„Ich will nicht wegen einer Tätowierung im Knast landen.“ Deniz Naki muss seine Botschaften vorsichtig formulieren – auch auf seinem Körper. Auf seinem linken Unterarm steht Azadi, Freiheit, auf der Hand sieht man eine Zeichnung von Ernesto „Che“ Guevara. „Ein internationaler Freiheitskämpfer“, sagt der Stürmer des kurdischen Amed SK. Naki steht unter Beobachtung des türkischen Staats. Im April wurde er wegen terroristischer Propaganda zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Naki hatte 2015 den Cupachtelfinalsieg seiner Mannschaft den Opfern des kurdisch-türkischen Konflikts gewidmet. Schon 2014, als der sogenannte Islamische Staat die Stadt Kobane in Syrien blutig eingenommen hatte, sorgte er mit einem prokurdischen Posting für Aufmerksamkeit. Anfang Juli ist Naki beim Fest des kurdischen Dachverbands Feykom auf der Marswiese in Wien-Hernals der Stargast. Immer wieder muss der ehemalige St.-Pauli-Spieler für Selfies posieren und Autogramme schreiben, einige Festbesucher tragen das Amed-Trikot mit seinem Namen, das an einem der Marktstände verkauft wird. Auch das ballesterer-Interview wird immer wieder unterbrochen, weil ihm andere Besucher die Hand schütteln wollen. Auf die Frage nach dem Grund seiner Popularität in der kurdischen Diaspora antwortet nicht Naki, sondern sein ständiger Begleiter Murat: „Jeder kennt ihn, er ist ein Vorbild. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Er schreit hinaus, was viele denken.“
ballesterer: Sie sind 2013 aus der zweiten deutschen Liga in die Türkei gewechselt. Wie war die Umstellung?
Deniz Naki: Ich habe in der Türkei von Anfang an wegen der Politik Probleme bekommen. Ich bin seit knapp vier Jahren da, am Anfang war ich eineinhalb Jahre in Ankara bei Genclerbirligi. Zu der Kobane-Zeit habe ich etwas gepostet, danach bin ich von drei unbekannten Männern auf offener Straße angegriffen worden. Dann bin ich nach Deutschland zurück und habe sieben, acht Monate mit dem Fußball aufgehört. Ich wollte eigentlich nie wieder in die Türkei, aber bei der Anfrage von Amed war es anders. Das ist ein kurdischer Verein. Der Präsident, der Vorstand und 85 Prozent der Spieler sind Kurden. Deswegen habe ich nicht lange überlegt. Damals hat es dort eine Kriegssituation gegeben, momentan ist es ein bisschen ruhiger, aber man weiß nie, wann und wo eine Bombe hochgeht. Im Frühjahr 2016 war ich zwölf Wochen gesperrt und habe alles hautnah mitbekommen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen gestorben sind. Da kann man doch nicht ruhig bleiben, da muss man sich doch dazu äußern.
Sie sind deswegen im April zu einer Haftstrafe verurteilt worden und wollen trotzdem zurückgehen – warum?
Ich werde auf jeden Fall wieder zu Amed gehen. Bei der ersten Gerichtsverhandlung habe ich einen Freispruch bekommen. Bei der zweiten waren Richter und Staatsanwalt dieselben, und ich habe 18 Monate und 22 Tage Haftstrafe bekommen, mit fünf Jahren Bewährung. Du musst in der Türkei nichts machen, um im Gefängnis zu landen. Ich sage ganz ehrlich: Ich wäre lieber im Gefängnis, als dass ich fünf Jahre Bewährung bekomme. Die wollten ein Zeichen setzen, dass ich ruhig sein soll. Aber fünf Jahre werden sie mich nicht ruhig halten.
Fühlen Sie sich dadurch gar nicht eingeschränkt?
Nein, egal ob ich fünf oder zehn Jahre Bewährung bekomme. Ich habe nichts Falsches getan. Wir sind ein Volk, das für Frieden ist. Wenn das eine Straftat ist, dann werde ich sie begehen. Wenn ein Mensch sagt, wir wollen Frieden, keinen Krieg – wenn solche Menschen als Terroristen bezeichnet werden, bin ich gerne ein Terrorist.
Ihr Anwalt hat nach dem Urteil überlegt, in Berufung zu gehen. Was ist der Stand der Dinge?
Gegen wen willst du denn in Berufung gehen? Gegen den Richter? Gegen den Staat? Der Richter hat mich bei der ersten Verhandlung freigesprochen, dann hat er von oben Druck bekommen.
Ist Ihr politisches Bewusstsein in der Türkei gewachsen?
Ich würde nicht sagen, dass es mehr geworden ist. Als ich in Europa gelebt habe, habe ich das durch die Medien mitbekommen, aber es ist noch einmal ein großer Unterschied, wenn man vor Ort ist. Ich habe Bomben fliegen und Menschen sterben sehen, ich habe Leichen weggetragen – das trifft dich extrem. Wenn man so etwas im Fernsehen sieht, ist man vielleicht auch traurig, kann sich aber teilweise ablenken. Aber hier bist du mittendrin, du kannst das nicht einfach vergessen.
Sehen Sie sich als Sprachrohr, um Bewusstsein für den türkisch-kurdischen Konflikt zu schaffen?
Wenn ich eine laute Stimme für mein Volk sein kann, bin ich es gerne. Ich habe einen großen Bekanntheitsgrad – und es ist natürlich ein Vorteil, dass ich in Deutschland in der ersten und zweiten Liga gespielt habe. Wenn ich ein Problem habe, gibt es Unterstützung. So wie von Sankt Pauli – dafür bin ich dankbar.
Ist Ihre Bekanntheit auch ein Nachteil, weil Sie stärker im Fokus sind?
Sicher bekommen es in der Türkei auch mehr Menschen mit, die mich nicht so lieben. Wenn ich im Osten geliebt werde, werde ich im Westen nicht geliebt. Dann muss ich aufpassen, wenn ich dort unterwegs bin. Ich muss mittlerweile auf jede kleine Sache aufpassen. Das kurdische Volk ist stolz auf mich, deswegen suchen die Menschen, die mich nicht lieben, nach Fehlern.
Haben Sie Angst um ihre persönliche Unversehrtheit?
Ich bin eigentlich nur bei Auswärtsspielen nicht in Diyarbakir. Dann muss man mit allem rechnen. Ob das das Gefängnis ist oder sogar Schlimmeres. Aber ich habe mich für diesen Weg entschieden – und das nicht erst seit ein, zwei Jahren. Ich komme aus einer politischen Familie. Ich bin mit dieser Politik aufgewachsen, mein Vater ist ein Flüchtling, er kann seit 35, 40 Jahren nicht mehr in die Türkei.
Sind Ihre Eltern stolz auf Sie, oder machen sie sich Sorgen?
Letztendlich tue ich ja nichts Falsches. Sicher macht sich meine Mutter auch Sorgen. Als ich die Probleme hatte, hat sie jeden Abend angerufen und gesagt: „Wie geht’s dir? Pass auf dich auf!“ Mein Vater ist eher der Typ, der immer gemeint hat: „Wenn du etwas machst, dann musst du auch dahinter stehen.“ Eigentlich gehe ich denselben Weg, den er auch gegangen ist.Sie kehren zurück, um den Konflikt dort weiterzuführen?
Ja, genau. Mein Vater könnte nicht sagen: „Hör auf damit, konzentriere dich auf den Fußball.“ Dann würde ich zu ihm sagen: „Du bist gefoltert worden, du warst im Gefängnis und hast nach Deutschland flüchten müssen.“ Da würde ich gerne wissen, was er mir antworten würde.
Bei Auswärtsspielen werden Sie und Ihre Mitspieler häufig als Terroristen und PKK-Anhänger beschimpft. Wie unterscheidet sich das von einem normalen Leben als Fußballer?
Wir werden schon auf extremste Art beleidigt, teilweise auch angegriffen und mit allen möglichen Gegenständen beworfen. Die Leute sind dabei auf mich fixiert. Natürlich hat mich das am Anfang gestört, aber mittlerweile denke ich: Je mehr ich beleidigt werde, desto mehr pusht mich das. Meine Antwort muss auf dem Platz kommen. Ich bin in Bursa von 20.000 Fans beleidigt worden – nachdem ich das zweite Tor gemacht habe, waren alle still. Das ist die beste Antwort. Aber es ist schon schlimm, das ist nicht so wie bei Sankt Pauli. Bei deren Rivalen Hansa Rostock konnte ich eine Sankt-Pauli-Fahne in den Boden rammen. Aber dort ist die Sicherheit sehr hoch, du musst keine Angst haben, dass die Fans den Platz stürmen. Wenn ich beim Spiel gegen Bursa oder Erzurum eine kurdische Flagge reinmachen würde, würden die Fans auf den Rasen rennen, die Flagge verbrennen und mich dann wahrscheinlich töten. Mit Amed haben wir in Erzurum vor 30.000 Fans gespielt, da waren nur rund 1.000 Polizisten.
Fühlen Sie sich von der Polizei beschützt?
Wenn die Polizei neben mir läuft, bin ich eher unsicher. Bei Auswärtsspielen greift sie uns manchmal auch an. Da frage ich mich: Wer ist Freund? Und wer ist Helfer? Deswegen vertrauen wir nur uns selbst, wir sind 25 Mann gegen alle. Wenn mich ein Fan angreift, stelle ich mich sicher nicht hinter einen Polizisten und sage: „Beschütze mich.“ Ich weiß ganz genau, er will mir auch eine geben.
Gibt es auch Solidarität von anderen Fans? Besiktas hat ja zum Beispiel mit „Carsi“ auch linke Fans.
Sicher gibt es auch links eingestellte Fans, aber wenn das Thema Amed ist, haben wir keine Freunde. Unsere Freunde sind die anderen Vereine im Osten, aber die spielen in unteren Ligen. Sonst gibt es nur einzelne Fans, die hinter uns stehen.
Hat es mit Aktivisten der Gezi-Park-Bewegung eine Zusammenarbeit gegeben?
Die Gezi-Park-Bewegung? Was soll ich dazu sagen? Da haben sie sich vor einen Baum gestellt und gesagt: „Ihr dürft diesen Baum nicht fällen.“ Ich respektiere das, das war eine Protestbewegung, wo der Staat auch durchgegriffen hat. Das ist alles schön und gut, aber in Diyarbakir, in Sur, in Cizre und in Nusaybin sind Menschen gestorben: Warum hast du dich denn da nicht davorgesetzt? Warum hast du nicht 100.000 Menschen zusammengetrommelt und dich auf die Barrikade gestellt? Wenn die wegen einem Baum so einen Aufstand machen können und wegen sterbenden Menschen keinen Aufstand machen, interessiert mich diese Bewegung nicht.
Sie haben im Februar 2016 eine Sperre für zwölf Spiele bekommen, der Verein eine Geldstrafe von 150.000 Euro. Halten Sie es für möglich, dass der Verband verhindern will, dass Sie aufsteigen?
Auf jeden Fall. Amed hat sich in zwei Jahren einen Namen gemacht, den sich andere Vereine seit ihrer Gründung nicht erarbeitet haben. Der Verband und die politischen Stellen sind dagegen, dass wir aufsteigen. Die denken sich: „Wenn der Verein in der dritten Liga schon Unruhe bringt, was ist dann, wenn die einmal in die erste Liga aufsteigen?“ Dann gibt es Spiele, die im Fernsehen gezeigt werden – auch in Europa. Dann sehen die Menschen, was passiert. Jetzt bekommt das nicht jeder mit. Deswegen holen unsere Fans die Handys raus und nehmen die Spiele auf, damit man uns über das Internet verfolgen kann. Als in Diyarbakir Krieg war, waren wir diejenigen, die die Menschen zumindest ein bisschen glücklich machen konnten.
Denkt man sich da manchmal auch: Eigentlich sollte ich jetzt nicht Fußball spielen, es gibt gerade wichtigere Dinge zu tun?
Nach den ganzen Sachen hatte ich überhaupt keine Lust mehr, Fußball zu spielen. Ich wollte komplett in eine andere Richtung gehen, die ich jetzt nicht sagen darf. Wenn wir in zehn Jahren wieder ein Interview machen und ich nicht mehr in der Türkei bin, werde ich Ihnen sagen, was ich gerne gemacht hätte. Aber ich glaube, ich kann unsere Leute mit dem Fußball glücklich machen. Auch wenn ich nicht will, muss ich weiter spielen.
Sie sind ein Gefangener des Fußballs?
Ja, genau. Es gibt nicht viele, die sich das antun würden. Ich habe auch keinen Bock, mich bei Auswärtsspielen von 20.000, 30.000 Fans beleidigen zu lassen. Da werden meine Mutter, meine Geschwister und meine komplette Familie beschimpft. Meine Kultur beleidigt, meine Religion. Wenn ich aufhören würde, wäre es aber, als würde ich mich ergeben. Das wäre ein Zeichen: Okay, ich habe Angst, ich höre auf. Dann seid ihr mich los, und ich bin euch los. Aber ich werde bleiben und sagen: „Ihr seid im Unrecht, ich habe nichts Falsches getan, deswegen bin ich hier. Ihr könnt schreien, was ihr wollt.“
Wie lange wollen Sie noch bleiben?
Ich werde so lange bleiben, bis das Volk sagt: „Es reicht, du kannst jetzt gehen.“ Mich kann der Klubpräsident oder der Vorstand nicht wegschicken, das kann nur das Volk. Wenn es sagt: „Wir haben keinen Bock mehr auf dich, wir möchten, dass du jetzt gehst.“ Dann werde ich gehen. Ich hoffe, das wird nicht passieren.
Rechnen Sie mit weiteren Problemen mit dem Verband?
Wenn ich wegen jeder Kleinigkeit eine Rote Karte bekomme und lange gesperrt werde, schade ich nur dem Verein. Dann höre ich komplett auf mit dem Fußball. In der Türkei bekomme ich auch sicher kein anderes Angebot mehr, obwohl ich sportlich gesehen in der ersten Liga spielen könnte. Es haben auch schon Erstligavereine angerufen, die gesagt haben, dass sie mich gerne holen würden, dann aber Probleme mit ihren Fans bekommen würden.
Warum gibt es nicht mehr Spieler, die sich ähnlich äußern?
Es gibt viele kurdische Spieler in der höchsten türkischen Liga. Das Problem ist nur, dass sie Karriere machen und Geld verdienen wollen. Ich möchte keine Namen nennen, aber das sind Spieler, die teilweise in der türkischen Nationalmannschaft spielen und von den Fans geliebt werden. Die lieben dich aber nur, weil du deine Fresse hältst. Sie werden dich nicht mehr lieben, wenn du sagst, dass du gegen das bist, was der Staat macht. Die werden dich nicht mehr lieben, wenn du sagst, dass du Kurde bist. Davon bin ich überzeugt, weil ich es erlebt habe. Zu einer Zeit, als in Kobane Frauen auf Märkten verkauft, Kinder vergewaltigt und Männern die Köpfe abgeschnitten wurden, habe ich gesagt: „Was passiert denn da?“
Was würde diesen Spielern passieren?
Sie würden heute nicht mehr in der ersten Liga spielen. Ich hätte auch leise sein können, ich hätte an meine Karriere denken und gut verdienen können. Aber dann könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen. Vielleicht verdiene ich nicht so viel wie diese kurdischen Spieler, vielleicht habe ich nicht so eine große Karriere wie sie. Aber wenn diese Spieler und ich uns vor dem kurdischen Volk hinstellen würden, bin ich mir sicher, dass die Menschen hinter mir stehen würden. Diese Liebe kannst du nicht mit Geld kaufen. Nicht einmal, wenn du Multimilliardär bist.