Anfang der 1990er Jahre lag die nordirische Nationalmannschaft am Boden. Inneririsch war sie vom Nationalteam der Republik überholt worden, das zuvor stets im Schatten der Nordiren gestanden war, die immerhin an den Weltmeisterschaften 1958, 1982 und 1986 teilgenommen hatten. Eine Trendwende sollte erst Michael O’Neill einleiten, der im Dezember 2012 zum Teamchef bestellt wurde. O’Neill war der erste Katholik seit einem halben Jahrhundert auf diesem Posten. Der letzte war Peter Docherty gewesen, der Nordirland 1958 zur WM geführt hatte. Das war allerdings lange vor dem Ausbruch des nordirischen Bürgerkriegs gewesen.
Besser als nichts
O’Neills Bestellung wurde als Versuch der Irish Football Association interpretiert, die katholische Minderheit mit dem Nationalteam zu versöhnen. Im Februar 2012 hatte sich der aus Derry stammende Katholik James McClean für eine Teamkarriere im Süden entschieden, er spielte im Sommer bei der EM für die Republik Irland. Angesichts der Union-Jack-Fahnen und der Gesänge im Windsor Park, so erklärte der damalige Sunderland-Spieler, könnten sich nordirische Katholiken in der IFA-Auswahl nicht wohlfühlen. Wie McClean entschieden sich auch weitere katholische Spieler für die Mannschaft der Republik. Und wie McClean hatten sie zuvor in nordirischen Nachwuchsnationalteams gespielt, waren also auf Kosten der IFA ausgebildet worden. O’Neill sollte diese Abwanderung gen Süden stoppen und der demografischen und politischen Entwicklung in Nordirland Rechnung tragen.
Sportlich begann seine Amtszeit allerdings miserabel, das nordirische Team beendete seine Gruppe zur WM-Qualifikation 2014 hinter Aserbaidschan und nur knapp vor Luxemburg als Vorletzter. Dennoch hielt die IFA an ihm fest – und wurde dafür belohnt: Nordirland qualifizierte sich erstmals seit 30 Jahren wieder für ein Großturnier, die EM 2016. Auch in der darauffolgenden WM-Qualifikation spielte die Mannschaft eine gute Rolle. Als Gruppenzweiter hinter Deutschland erreichten die Nordiren das Play-off, in dem sie gegen die Schweiz nur knapp verloren.
O’Neill legt Wert darauf, dass seine Mannschaft konfessionell gemischt sei. „Das heutige Nordirland ist ein anderes Land, als das, in dem ich aufgewachsen bin. Und dieses Team spiegelt das wider“, sagte er vor der EM 2016 „Ich möchte ein nordirisches Team schaffen, das allen offen steht und auf das wir alle stolz sein können. Ich wünsche mir, dass jeder nordirische Bub, ganz gleich, woher er kommt, für Nordirland spielen möchte.“ Der Parlamentarier Raymond McCartney, der in den 1980er Jahren als inhaftierter IRA-Aktivist an den Hungerstreikkampagnen teilgenommen hatte, twitterte: „Er mag sich das wünschen, aber sie werden es nicht tun.“
Tatsächlich gelang es auch O’Neill nicht, die Abwanderung von Spielern zu stoppen. Der Teamchef warf dem südirischen Verband vor, gezielt katholische Talente abzuwerben, und schlug – allerdings erfolglos – ein Gentlemen’s Agreement vor: Spieler, die ab der U17 für Nordirland gespielt haben, sollten für die Kampfmannschaft der Republik tabu sein. Während sich die nordirische Auswahl überwiegend aus in Nordirland aufgewachsenen Spielern rekrutiert, ist die Auswahl der Republik eine gesamtirisch-katholische, ergänzt mit Fußballern aus der Diaspora in England und Schottland. Für Nordirland spielen Katholiken meist nur dann, wenn der südirische Verband kein Interesse an ihnen zeigt. Ihre Entscheidung ist in der Regel keine des Herzens, sondern eine pragmatische. Lieber nordirischer Teamspieler als gar keiner.
Langsame Verjüngung
Mittlerweile ist dennoch ein gutes Drittel des nordirischen Kaders katholischer Herkunft. Einer von ihnen ist Conor McLaughlin aus dem republikanischen Westen Belfasts. Vor McLaughlin hatte bereits ein anderer Westbelfaster für O’Neill gespielt: Liam Boyce aus dem Divis-Viertel an der Falls Road, einer ehemaligen Hochburg der IRA. Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Fußballer aus diesem Stadtteil für Nordirland aufläuft. Er wäre im Windsor Park gnadenlos gemobbt worden. Die bekanntesten weiteren Katholiken im Team sind Paddy McNair und Aberdeen-Mittelfeldspieler Niall McGinn, dem 2011, als er noch für Celtic spielte, loyalistische Extremisten Pistolenkugeln mit der Post geschickt hatten.
Die Zahl der Katholiken, die die Spiele Nordirlands besucht, bleibt hingegen überschaubar. Geschätzt stellt die katholische Community bei einem Bevölkerungsanteil von rund 41 Prozent nur etwa fünf Prozent der Zuschauer. Es scheint, als sei die Reformpolitik zu spät gekommen. Bei der EM in Frankreich unterstützte die große Mehrheit der nordirischen Katholiken das Team der Republik, das sich ebenfalls qualifiziert hatte.
Sportlich vertraut O’Neill immer noch den Spielern, die bei der EM in Frankreich das Achtelfinale erreichten. Der 33-jährige Kapitän Steven Davies, defensiver Mittelfeldspieler vom Southampton FC, hat bereits 101 Länderspiele auf dem Buckel. Mit dem 30-jährigen Johnny Evans von Leicester City und dem 29-jährigen Craig Cathcart vom Watford FC ist Davies derzeit auch der einzige Spieler, der in der Premier League sein Geld verdient. Der Rest des Kaders spielt in niedrigeren englischen Spielklassen und in Schottland. Zu letzteren gehören der 39-jährige Innenverteidiger Gareth McAuley und der 30-jährige Stürmer Kyle Lafferty, die bei den Rangers unter Vertrag stehen. Lafferty war in der EM-Qualifikation mit vier Treffern der erfolgreichste Torschütze seines Teams. Im vergangenen Jahr traf er nicht mehr und hat seinen Stammplatz verloren.
Zuletzt versuchte O’Neill, den Kader zu verjüngen. So nahm er auf eine Mittelamerikatournee im Mai auch einige Talente mit. Gegen Costa Rica ließ er sein Team wie gewohnt im 4-1-4-1 spielen und kassierte eine 0:3-Niederlage. Besser lief es beim torlosen Unentschieden gegen Panama mit einem defensiveren 5-3-2. Mit dem Keeper Bailey Peacock-Farrell, Mittelfeldspieler Jordan Thompson und Stürmer Shayne Lavery feierten in der zweiten Halbzeit gleich drei Spieler ihr Debüt.
Vor dem Nations-League-Spiel in Wien geht es den Nordiren wie Gegner Österreich: Nach einer Niederlage gegen Bosnien im ersten Spiel brauchen sie dringend einen Sieg.