An diesem Märzabend 2013 ist es in und um das Stadion an der White Hart Lane im Norden Londons genau so, wie es in und um ein englisches Stadion eigentlich sein sollte. Das muss man leider dazusagen, weil es wegen der voranschreitenden Kommerzialisierung der Premier League immer seltener vorkommt. Diesmal aber passt alles. Tottenham Hotspur empfängt den Rivalen Arsenal FC und gewinnt 2:1. Die Stimmung ist elektrisierend: kein koordinierter und durchgängiger Ultrasupport, stattdessen spontane und brachial laute Chants. Es gibt keinen Fanblock, sondern ein Fanstadion. Alle Tribünen machen mit.
Nach dem Spiel machen sie im Pub einfach weiter. Zum Beispiel im „Bricklayers“. Raus aus dem Stadion, einmal rechts abbiegen, ein paar Meter weiter und hinein in den mit Schals und Fahnen behangenen Raum. Da tanzt die Lokalbetreiberin im pensionsfähigen Alter auf einem Tisch. Da steht eine Gruppe Skandinavier, die mehrmals pro Saison einfliegt. Da sind haufenweise junge und alte Fans, die wirken, als wären sie nach jedem Spiel und noch viel öfter hier. Und da ist ein Kerl, den sie Jan Vertonghen nennen, weil er aussieht wie der Tottenham-Verteidiger Vertonghen. Vielleicht hilft bei dieser Vorstellung auch das Bier mit, denn davon wird einiges getrunken. Ein Schluck Bier, ein Tottenham-Chant – immer wieder von vorne.
Der RIVALE IM EIGENEN STADION
Seit 1877 gibt es das „Bricklayers“. Das Pub war schon da, als Tottenham 1882 in der Nähe gegründet wurde und auch, als 1899 das Stadion an der White Hart Lane eröffnet wurde. Etwa 5.000 Fans kamen zum ersten Spiel gegen Notts County, in der Folge erweiterte der Klub die Kapazität seines Stadions stetig. 1904 lag sie bei 32.000 Plätzen. Am Ende der ersten Saison in der Division One 1909/10 montierte Tottenham einen goldenen Hahn auf das Tribünendach. Als Erinnerung an Henry Percy, den Namensgeber des Klubs. Der Adlige lebte im 14. Jahrhundert, hatte sich bei Schlachten gegen Schotten und Franzosen verdient gemacht, trug den Spitznamen „Harry Hotspur“ – und soll ein Freund des Hahnenkampfes gewesen sein.
Von seinem Aussichtspunkt aus musste der goldene Hahn mitansehen, wie ein störender Nachbar einzog. 1913 übersiedelte Arsenal aus dem Südosten Londons ins Tottenham-Kernland und baute dort das Highbury Stadium. Es entwickelte sich eine verbissene Rivalität: das Nordlondoner Derby. Während Arsenal in der Zwischenkriegszeit zum besten Klub des Landes aufstieg, arbeitete Tottenham an seinem Stadion. Der Architekt Archibald Leitch entwarf neue Tribünen, größere. 75.038 Fans kamen 1938 zum FA-Cup-Spiel gegen den AFC Sunderland und sorgten damit für den ewigen Zuschauerrekord an der White Hart Lane. Übertroffen wurde er auch nicht von Arsenal. Der Rivale spielte während des Zweiten Weltkriegs zeitweise an der White Hart Lane, weil das Highbury zu einem Zufluchtsort vor Luftangriffen umfunktioniert worden war. Doch auch an der White Hart Lane hinterließ der Krieg seine Spuren. Räumlichkeiten in der nordöstlichen Ecke des Stadions dienten als Leichenhalle. „Manche fanden die Luft dort auch Jahre später viel kälter als überall sonst im Stadion“, sagt Julie Welch, die Autorin von „The Biography of Tottenham Hotspur“.
Irgendwann zu dieser Zeit muss es auch gewesen sein, dass jemand aufs Stadiondach kletterte, um den Hahn zu stehlen. Der Gauner wurde rechtzeitig bemerkt und der Diebstahl verhindert. Der Hahn auf dem Dach war aber bald nicht mehr der einzige im Stadion. „Vor den Spielen ließen die Fans gerne Hähne aufs Feld laufen, woraufhin der Klub einen eigenen Hahnfänger engagierte“, erzählt Welch. „Er hat die gefangenen Tiere im Garten seines Hauses neben dem Stadion gehalten. Die Nachbarn haben sich darüber sehr beschwert, weil sie täglich von den krähenden Hähnen geweckt worden sind.“
EINE URNE UNTER DEM RAUMSCHIFF
Architektonisch blieb die White Hart Lane nach dem Zweiten Weltkrieg lange unverändert, erst in den 1980er und 1990er Jahren folgten größere Umbauarbeiten. Nach der Hillsborough-Katastrophe verschwanden die Stehplatzränge, doch auch mit 36.284 Sitzplätzen blieb die Seele des Stadions bestehen. „Es hatte eine Vertrautheit wie kein anderes Stadion, und bei Flutlichtspielen versprühte es eine Stimmung voller Romantik und Geschichte“, sagt Welch. „Fast hätte man meinen können, dass all die großen Spieler der 1950er und 1960er Jahre noch zu sehen sind.“ Spieler wie Danny Blanchflower und Dave Mackay, die 1961 unter Trainer Bill Nicholson das Double gewannen und Tottenham Hotspur den größten Erfolg der Vereinsgeschichte bescherten. Nicholson starb 2004, seine Asche wurde ebenso wie die seiner Frau Darkie in einer Urne unter dem Feld vergraben. „Nur ein oder zwei Eingeweihte haben gewusst, wo genau“, sagt Welch. Einige Jahre später beschloss der Klub, ein neues Stadion zu bauen. Größer und moderner soll es werden, aber zur Erleichterung der Fans am selben Ort, nur ein paar Meter weiter nördlich stehen. Schon während der Saison 2016/17 wurde eine Ecke des alten Stadions entfernt, am Tag nach dem 2.533. Spiel an der White Hart Lane, einem 2:1-Sieg gegen Manchester United, begann der Abriss der restlichen Tribünen. Die ein oder zwei Eingeweihten gruben die Urnen rechtzeitig aus – und an einem anderen Ort wieder ein: dort, wo sich das alte und das neue Feld überschneiden.
Während Tottenham seitdem übergangsmäßig in Wembley spielt, entsteht im Norden Londons die neue Heimat für 61.000 Fans. Ursprünglich war der Einzug für den Beginn dieser Saison geplant, die Fertigstellung verzögert sich jedoch. „Als ich vor ein paar Monaten hingegangen bin, habe ich auf einmal diese Struktur gesehen, die wie ein gigantisches Raumschiff wirkt“, sagt Welch. „Da wollen wir endlich hinein.“ Und nach den Spielen hinaus und hinein in die Pubs.