Vor rund einem Jahr übernahm Franco Foda das österreichische Nationalteam. Im Interview spricht der Teamchef über seine Spielphilosophie, hohe Erwartungen und das Leiberl von Diego Maradona.
Ein Raum des Café Kaiserfeld in Graz ist Arnold Schwarzenegger gewidmet, überall an den Wänden hängen Fotos mit dem Hollywoodschauspieler. Ähnlich bekannt im Kaiserfeld ist Teamchef Franco Foda. „Den habe ich schon öfter hier gesehen“, sagt eine ältere Dame. Cafetier Rudi Lackner zeigt am Ende des ballesterer-Besuchs stolz ein Video auf seinem Handy. Zu sehen sind Foda und er im Werbespot eines örtlichen Juweliers. Darin geht es um die Zeit, ein Thema, das der Teamchef auch im einstündigen Interview wenige Tage vor der Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen immer wieder genannt hat.
ballesterer: Sie sind nun seit einem Jahr Teamchef. Wie fällt Ihr Zwischenresümee aus?
Franco Foda: Insgesamt positiv. Acht Siege, drei Niederlagen, ein Unentschieden – das sind gute Ergebnisse. In den Testspielen haben wir zudem sehr gut gespielt, das Highlight war natürlich Deutschland. In der Nations League wollten wir Erster werden, aber die Gruppe war sehr eng. Insofern ist der zweite Platz mit sieben Punkten auch okay. Aber es gibt immer Verbesserungsbedarf. Wir müssen unsere Qualitäten über 90 Minuten abrufen. Das war in den Nations-League-Spielen nicht immer der Fall, auf dem Niveau entscheiden Details.
Wie gefällt Ihnen das Format?
Wettbewerbsspiele sind immer gut, für die Spieler und für die Zuschauer auch. Außerdem hat man die Möglichkeit, sich über einen zweiten Weg für die EM zu qualifizieren. Was vielleicht ein bisschen abhandenkommt, ist die Möglichkeit, wie in Testspielen Dinge auszuprobieren. Ich habe das in der Nations League trotzdem gemacht, war variabel im System und habe Spieler auf anderen Positionen eingesetzt.
Kommen wir zur EM-Qualifikation. Was ist dort möglich?
Die Mannschaft ist zwar immer nur kurz zusammen, aber die Spieler wissen mittlerweile, was ich möchte. Wir sind in der Lage, unterschiedliche Systeme zu spielen, die taktische Ausrichtung ist eigentlich immer gleich: Wir wollen dominant sein. Im Ballbesitz und im Spiel gegen den Ball. Unsere Chancen hängen aber auch von anderen Parametern ab. Wir haben im letzten Jahr oft Verletzungen gehabt, da muss man kurzfristig umstellen. Der nächste wichtige Punkt ist: Wie regelmäßig werden die Spieler in ihren Vereinen eingesetzt? Auf dem höchsten Niveau ist der Spielrhythmus extrem wichtig.
Entscheidende Details – Foda will mit unterschiedlichen Systemen spielen
Inwieweit entspricht die Mannschaft Ihren Erwartungen?
Wir haben schon gezeigt, dass wir im Spiel gegen den Ball gut sein können. Dass wir kompakt sind und den Gegnern wenige Tormöglichkeiten lassen. Das ist eine gute Basis. Ich gehe positiv an die Sache heran. Die U21 hat sich jetzt für die EM qualifiziert, da sind auch ein paar gute Spieler dabei.
Apropos U21. Die wird ja von dem GAKler Werner Gregoritsch trainiert. Nehmen Sie da ein bisschen Rivalität von früher mit?
Nein. Also ein bisschen Spaß haben wir zwischendrin schon. Wir reden dann von früheren Zeiten, letztendlich arbeiten wir aber gemeinsam für den ÖFB. Ich habe als Trainer selbst in den Akademien angefangen, deswegen weiß ich, wie wichtig es ist, mit den U-Trainern zusammenzuarbeiten. Mir liegt die Unterstützung der U21 auch sehr am Herzen. Wenn bei uns Spieler verletzt ausgefallen sind, hätte ich normalerweise junge Spieler nachnominiert, aber jetzt habe ich gesagt „Es geht um viel“ und die Spieler abgestellt.
Wie schaut es darunter aus? Die Kleine Zeitung schreibt, dass die Jahrgänge unter der U21 nicht mehr so gut sind. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich bewerte öffentlich nicht, ob Mannschaften und Spieler gut oder weniger gut sind. Unser Bestreben muss sein, die Spieler auf die Nationalmannschaft vorzubereiten. Das ist gegeben, alle machen ihren Job. Nachholbedarf besteht bei der Infrastruktur. In vielen anderen Ländern gibt es Leistungszentren, wo sich das Nationalteam und alle U-Mannschaften treffen. Wir müssen in ganz Österreich verstreut Plätze suchen.
Da sind wir in der großen Sportpolitik. Wie sehen Sie die Debatte um das neue Nationalstadion?
Da brauchen wir nicht lange reden. Es wäre zwingend notwendig, ein neues Stadion zu bauen. Eine Anlage mit Laufbahn ist nicht mehr up to date. Je besser ein Stadion ist, desto mehr Leute werden kommen.
Aber halten Sie einen Neubau für realistisch? Die Wiener Großklubs haben gerade ihre Stadien eröffnet. Müssen Bund und die Stadt Wien wirklich noch ein Stadion bauen, in dem viermal im Jahr das Nationalteam spielt?
Es könnte ja ein Ort sein, wo auch das Cupfinale stattfindet. In einem ultramodernen Stadion könnte auch ein Europacupfinale ausgetragen werden. Es könnte eine Multifunktionshalle sein. Oder ein Eishockeystadion. Es gibt ja viele Ideen.
Reformer – Foda will beim Nationalteam viermal wechseln
Nach der EM-Euphorie wirkt es gerade so, als sei die Stimmung schlechter. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, dass wir die Euphorie nach den guten Testspielen wieder neu entfacht haben. Wir müssen die Leute mit ins Boot holen. Alle müssen wissen, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können. Da gehören auch die Fans dazu. Man darf aber nicht erwarten, dass wir uns immer qualifizieren. Bei der letzten WM waren große Länder wie Italien und die Niederlande nicht dabei. Und klar ist auch, dass sich nach der EM etwas verändert hat. Wichtige Spieler sind zurückgetreten – da gibt es kleine Rückschritte, die auch dazugehören. Ich weiß, dass die Erwartungshaltung hier immer hoch ist.
So, als würde Österreich kurz vor dem Titelgewinn stehen.
So würde ich es nicht ganz ausdrücken. Wir müssen uns realistisch einschätzen und trotzdem hohe Ziele stecken. Ob man sie dann erreicht, ist eine andere Frage.
Den Wechsel zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt beherrschen Ihre Landsleute ja auch ganz gut.
In Deutschland erwartet man Titel. Unter Jogi Löw waren sie immer zumindest im Halbfinale. Jetzt sind sie zwar in der Vorrunde ausgeschieden, aber ich bin überzeugt, dass sie schon bald wieder in einem Halbfinale stehen werden.
Ist der Fußball nicht ein total undankbares Geschäft? Löw war vor vier Jahren Weltmeister, jetzt wird nur noch darüber debattiert, wann er zurücktritt.
Ich kann das auch nicht nachvollziehen. Das ist halt unser Trainerjob. Deswegen bin ich im Erfolg nicht zu euphorisch und im Misserfolg nicht zu pessimistisch. Ich habe meine Ideen und lasse ich mich in guten wie in schlechten Zeiten von außen wenig beeinflussen.
Wie hat sich Ihre tägliche Arbeit mit dem Amtsantritt verändert?
Der größte Unterschied ist, dass man weniger mit den Spielern zusammenarbeiten kann. Du stehst viel weniger auf dem Platz, hast eine viel kürzere Vorbereitungszeit und manchmal nur eine richtige Trainingseinheit. Dann ist es schon schwierig, deine Ideen zu vermitteln. Aber auch das habe ich gewusst.
Bräuchte es größere Blöcke für die Nationalteams?
Klar wäre das wünschenswert, aber auch schwer umsetzbar, weil die Spielansetzungen auch vom Fernsehen abhängig sind. Dort wird das Geld investiert, also bestimmt es die Richtung mit. Mehr Vorbereitungszeit wirst du nicht bekommen, aber vielleicht könnten andere Maßnahmen gewisse Dinge verändern. Für mich wäre eine Überlegung, bei der Nationalmannschaft vier Wechsel zu erlauben. Das zweite wäre, nicht mehr am Donnerstag zu spielen. Viele Spieler sind am Sonntag in der Liga im Einsatz, manche auch am Montag, wie willst du dann noch trainieren? Durch solche kleinen Dinge könnte es noch bessere Spiele und weniger Verletzungen geben.
Wie bleiben Sie mit den Spielern in Kontakt?
Nach dem Spiel sind sie alle gleich wieder weg, deswegen sind mein Trainerteam und ich extrem viel am Reisen. Alle sagen, dass du als Teamchef mehr Zeit hast, aber eigentlich ist es eher weniger. Es gibt jeden Tag Spiele – von Freitag bis Montag in den Ligen, dann den Europacup. Wir versuchen, möglichst viele Spieler zu sehen und danach Smalltalk zu führen. Das ist nicht immer ganz so einfach, wenn die Mannschaft einmal nicht gewonnen hat. Sonst schreibe ich halt SMS.
„Ich werde mich davor hüten, jemanden zu nominieren, nur damit er nicht für ein anderes Land antreten kann. Das ist auch gegenüber dem Spieler nicht fair.“
Franco Foda, ÖFB-Teamchef
Telefonieren Sie auch regelmäßig mit ihnen?
Ab und zu. Nach Verletzungen ist es sehr wichtig, dass du im Kontakt bleibst. Ich weiß aber auch, dass die Spieler sehr beansprucht sind. Du kannst sie nicht pausenlos mit Anrufen belästigen.
Der 19-jährige Wiener Mert Müldür von Rapid spielt jetzt für die Türkei. Gibt es ein Wettrennen um die Spieler? Man schaut, dass man sie schnell einmal einberuft, damit sie quasi reserviert sind?
So etwas würde für mich nie infrage kommen. Wenn du einen Spieler einberufst, hast du die Verantwortung, das nur zu tun, wenn du überzeugt bist, dass er das Potenzial hat, längerfristig im A-Team zu spielen. Ich werde mich davor hüten, jemanden zu nominieren, nur damit er nicht für ein anderes Land antreten kann. Das ist auch gegenüber dem Spieler nicht fair. Mit Tarkan Serbest habe ich mehrmals telefoniert und gesagt, dass er für uns ein Thema werden kann. Er hat sich dann für die türkische Nationalmannschaft entschieden, das ist halt so.
Sie hatten selbst einige Einsätze für Deutschland. Vom Spiel gegen Argentinien 1987 gibt es die Geschichte, dass Sie gerne das Trikot von Diego Maradona gehabt hätten, aber nach dem Spiel zu weit weg gestanden sind – stimmt das?
Nein. Ich wollte mit ihm das Trikot tauschen, er hat aber gesagt, dass er es schon Lothar Matthäus versprochen hat. Dann habe ich das von Jorge Burruchaga bekommen, auch nicht schlecht.
Wie war das, als Defensivspieler gegen Maradona zu spielen?
Ich bin 27 Minuten vor Schluss reingekommen, es hat Spaß gemacht. Bei dieser Südamerikareise habe ich in jungen Jahren die Chance bekommen, gegen Argentinien und Brasilien zu spielen. Das war sehr lehrreich.
Wäre das auch etwas für den ÖFB? Eine kleine Lateinamerikatournee?
Den Spielern würde es sicher Spaß machen. Ich hätte auch nichts dagegen, denn auf solchen Reisen wächst du noch enger zusammen. Aber es ist nicht einfach, so etwas zu organisieren. Vielleicht wäre das eine Option, wenn wir uns für eine WM qualifizieren. Das ist nun schon weit in die Zukunft geblickt. Der Fußball lebt aber nicht in der Zukunft – auch nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart. Es gibt nur wenig Zeit und viel Druck. Das sieht man ja auch an den Trainerwechseln in der Bundesliga.
„Ich habe bei der WM in Russland diese Begeisterung gesehen, als die kleineren Mannschaften gespielt haben. Das war das Salz in der Suppe.“
Franco Foda, ÖFB-Teamchef
Mit Roman Mählich, Ranko Popovic und Markus Schopp gibt es dort einige Trainer, die mit Ihnen unter Ivica Osim zusammengespielt haben.
Es gibt sogar noch mehr wie Darko Milanic und Ivica Vastic. Ich weiß nicht, ob es ein Zufall ist. Osim war ein toller Trainer. Er war sehr erfolgreich, menschlich gut und wir haben sehr gut trainiert. Wir haben viel mit dem Ball gemacht, sind aber auch viel gelaufen. Dass so viele aus der Sturm-Mannschaft Trainer geworden sind, hat vielleicht aber auch damit zu tun, dass wir viele Führungsspieler hatten. Die müssen Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Vielleicht waren wir deshalb so erfolgreich.
Sind Sie für eine WM mit 48 Mannschaften? Immerhin würde das auch die Chancen für Österreich erhöhen.
Ja. Es gibt natürlich die sportliche Komponente, wonach man fragen kann, wie sinnvoll eine Öffnung ist. Andererseits haben dann auch die Kleinen die Möglichkeit, sich zu qualifizieren. Ich habe bei der WM in Russland diese Begeisterung gesehen, als die kleineren Mannschaften gespielt haben. Das war das Salz in der Suppe.
Die sportliche Konzentration gibt es am Ende trotzdem.
Ja, genau. Am Anfang geht es um dieses einmalige Gefühl, dass sich jeder beteiligen kann. Das hat mich bei der WM tief beeindruckt. Es hat auch keine Pfiffe gegeben, wenn eine Mannschaft 1:5 verloren hat. Da haben sich eher alle gefreut, dass sie ein Tor gemacht haben. Das ist doch das Schöne am Fußball.
Werden wir Sie bei einem der nächsten Großturniere auf der Bank des Nationalteams sehen?
Das hoffe ich. Wir müssen hart dafür arbeiten, aber ein Trainer muss Optimist sein. Ich glaube, dass wir eine Chance haben. Und die wollen wir wahrnehmen.
Franco Foda (52) gewann als Verteidiger mit Bayer Leverkusen und Kaiserslautern den DFB-Pokal, mit dem SK Sturm zwei Meistertitel und einen Cup. Als Trainer gewann er mit Sturm erneut eine Meisterschaft und den Cup. Seit November 2017 ist er österreichischer Teamchef.
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