Der israelische Fußball hat in der Vergangenheit zwei Typen von Menschen immer wieder eine Bühne geboten: Magnaten und Schwindlern. Im Herbst stellte sich Hamad bin Khalifa Al Nahyan der Öffentlichkeit vor. Er wird sich in diese Reihe einreihen, das ist schon jetzt klar. Offen ist, zu welchem der zwei Typen er gehört: Hat er viel Geld, oder tut er nur so? In jedem Fall hat die Geschichte das Potenzial eine der verrücktesten des israelischen Fußballs zu werden. Al Nahyan, der sich als milliardenschweres Mitglied der königlichen Familie der Vereinigten Arabischen Emirate präsentiert, hat Anfang Dezember einen Kaufvertrag über 50 Prozent der Anteile des Erstligisten Beitar Jerusalem unterzeichnet. Damit würde ihm die Hälfte jenes Vereins gehören, der bis heute keinen arabischen Spieler verpflichtet hat und dessen Fans jeden Versuch der Klubführung, das zu ändern, bekämpfen.
Sportliche Annäherung
Als Al Nahyan in Dubai den Vertrag unterzeichnete und in eine traditionelle Kandura gekleidet mit einem Dress mit seinen Initialen in der Hand für Fotos posierte, sorgte das weltweit für Schlagzeilen. Einen Deal, der Schranken einreißt, nannte es die New York Times. Dass ein solches Geschäft überhaupt möglich scheint, sagt einiges über die aktuelle Situation in Israel aus. In den Reaktionen mischen sich Skepsis, Begeisterung und die Angst vor Einfluss von außen. Die Meldung über den Verkauf traf nicht nur zu einer Zeit ein, in der die Coronapandemie das Land fest im Griff hatte, sondern auch wenige Monate nach der Annäherung zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten: Im September unterzeichneten die Staaten ein Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die Emirate sind nach Ägypten und Jordanien das dritte arabische Land, das Israel anerkennt.
Er sei hocherfreut, Partner eines so bekannten Klubs in einer so großartigen Stadt zu werden, sagte Al Nahyan bei der Präsentation. Er deutete an, dass die Diskriminierung von Arabern bei Beitar schon bald enden werde. „Die Tür steht jedem Spieler offen, egal woher er kommt oder welchen Glauben er hat“, sagte er. „Es sollte nur um Talent gehen.“ Mehr als 100 Fans erschienen am Trainingsgelände, um gegen den Einstieg zu protestieren. Andere hießen den neuen Eigentümer mit einem Spruchband willkommen.
Verkaufsschlager
Bald kamen weitere Zweifel auf. In den sozialen Netzwerken hieß es, der Scheich sei gar keiner, die Verwandtschaft mit der Herrschaftsfamilie nur eine entfernte, bis vor Kurzem habe er Adel Atiba geheißen. „Wer bist du, Khalifa?“, fragte die Nachrichtensendung Kan News. Für Skepsis sorgte auch, dass der Wikipedia-Artikel zu Al Nahyan erst fünf Tage vor der Vertragsunterzeichnung erstellt wurde und ebenso wenig wie seine Website sein Geburtsdatum verrät.
Der bisherige Alleineigentümer Beitars, Moshe Hogeg, ließ sich davon nicht beeindrucken. Der 39-jährige IT-Unternehmer ist nach Firmenbankrotten und Anzeigen wegen Betrugs umstritten. Er kaufte den Klub im August 2018 um 26 Millionen Schekel, gut 6,5 Millionen Euro. Schon er wollte bei Beitar für frischen Wind sorgen. Religion, das erklärte Hogeg bei der Übernahme, sollte bei der Personalpolitik keine Rolle mehr spielen. Nachdem ihm noch immer die Hälfte der Anteile gehört, ist er auf dem besten Weg, der längstdienende Eigentümer der jüngeren Vereinsgeschichte zu werden. Seitdem Beitar 2001 unter Insolvenzverwaltung stand, hatte der Klub sechs Besitzer. Sportlich gab es in der Ära Hogeg nur kleinere Erfolge, die Investitionen von kolportierten rund 20 Millionen Euro seit der Übernahme reichten nicht, um es mit Maccabi Tel Aviv und Maccabi Haifa aufzunehmen. Viermal wurde Beitar in den letzten fünf Jahren Dritter. Das berechtigte zwar für einen Platz in der Qualifikation für die Europa League, weit kam Beitar dort jedoch nie. Zuletzt scheiterte die Mannschaft zweimal in der ersten Runde.
Kryptovermögen
Trotzdem berichtete die Tageszeitung Haaretz, dass Al Nahyan mehr als 25 Millionen Euro für die Anteile bezahlte. Fast ein Vierfaches jener Summer, für die Hogeg vor zweieinhalb Jahren den gesamten Verein kaufte. Der würde davon in doppelter Hinsicht profitieren: Nicht nur könnte er in der Rolle des Diplomaten, der einen sensationellen Deal einfädelt, sein Image verbessern. Er bekäme auch das Geld, das er in den Verein gesteckt hat, wieder heraus. Beides könnte dringend nötig sein, denn Hogeg soll in undurchsichtige Deals mit Kryptowährungen verwickelt sein, über die er auch den Kauf des Fußballvereins finanziert habe. In den USA laufen Ermittlungen gegen ihn.
Doch noch ist das Geschäft, das Investitionen in den Verein von bis zu 100 Millionen Euro über die nächsten zehn Jahre beinhalten soll, nicht unter Dach und Fach. Das zuständige Komitee des Fußballverbands muss den Vorgang noch erlauben, und die Skepsis ist nach einer Videokonferenz mit Al Nahyan am 31. Dezember 2020 eher gewachsen. Nach Berichten der Tageszeitung The Marker steht der Verdacht im Raum, dass er nur ein Strohmann sei und der Verkauf einer Geldwäscheoperation diene. Und dann ist da noch die Frage nach seinem tatsächlichen Vermögen. Gegenüber dem Verband gab Al Nahyan an, über 1,3 Milliarden Euro zu verfügen. Doch 1,2 Milliarden davon bestehen offenbar aus venezolanischen Staatsanleihen – aufgrund der prekären Situation des lateinamerikanischen Staats keine allzu sichere Investition. Finanzexperten gehen davon aus, dass der tatsächliche Wert bei höchstens zehn Prozent der Anlage liegt.
Nach den ersten euphorischen Reaktionen auf die Fortsetzung der der diplomatischen Beziehungen im Fußball ist die Begeisterung also deutlich abgeklungen. Jenen Beitar-Fans, die Araber weder am Platz noch in der Chefetage sehen wollen, kommt das entgegen. „Nach der Nachricht über den Deal wollten wir sofort auf die Barrikaden gehen, aber jetzt erledigen die Medien die Arbeit für uns“, sagte einer von ihnen.
Übersetzung: Moritz Ablinger