Dafür, dass die Hand des Markts der Theorie zufolge unsichtbar sein sollte, hinterlässt sie gerade ziemlich deutliche Spuren. Die Pläne zu einer europäischen Super League sagen viel über den aktuellen Zustand des modernen Fußballs und noch wesentlich mehr über Funktionsmechanismen der kapitalistischen Marktwirtschaft. Drei untereinander konkurrierende Akteure spielen derzeit die Hauptrollen: die FIFA, die UEFA und die Großvereine. Sie alle streben nach den höchstmöglichen Profiten.
Neu ist die Idee einer europäischen Liga der stärksten Klubs nicht. Immer wieder geistern solche Vorschläge durch die Medien, neu ist dank der Enthüllungen der Football Leaks jedoch, dass diese Pläne konkreter sind als bisher angenommen. 16 Klubs aus den Top-Fünf-Ligen sollen daran gedacht haben, in knapp drei Jahren ihren eigenen Bewerb außerhalb der UEFA zu starten.
Die Motive liegen auf der Hand. Die Klubs erwarten sich eine Liga der Spitzenspiele, die noch größere Einnahmen bringen soll. Es mag sein, dass sie durch die Champions League ohnehin schon unanständig reich geworden sind, aber warum überhaupt noch den riesigen Dachverband mitschleppen, der seine TV-Millionen auch an andere ausschüttet? Und warum sich die Mühen einer sportlichen Qualifikation antun, wenn man das Geld gesichert haben kann? Wozu ein frühes Ausscheiden riskieren, wenn man regelmäßig spielen kann? FIFA und UEFA konnten auf die Enthüllungen nur mit Drohungen reagieren, die Beweggründe der Klubs müssten sie aber gut nachvollziehen können. Wenn FIFAPräsident Gianni Infantino Pläne einer umfangreicheren Klub-WM schmiedet, geht es ihm ebenso wenig um eine demokratische Belebung des Turniers wie der UEFA, wenn sie über einen dritten Cupbewerb nachdenkt. Es geht um neue Märkte und bessere Vermarktungsmöglichkeiten. Die drei Akteure kämpfen um die Bäckerei, die ihnen möglichst große Kuchen liefern soll.
Und weil in der freien Marktwirtschaft eben doch nicht alles von der unsichtbaren Hand gesteuert wird, braucht es manchmal auch undurchsichtige Geschäfte. So sollen sich die Klubs laut weiteren Enthüllungen der Football Leaks mitunter kleiner Hilfen unter Freunden bedient haben. Infantino soll noch als UEFAGeneralsekretär Manchester City und Paris Saint-Germain bei der Umgehung der Financial-Fairplay-Bestimmungen geholfen haben. Die Drohgebärden der Vereine, einen eigenen Bewerb zu gründen, dürften die UEFA dazu bewogen haben, die jüngste Champions-League-Reform mit deutlichen Vorteilen für die Großen abzusegnen. Wenn der Verband nun Ermittlungen gegen Infantino, Manchester City und PSG in den Raum stellt, ist das eine simple Retourkutsche. Damit will die UEFA sowohl gegenüber der FIFA als auch gegenüber den Vereinen Stärke demonstrieren.
Die Super-League-Pläne zeigen, wie dynamisch Machtverhältnisse im kapitalistischen Sportbetrieb sind. Einmal scheinen die einen Oberwasser zu haben, dann wieder die anderen. Zudem mögen gerade nur drei Akteure die Diskussion bestimmen, sie müssen sich aber noch mit einem vierten herumschlagen: den nationalen Ligen. Denn auch sie spielen im Kampf um TV-Präsenz und Geld eine wichtige Rolle. Wenn der FC Bayern und Borussia Dortmund öffentlich dementieren, die Bundesliga verlassen zu wollen, ist das kein Bekenntnis zu ihrer Tradition, sondern das Eingeständnis einer finanziellen Abhängigkeit. Noch ist die Zeit der Super League nicht gekommen.