Alain Masudi spielte einst für Saint-Etienne und den SK Sturm, heute steht er vor dem Nichts. Er lebt ohne Geld und Aufenthaltstitel in Israel und hält sich als Individualtrainer über Wasser. Ein Porträt mit Brüchen und Pausen.
Die Sonne ist erst vor Kurzem aufgegangen, der Himmel über Netanja, 25 Kilometer nördlich von Tel Aviv, ist an diesem Sonntagmorgen klar. Auf einem Fußballplatz befinden sind zwei Männer – ein Spieler und ein Trainer. „Die sind seit mehr als eineinhalb Stunden hier, trainieren“, sagt ein einsamer Beobachter der Szenerie. „Herzlich willkommen“, winkt uns einer der Männer an den Platz heran. „Jetzt können Sie das neue Leben des Fußballers Alain Masudi kennenlernen.“ Er korrigiert sich sofort: „Entschuldigen Sie: des Trainers Alain Masudi.“
Er bläst in seine Pfeife und beendet das Training. Neben ihm steht sein verschwitzter Schützling Rafael de la Souza. Er ringt nach Luft, dann holt er sich mit langsamen Schritten eine Wasserflasche und trinkt. Masudi räumt inzwischen auf, er sammelt die über den Platz verstreuten Bälle ein, baut die Hütchen auf und ordnet die Hürden. „Du warst nicht schlecht“, sagt er zu de la Souza. „Aber du musst beim Abschluss besser werden: Die Schüsse müssen präziser werden, ich möchte mehr Entschlossenheit sehen.“ De la Souza nickt. „Okay, Trainer. Ich werde daran arbeiten“, sagt er. Doch Masudi ist mit seiner Ansprache noch nicht fertig. „Genau das hat mir früher gefehlt – zu tun, was mir der Trainer gesagt hat.“ Dann würden wir heute wohl eine andere Geschichte schreiben, werfe ich ein. Masudi lächelt. „Die Weisheit kommt leider erst im Alter“, sagt er. „Wenn ich das früher verstanden hätte, wäre ich heute wahrscheinlich woanders.“ Doch Masudi ist in Israel – noch immer.
Es war nicht einfach, dieses Gespräch zu bekommen. Masudi traut der Presse nicht. „Sie haben mir immer die Worte im Mund verdreht und Geschichten einfach erfunden“, sagt er. Normalerweise lehne er Anfragen gleich ab. Das Gespräch mit ihm folgt einem ganz eigenen Rhythmus: Manche Fragen beantwortet Masudi kurz, fragmentarisch. Manchmal spricht er fokussiert wie eine Maschine, erzählt ausufernd und flüssig, ehe er wieder stoppt.
Alain Masudi lebt seit 2004 fast ohne Unterbrechung in Israel. Vor etwa sieben Jahren beantragte er hier Asyl. Die letzten Jahre waren nicht einfach. Zunächst spielte er noch für große Vereine wie Maccabi Haifa, dann reichte es nur noch für unterklassige Klubs. Das viele Geld, das er im Laufe seiner Profijahre verdient hatte, ist weg. Wie viel genau das war, wisse er nicht mehr, sagt er. „Ich schätze so fünf bis sieben Millionen Dollar.“ Im April 2017 wurde er kurzfristig festgenommen, nachdem ihn seine frühere Freundin wegen häuslicher Gewalt angezeigt hatte. Nach der Entlassung war er wohnungslos.
Jetzt, im Alter von 39, versucht Masudi einen Neustart. Er ist Individualtrainer für den 20-jährigen Rafael de la Souza, der von einer Profikarriere träumt. „Er hat eine besondere Begabung“, sagt Masudi. „Aber noch wichtiger: Er ist ehrgeizig und hat die richtige Arbeitseinstellung.“ Getroffen hat er ihn bei einem Spiel der untersten Klasse. „Ich habe ihn gesehen und war von seinem Talent beeindruckt. ‚Was macht einer wie du in dieser Liga?‘, habe ich ihn gefragt. ‚Du musst nach Europa.‘ Seitdem habe ich ihn unter meine Fittiche genommen.“ In Wahrheit ist aber nicht ganz so klar, wer da eigentlich wem hilft.
Geboren wird Masudi am 12. Februar 1978 in Kinshasa, der Hauptstadt von Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Eine Fußballerkarriere des Sohnes ist in der Familie nicht vorgesehen. Vater Christophe arbeitet für die Regierung von Mobuto Sese Seko, Sohn Alain soll ihm eines Tages ins Parlament folgen. Doch das Regime zeichnet sich nicht gerade durch Stabilität aus. Daher wird Alain als Zweijähriger gemeinsam mit seiner Schwester bei einer Tante in Paris untergebracht. Christophe bleibt in Zaire, wo er einige Jahre später im Bürgerkrieg ermordet wird. „Diesen Verlust werde ich nie verkraften“, sagt Masudi. „Ich vermisse meinen Vater. Ich bin mir sicher, dass mein Leben besser verlaufen wäre, wenn er an meiner Seite gestanden wäre.“
Masudi wächst in Sarcelles, einer Pariser Banlieue, auf. „Es ist nicht einfach im Ghetto“, sagt er. „Du kämpfst jeden Tag ums Überleben. Vor der Haustüre gibt es Schlägereien, Drogen und Polizeieinsätze. Zum Glück hatte ich den Fußball.“ Seine Karriere beginnt auf der Clairefontaine-Akademie, gemeinsam mit Spielern wie Thierry Henry, William Gallas und Nicolas Anelka. „Das ist der Traum jedes Spielers in Frankreich. Als ich mit 13 dorthin gekommen bin, haben sich alle Türen geöffnet.“ Mit 17 unterschreibt Masudi seinen ersten Profivertrag bei Bastia. „Ich war der jüngste Spieler der Klubgeschichte mit einem Einsatz in der Kampfmannschaft“, sagt er. „Es war besser, als ich mir es je erträumt hätte.“
Wie war das neue Leben als Profi?
Ich habe plötzlich Geld gehabt, viel Geld. Das war vorher unvorstellbar, ich habe nicht einmal ein eigenes Konto gehabt. Deswegen haben sie mich in bar bezahlt. Jedes Monat 27.000 Euro. Davon habe ich meiner Mutter und meinen Brüdern 10.000 geschickt, den Rest habe ich verschwendet.
Wofür?
Ich weiß das nicht mehr so genau. Ich habe nie gut mit Geld umgehen können. Da waren ein Ferrari, ein Porsche, Jeeps, Ausgaben für Freunde und Freundinnen, das teuerste Gewand. Ich habe Geld für Dinge ausgegeben, die ich nicht einmal haben wollte. Ich war ein Narr.
Im Jahr 2000 wechselt Masudi zu Saint-Etienne, er ist überzeugt davon, dass ihm eine große Karriere bevorsteht. Doch der Klub steckt in Schwierigkeiten, er beschäftigt in der Saison fünf Trainer und hat mit einem Skandal über gefälschte Pässe von zwei Spielern zu kämpfen. Inmitten dieser turbulenten Zeit wird Masudi an den FC Lausanne-Sport verkauft. Aus der Schweiz geht es bald weiter zum SK Sturm. „Die beiden Teams haben gegeneinander gespielt“, sagt er. „Ein Sturm-Funktionär hat mich danach gefragt, ob ich für sie spielen würde. Ich habe Ja gesagt, am nächsten Tag war ich in Österreich.“ Die zwei Jahre in Graz betrachtet er heute als die wichtigsten seiner Karriere. „Wir haben zwar keinen Titel gewonnen, aber mein Wechsel war ein unglaublicher Moment. Ich war sehr aufgeregt, endlich war ich bei einem großen Team, endlich in der Champions League.“ In Österreich habe er erstmals erkannt, was den Fußball eigentlich ausmache, sagt er.
„Ich habe plötzlich Geld gehabt, viel Geld. Das war vorher unvorstellbar, ich habe nicht einmal ein eigenes Konto gehabt. Deswegen haben sie mich in bar bezahlt. Jedes Monat 27.000 Euro.“
Was meinen Sie damit?
Ich habe die Ehre gehabt, Ivan Osim kennenzulernen. Er hat meinen Blick auf den Fußball verändert. Davor war ich ein Spieler, der sich nur ungern vom Ball getrennt hat. Ich hatte einfach nur Talent, doch er hat mich das Spiel gelehrt. Ich erinnere mich, wie wir uns zusammen Matches angeschaut haben, einfach um zu lernen. Was man in jeder beliebigen Situation am Feld tun sollte: wohin man laufen soll, wann man abspielen soll. Er hat mir beigebracht, jede Rolle auf dem Feld zu spielen.
War das immer harmonisch?
Nein, wir haben ständig gestritten. Wenn ich nicht gemacht habe, was er verlangt hat, hat er mich auf die Bank gesetzt. Aber ich muss ihm danken, er hat mich auf das nächste Level gehoben. Plötzlich sind Klubs wie Arsenal und West Ham gekommen, um mich zu beobachten. Doch da war auch Präsident Hannes Kartnig, der alles zerstört hat. Er hat den Zusammenhalt gesprengt. Normalerweise muss die Mannschaft immer an erster Stelle stehen, doch er hat sich selbst für wichtiger gehalten. Das war eine Katastrophe.
Was meinen Sie damit?
Ich bin mit ihm überhaupt nicht ausgekommen. An manchen Tagen hat er gesagt: „Alain, wenn du das nächste Spiel nicht gewinnst, gibt es eine Gehaltskürzung.“ Das war schrecklich. Er hat sich zwar nicht getraut, die Drohung umzusetzen, aber die Stimmung im Team war im Keller. Schlussendlich wollte ich da raus, also habe ich den Verein verlassen. Das tut mir bis heute leid.
Danach sind Sie nach Libyen gegangen. Wie ist das zustande gekommen?
Ich habe mit dem Nationalteam des Kongo gegen Libyen gespielt. Nach der Partie ist Saadi Gaddafi, der Sohn von Muammar, zu mir gekommen und hat mir viel Geld geboten: eine Prämie von zwei Millionen Dollar allein für den Wechsel zu Ittihad. Ich war dann aber nur ein paar Monate dort. Der Schritt war ein großer Fehler. Denn wenn du Europa einmal verlässt, wird es viel schwieriger, wieder zurückzukommen.
Dann sind Sie bei Bnei Sachnin gelandet.
Ja, der Trainer hat mich angerufen und mir erzählt, dass sie gerade den Cup gewonnen haben und jetzt in Europa Erfolge feiern würden. Dass der Klub mit Maccabi Haifa vergleichbar sei – und sogar in der Nähe. Ich hatte gute Erinnerungen an Haifa, weil wir mit Sturm in der Champions League gegen sie gespielt haben. Nach meiner Landung bin ich ins Taxi gestiegen, und wir sind losgefahren. Es geht durch Tel Aviv, ich denke: „Alles wunderbar.“ Dann geht es weiter durch Herzlia, Netanja, Haifa, alles schaut immer noch schön aus – und dann kommen wir in Sachnin an. Ich respektiere eigentlich alle Orte, an denen ich spiele, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wir parken an einem Trainingsplatz ohne Gras, die Einheit hat schon vor 25 Minuten begonnen. Der Trainer erkennt mich und ruft: „Masudi, was machst du denn? Zieh dich um.“ Ich bin zur Mannschaft gestoßen, der Trainer hat alle nur wie Soldaten angeschrien: „Masudi, herkommen! Ich werde es dir bis zum Ende zeigen.“ Ich war total schockiert – vom Trainingsplatz und den Anforderungen. Ich wollte sofort wieder weg, habe mich dann aber damit abgefunden.
Zu Saisonende verabschiedet sich Masudi, es folgen kurze Engagements bei Maccabi Netanja, Maccabi Tel Aviv, MS Aschdod, Maccabi Herzlia und eine Saison bei Dalian Shide in China. Danach kehrt er zu Maccabi Herzlia zurück, ehe er im Juni 2011 bei Hapoel Ironi HaScharon unterschreibt. Damals steht er kurz vor der Abschiebung, da seine Arbeitsbewilligung nicht verlängert wird. Erst bei der Berufungsverhandlung wird sie ausgesetzt. Gleichzeitig wird Maccabi Herzlia von der Einwanderungsbehörde mit einer Strafe belegt, weil der Klub Masudi ohne Arbeitsbewilligung beschäftigt hatte. 2015 beendet er schließlich seine Karriere, seither lebt er ohne Aufenthaltstitel in Israel.
Bevor er de la Souza trifft, steht Masudi vor dem Nichts. Er lebt in einem billigen Motel im Süden Tel Avivs, in der Nähe des alten Busbahnhofs – keine gute Gegend. Doch er möchte im Land bleiben, vor allem wegen seiner zehnjährigen Tochter Chanel, die er gemeinsam mit seiner früheren Freundin, einem Reality-TV-Star, hat. Während Masudi sich von Tag zu Tag kämpft, bemüht sich sein Anwalt um ein Visum und die Erlangung der Staatsbürgerschaft. „Ich bin seit elf Jahren hier. Ich habe immer nur gut über Israel gesprochen, fast wie ein Botschafter des Staats“, sagt er. „Meine Tochter ist Israelin. Alles, was ich möchte, ist, mir hier ein normales Leben aufzubauen. Wenn ich nach Frankreich zurück muss, bin ich verloren.“
Können Sie das erklären?
Die Mutter meines Sohns Enzo ist eine berühmte Fernsehmoderatorin, deswegen kennen mich die Leute dort. Das ist schon einmal nicht gut. Dazu halten sie mich in meiner alten Nachbarschaft aufgrund meines Aufenthalts in Israel für antimoslemisch. In Sarcelles reden alle schlecht über mich. Ich habe dort alle meine Freunde verloren.
De la Souza unterbricht seinen Trainer: „Er ist ein großer Mensch und ein exzellenter Trainer“, sagt er. „Ich wünsche uns beiden Erfolg. Er kann meine Karriere retten, ich sein Leben. Wir hängen voneinander ab.“ Masudi schaut seinen Spieler an und nickt.
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