An einem klaren Novembermorgen 2025 kommt Munther Amira, Direktor des Aida-Jugendzentrums in Bethlehem, zum Fußballplatz seiner Organisation und findet dort ein Stück Papier. Es ist eine Anordnung zum Abriss der Anlage, ausgestellt von der israelischen Zivilverwaltung. Am Neujahrstag folgt ein zweiter Befehl. Der Grund: Sicherheitsbedenken. Der Platz liege zu nahe an der Trennmauer. Die Zivilverwaltung ist die für das Westjordanland zuständige Regierungsbehörde und trotz ihres Namens eine Unterabteilung der Israel Defence Forces, kurz IDF, also des Militärs. Die Mauer, das ist die von Israel gebaute Sperranlage zum mehrheitlich von Palästinenser*innen bewohnten Westjordanland.
KÖNIG UND ERZIEHERIN
„Dieser Fußballplatz existiert seit sieben Jahren, und jetzt reden sie plötzlich von Sicherheit?“, sagt Amira. In seiner Stimme mischen sich Erschöpfung und Trotz. „Das ist keine militärische Einrichtung. Wir bringen Kindern bei, etwas aus ihrem Leben zu machen, damit sie nicht in den Kreislauf der Gewalt hineingezogen werden. Wir haben einen Ort des Friedens geschaffen. Der Befehl lautete, den Platz zu zerstören, sonst würden uns die Kosten für den Abriss durch die IDF in Rechnung gestellt werden.“
Tatsächlich ist der kleine Kunstrasenplatz im Schatten der Betonmauer, die über dem benachbarten Flüchtlingslager Aida aufragt, viel mehr als ein Fußballfeld. Er ist ein Zufluchtsort für hunderte Kinder, die Heimat des Lajee-Kulturzentrums und der Jugendteams des Aida-Camps sowie ein Trainingsplatz für vier Spielerinnen des palästinensischen Nationalteams. Dank internationaler Kooperationen sind die Nachwuchsmannschaften schon zu Turnieren in Kopenhagen, Madrid und Paris gereist. Es ist ein Ort, an dem sich die Jugendlichen zumindest 90 Minuten lang wie Fußballerinnen und Fußballer an anderen Orten der Welt fühlen können. Aber in der komplexen Geografie und Politik des Westjordanlands kann selbst ein Kunstrasenplatz zur Provokation werden.
Auf die Abrissbefehle folgte ein Meisterstück der erstaunlich vernetzten Welt des modernen Sports. Wenn ein lokaler Fußballplatz bedroht ist, bleiben die Proteste dagegen in der Regel lokal. Aber der Aida-Platz ging viral. Um den in den Augen des israelischen
Militärs gefährlichen Rasen zu schützen, entstand eine ungewöhnliche Allianz. Da war zum einen Eric Cantona. Der Ex-Profi von Manchester United hat sich schon früher für die Rechte von Palästinenser*innen engagiert und unterstützte auch die Kampagne für den Erhalt des Aida-Platzes auf Social Media. Unerwarteter war der Auftritt von Rachel Anne Accurso, bekannt als „Ms. Rachel“, eine Pädagogin und YouTuberin, die mit Videos für Kleinkinder und deren Eltern berühmt geworden ist. Wenn sich eine französische Fußballlegende und eine US-amerikanische Erziehungsinfluencerin für etwas aussprechen, ist Aufmerksamkeit garantiert.
VERBÄNDE UNTER DRUCK
Gestoppt wurden die Bulldozer am Ende nicht von Videos und Instagram-Storys, sondern durch einen dritten und auf den ersten Blick eher langweiligen Protagonisten: die Berner Steuerbehörde. Die Kampagne weckte die Aufmerksamkeit der Schweizer Gesetzgeber. Die UEFA profitiert ebenso wie die FIFA dank der Einstufung als gemeinnützige Organisation erheblich von Steuerprivilegien im Land und spart so viele Millionen – ein Status, der von manchen Schweizer Finanzbeamten und Politiker*innen kritisch betrachtet wird. Ihr Argument im Fall des Aida-Platzes war einfach: Wenn die UEFA eine Steuerbefreiung beansprucht, weil sie Frieden und die Achtung des Völkerrechts fördert, wie kann sie dann schweigen, wenn ein Fußballplatz abgerissen werden soll, der noch dazu durch mit der Schweiz verbundene Projekte unterstützt wird?
Der Schweizer Botschafter in Israel, Simon Geissbühler, fand sich im Zentrum einer diplomatischen Krise wieder. „Die FIFA und die UEFA haben sich eingeschaltet, weil wir einen Brief von palästinensischen Bürgern erhalten haben“, sagt er im Gespräch mit dem ballesterer. „Unsere Position ist klar: Wir wollen gemeinsam etwas aufbauen. Wird ein Fußballplatz in einem Flüchtlingslager zerstört, sendet das ein sehr schlechtes Signal.“ Die Ironie war unübersehbar: Die Schweiz und die FIFA standen kurz vor dem Abschluss einer gemeinsamen
Initiative zum Bau zehn sogenannter Friedensplätze, fünf im Westjordanland und fünf in benachteiligten Gemeinden in Israel, darunter arabische und beduinische Städte. „Die Kinder und Jugendlichen sind die Opfer dieser Eskalation, sowohl in Israel als auch auf palästinensischer Seite“, sagt Geissbühler. „Wir hätten unmöglich den Plan zum Bau neuer Spielfelder vorantreiben können, wenn dieser Platz zerstört worden wäre.“
Angesichts eines möglichen Steueralbtraums und einer PR-Katastrophe schritten UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und FIFA-Präsident Gianni Infantino zur Tat: Sie wandten sich an den israelischen Fußballverband, der wiederum bei den militärischen und politischen Entscheidungsträgern lobbyierte. Der Abriss ist vorerst ausgesetzt, doch das endgültige Schicksal des Platzes liegt in den Händen der politischen Führung Israels. Während Fußballdiplomaten und Schweizer Politiker*innen telefonierten, blieb eine Institution auffällig still: der palästinensische Fußballverband. Sein Beitrag beschränkte sich trotz der hohen Aufmerksamkeit des Falls auf ein paar verspätete Postings in den sozialen Medien. Für viele Menschen in der Region Bethlehem war dies eine bittere Erinnerung daran, dass der palästinensische Fußball oft besser von externen Parteien gefördert wird als von seinem eigenen Verband. Während dessen Präsident Jibril Rajoub zu Verhandlungen in Katar und Kairo weilte, mussten die Kinder des Aida-Camps sich ihre Retter in der Schweiz suchen.
TRÄUME VON FREIHEIT
Die Nachricht von der Aussetzung des Abrissbefehls erreicht Munther Amira im Aida-Jugendzentrum nicht durch ein offizielles Schreiben, sondern durch Medienberichte. „Wir haben es online gesehen, vom Militär und von der FIFA hat niemand mit uns gesprochen.“ Für die Kinder im Lager sind die Paragrafen des Schweizer Steuerrechts irrelevant. Was zählt, ist, dass das Kunstrasenfeld erhalten bleibt. „Dieser Ort schenkt den Kindern Leben“, sagt Amira. „Sie würden nicht nur einen Platz zerstören, sondern Träume von Freiheit.“
Während sich das Aida-Jugendzentrum auf sein nächstes Spiel vorbereitet, bleibt der Kunstrasenplatz eine fragile Insel der Normalität. Er erinnert daran, dass ein Fußballplatz nicht einfach nur ein Fußballplatz ist – er kann eine Grenze sein, eine Steuerlücke, ein virales Video und ein Schlachtfeld. Vorerst können die Kinder von Aida dort noch kicken, aber sie wissen, dass ihr Recht, Fußball zu spielen, von einem fragilen Gleichgewicht globaler Mächte abhängt.