Gerard Pique erwägt einen Pass zu Thiago Alcantara. Doch Argentiniens Spielmacher Ever Banega stellt sich in den Passweg und läuft Pique seitlich an, wodurch diesem nur noch das Zuspiel zum rechten Außenverteidiger Daniel Carvajal übrigbleibt. Carvajal wird nun an der Outlinie von drei Argentiniern umringt und hat so keine Anspielstation für einen kurzen Pass mehr, wie ihn die Spanier im Spielaufbau bevorzugen. Argentiniens Team steht hoch und verschiebt im Kollektiv weit auf die Ballseite. Argentiniens Flügelstürmer Maximiliano Meza und Außenverteidiger Nicolas Tagliafico attackieren Carvajal und drängen ihn zu einem Rückpass bis tief in die eigene Hälfte. Die argentinische Pressingfalle hat zugeschnappt. Die Szene aus der zweiten Minute der Partie zwischen Spanien und Argentinien vom 27. März zeigt die Handschrift des neuen Teamchefs Jorge Sampaoli, der mit seiner riskanten und pressingorientierten Spielweise bei der WM wieder für Furore sorgen möchte – so wie vor vier Jahren mit Chile.
Menotti gegen Bilardo
Aufgewachsen ist der 57-jährige Sampaoli im Norden Argentiniens. Seine aktive Karriere beendete er nach einem Waden- und Schienbeinbruch schon als 19-Jähriger bei den Newell’s Old Boys in Rosario. Dort traf er auf Marcelo Bielsa, dessen Trainings er später ausgiebig studierte, um an der eigenen Trainerkarriere zu basteln. Jener Bielsa, der um die Jahrtausendwende das argentinische Nationalteam betreute und wegen seines Pressings häufig von Josep Guardiola als Vorbild genannt wird. Guardiola wiederum wird vom älteren Sampaoli später als Vorbild genannt werden, denn auch er forciert ein Ballbesitz- und Positionsspiel.
Seine bisher größten Erfolge als Trainer feierte Sampaoli in Chile: Mit Universidad de Chile holte er zwei Meistertitel und 2011 erstmalig die Copa Sudamericana. Anschließend saß er vier Jahre lang auf der Trainerbank des Nationalteams: Bei der WM 2014 erreichte seine Mannschaft das Achtelfinale, 2015 gewann sie erstmals die Copa America. Daraufhin wurde Sampaoli in der FIFA-Wahl zum Trainer des Jahres Dritter. 2016 wechselte er zum FC Sevilla, den er in der folgenden Saison in die Champions League führte. Im Juni 2017 wurde er vom argentinischen Verband schließlich aus seinem Vertrag herausgekauft, um dem Nationalteam das Scheitern an der WM-Qualifikation zu ersparen.
Zurück in seiner Heimat verhalf Sampaoli Argentinien mit dem 3:1-Sieg gegen Ecuador in der letzten Qualifikationsrunde zum Ticket nach Russland. Die Probleme, die er bei seinem Antritt vorgefunden hat, konnte er allerdings noch nicht beheben. Sie sind der fehlenden Kontinuität im Verband geschuldet: Das betrifft die unsystematische Kaderplanung ebenso wie die Trainerwahl der letzten Jahre.
Seit Bielsas Abgang 2004 wechselten sich Teamchefs mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen ab. Dieses Hin und Her unterschiedlicher Philosophien hat immerhin Tradition, wie der der Blick auf die beiden bisherigen Weltmeistertrainer von 1978 und 1986 zeigt: Auf der einen Seite steht mit Luis Cesar Menotti ein Prediger des schönen Spiels, auf der anderen mit Carlos Bilardo ein Defensivfanatiker. Bilardo-Schüler Alejandro Sabella, der Argentinien 2014 ins Finale führte, forcierte eine reaktive Spielweise, während Sampaolis Angriffsstil eher dem Credo Menottis folgt. Doch obwohl der aktuelle Teamchef die offensiven Stärken seines Kaders betont, war seine Mannschaft von einem ansehnlichen Spiel in Ballbesitz zuletzt noch weit entfernt. Das Testspiel gegen Spanien Ende März verlor Argentinien 1:6.
Offensive Optionen
In dieser Partie agierte Sampaolis Team ohne Ball in einem 4-2-3-1, zeitweise formierte sich dabei vorne eine Zweier- oder Dreierkette, um den spanischen Verteidigern im Spielaufbau die Anspielstationen zu nehmen oder sie in eine Pressingfalle zu locken. Trotz einiger Ballgewinne durch das Angriffspressing und kompakte Staffelung bekam das Mittelfeld in Ballbesitz Probleme gegen das dominante spanische Zentrum. Allerdings fehlten bei Argentinien Stammspieler wie Angel Di Maria und Lionel Messi.
Eine von Sampaolis Aufgaben besteht darin, die Stärken von Messi richtig zur Geltung bringen. Dieser erzeugt aus einer halbrechten tieferen Position besonders viel Gefahr, wenn er seine Tempodribblings nach innen startet, den diagonalen Pass auf den einrückenden linken Flügel spielt, den Lochpass durch die Mitte tätigt oder selbst schießt. Paulo Dybala besitzt ähnliche Stärken und agiert bei Juventus auch etwas zurückgezogen. An vorderster Front bietet sich der robuste Mittelstürmer Gonzalo Higuain, der auch hohe Zuspiele verwerten kann, ebenso an wie der kombinationsstarke Strafraumstürmer Sergio Aguero, der sich gegen tiefstehende Mannschaften wie Gruppengegner Island besonders gut eignet. Sampaoli hat in der Offensive also die Qual der Wahl – und auch den Vorteil, den Einsatz seiner Stürmer an die Spielweise des Gegners perfekt anpassen zu können.
Aufgrund der starken Innenverteidiger wie Javier Mascherano und Nicolas Otamendi und des Mangels an Außenverteidigern hat Sampaoli zuletzt eine Dreierabwehr getestet. Bei einer offensiven Auslegung könnte Di Maria die linke Seite als Flügelspieler flankieren, gegen stärkere Gegner der gelernte Außenverteidiger Tagliafico zum Einsatz kommen. Im zentralen Mittelfeld ist Milans Lucas Biglia gesetzt, der als Spielgestalter aus der Tiefe die Fäden zieht und als Bindeglied zur Angriffsabteilung fungiert.
Aufgrund seines riskanten Spiels, wird Sampaoli – ebenso wie sein Vorbild Guardiola – noch an der Balance zwischen Defensive und Offensive feilen müssen. Gelingt das, könnte Argentinien mit seiner hohen individuellen Klasse auch als Kollektiv ähnlich überzeugen wie Chile 2014.