„Nächstes Jahr werde ich ein Referat über Bright Edomwonyi halten. Er ist mein Lieblingsspieler.“ – Ich weiß nicht, was ich sagen soll, als der zehnjährige Sohn meiner Lebensgefährtin mit diesem Vorhaben auf den Lippen von der Schule nach Hause kommt. Sein Lieblingsspieler hat gerade einen Leihvertrag bei der Wiener Austria unterschrieben, nachdem er kurz zuvor mit seinen Toren zum Cupsieg von Sturm beigetragen hat. Mit Edomwonyi haben fünf weitere Stützen den Verein nach einem der erfolgreichsten Jahre der Klubgeschichte verlassen. Peter Zulj könnte noch folgen.
Gekrönt wurde dieser Aderlass durch Uros Matic. Im Herbst 2016 hatte er als Spielmacher eine halbe Saison lang die Sturm-Fans verzückt, auf den Wechsel zum FC Kopenhagen reagierten sie verständnisvoll. Im Sommer 2017 sagte Matic der Kleinen Zeitung: „Ich würde gerne wieder für Sturm Graz spielen.“ Der Klub versuchte noch im April 2018, ihn zurück nach Graz zu holen. Nun ging er zur Wiener Austria.
Beinahe sämtliche wechselnden Spieler sagten bei ihrer Ankunft und kurz nach ihrem Abschied Sätze wie: „Ich möchte international spielen und Titel holen.“ und „XY ist ein Verein mit großer Tradition und tollen Fans.“ Das hätten sie auch in Graz haben können. Warum sagen sie nicht die Wahrheit oder halten den Mund? Vielleicht möchten sie mehr Geld verdienen, denken nicht nach, wurden bei Sturm schlecht behandelt, folgen einem Beraterrat oder waren emotional nie so an den Verein gebunden, wie sie es glauben machen wollten. Menschen können auch einfach ihre Meinung ändern und ihre Situation neu bewerten.
All das sage ich dem Buben nicht, als er mein Sturm-Leiberl mit der Unterschrift von Matic findet und begeistert fragt: „Toll, warum ziehst du das nie an?“ Ich müsste ihm dann auch von Max Hagmayr erzählen, der viele der gewechselten und gegenwärtigen Spieler vertritt und damit eine starke Marktmacht besitzt. Von Ausstiegsklauseln und den Vor- und Nachteilen vertraglicher Bestimmungen je nach Standort im Zeit-Erfolg-Kontinuum. Ich hätte ihm sagen müssen, dass Spieler und Berater bei einem Wechsel am leichtesten Geld verdienen können. Legionen an Fanherzen werden so jährlich gebrochen – und erfreut. Das Transferkarussell hat sich zuletzt atemberaubend beschleunigt, seine Fliehkräfte haben den Sport erheblich beschädigt. Doch eine verklärte Nostalgie wäre die falsche Lesebrille für derartige Nachrichten. Es war strukturell nie anders im kapitalistischen Sportbetrieb. Wechsel entgegen der sportlichen Leistungs- und Erfolgslogik hat es immer gegeben.
Ich werde dem Zehnjährigen sagen: „Fußball ist ein Mannschaftssport. Die Spieler vergessen, dass sie nur im Kollektiv und mit Unterstützung der Fans so erfolgreich waren.“ Ihren Marktwert haben sie durch den Transfer zwar maximiert, ihre Leistung beim neuen Klub steht aber in den Sternen. Auch Sturms Verantwortlichen werden die Ablösesummen nicht zwingend helfen. Ganz abgesehen davon, dass sie damit dieselbe Spirale bei anderen Klubs in Gang setzen, müssen sie erst wieder ein neues funktionierendes Kollektiv aufbauen. „Es zählt nur der SK Sturm, nicht der einzelne Spieler“, werde ich ihm sagen. Dann werden wir unsere Sturm-Leiberl ohne Spielernamen am Rücken anziehen und im Garten Fußballspielen.