena. In der Nordtribüne wird gearbeitet, der Rohbau ist vor Kurzem fertiggestellt worden. Die zweirangige Westtribüne steht schon seit dem Frühjahr. Sie ersetzen ein Stadion, das als Fleckerlteppich mit Charme bezeichnet werden konnte. Dieser Begriff fällt dem ehemaligen Austria-Kapitän ein, wenn er an das Stadion denkt, in dem er 2013 den Meistertitel feiern und in die Champions League einziehen durfte.
GLEICHE HÖHE
Vier Tribünen aus vier verschiedenen Epochen ergaben damals ein sympathisches, aber kein geordnetes Gesamtbild. Dazu kamen noch die unterschiedlich lackierten Sitze auf der Nordtribüne: Wenn der Besuch spärlich war – und das war er bei der Austria oft –, leuchtete das Eck zur Osttribüne in Sponsorengelb, das Eck zur Westtribüne in Sponsorenpink. Dazwischen beige und rote Sitze. Kultig, ja. Aber auch hässlich. Im neuen Stadion wird hingegen, wie es anderswo Usus ist, der Klubname als Muster auf der Tribüne eingelassen. Ein schöner Anblick auch für die Gäste, die außerhalb der Spieltage die VIP-Räumlichkeiten auf der Südtribüne für Veranstaltungen nützen.
West- und Nordtribüne sind in Höhe und Stil nun der Osttribüne angeglichen, die vor neun Jahren eröffnet wurde. Sie hatte eine Stahlrohrkonstruktion der zweifelhaften Kategorie Fußballromantik ersetzt. Nachgetrauert wird dem Ungetüm niemand haben. Einzig gute Resultate konnten den Fans anderer Vereine den unüberdachten Gästeblock schmackhaft machen. Manch Grazer wird sich mit Freuden an einen Sieg des SK Sturm im Herbst 2007 erinnern, bei dem der Block im strömenden Regen aus dem Tanzen und Hüpfen gar nicht mehr herauskam. Damals hatten die Heimfans auf der Westtribüne mitverfolgt, wie sie und ihre Mannschaft eine Niederlage einstecken mussten. Ehre gebührt auch so manchem Fan des SK Rapid. Ausgerissene Sitzschalen und verbogenes Gestänge haben die Notwendigkeit eines Neubaus bei vielen Derbys anschaulich gemacht.
OSTBLOCK
Im Herbst 2008 erfolgte die Einweihung der neuen Ost. Nach einem 0:0 gegen Kapfenberg, zogen wir Fans von der Westtribüne über das Spielfeld in unser neues Zuhause. Ganz egal, dass es formal noch eine Baustelle war. Wir waren da und sind es geblieben, bis wir im Sommer 2016 dem alten Wohnzimmer vorübergehend Lebewohl sagen mussten. Nach dem letzten Heimspiel – diesmal ein Sieg gegen Sturm – hieß es: ab aufs Feld, den Schlüssel als Ersatzspaten ausgepackt, ein Stück aus dem Rasen geschnitten. Kühnere hatten es geschafft, das Tornetz herunterzuschneiden. Später bot die Austria auch die Sitze zum Verkauf an; die Vorarbeiter auf der Baustelle taten in Eigenregie dasselbe. 15 Euro in eine Kaffeekassa, Meißel und Hammer in die Hand, zehn laute Minuten später um zwei Sitze reicher. Bei der Demontage fiel auf, in welchem Zustand das Stadion schon war. Verlebt, verfallen – wie die alten Arenen in Italien, in denen sich das Gras seinen Weg zwischen den Stufen bahnt.
Wenig später machten die Bagger der Szenerie ein Ende. Die Baustelle wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren gleichsam ein magischer Ort für die Fans. Oft schwenkte der Blick aus dem Auto zu den Baukränen in Sichtweite der Südosttangente. Viele waren vor Ort, und abermals waren es die Kühnsten, die durch die Gitter schlüpften und die Baustelle in Beschlag nahmen. Ein anderer Verwegener postete im Internet ein Selfie vom Funkmast aus, der sich neben dem Stadion in den Favoritner Himmel reckt.
BETONBLOCK
Beim heutigen Baustellenbesuch mit Manuel Ortlechner dominiert der Anblick von nacktem Beton. Noch ohne Sitze und unbefleckt von Bier und Spucke aus protestierenden Mündern ist das Stadion eine Momentaufnahme. Das von zwei Verstrebungen gebildete X etwa wird in Kürze nicht mehr auffallen, obwohl es ein so schönes Symbol für den 10. Wiener Gemeindebezirk sein könnte. Die Schräge der Ränge gibt den Gängen darunter, wo bald Fans um Bier und Bratwurst anstehen werden, den Charakter einer Kathedrale. Ortlechner hat all das fotografisch festgehalten. Er hat im Sommer 2017 seine Karriere beendet und dokumentiert mit seiner Leica Abriss und Neuaufbau des Stadions. Ende November präsentierte er den Fotokalender „Deconstruction“. Er ist zum Preis von 20 Euro im Austria-Fanshop erhältlich. Die Erlöse gehen zu einem Teil an die Bildungsinitiative des Vereins, Violafit, ein anderer Teil kommt dem neunjährigen Fan Kevin zugute, der an einer Gehbehinderung leidet.
Die neue Nordtribüne, auf die wir blicken, spielt alle Stückerl. Skyboxen, Tiefgarage, verglaste Front – nun ist das Horr keine unauffällige Hütte am Laaer Berg mehr, sondern ein repräsentatives Bauwerk, das auch noch hinter der angrenzenden Kleingartensiedlung sichtbar ist. „Das tut dem Selbstvertrauen des Klubs gut“, sagt Ortlechner. Schließlich ist das Stadion nicht nur der Arbeitsplatz von Kickern und Coaches. In den zwei Wochen zwischen den Heimspielen der Austria ist es Bürogebäude, Veranstaltungszentrum, Gastronomiebetrieb und Museum. Nun wird es an den Fans liegen, die neue Heimstätte mit Leben zu erfüllen. Dank der Erweiterung der U1 ist das Stadion seit September endlich an die U-Bahn angebunden. Eine Viertelstunde Fahrzeit von der Innenstadt und eine Direktverbindung über die Donau heißen: Die geneigten Austrianer müssen sich andere Ausreden einfallen lassen, nicht ins Stadion zu gehen. Natürlich wird auch die Mannschaft liefern müssen – den „Horr-Roar“ müssen aber auch wir uns erst verdienen.