Die Schweine heißen Ferdl und Rosi. Sie tollen im Garten des Lokals Werkelmann in Wien-Favoriten herum, aus der Nähe ist immer wieder Kindergeschrei zu hören. Einige Klassen verbringen einen der letzten Schultage vor den Sommerferien auf den Karussellen des Böhmischen Praters. Mittendrin sitzt Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer, der sich von dem Ambiente angetan zeigt. Der große Fußball ist in dem Vergnügungspark auch vertreten. Automaten, die mit viel Fantasie an David Seaman und Lionel Messi erinnern, laden Besucher ein, ihre Schussstärke an ihnen zu testen. Auch beim jährlichen ballesterer-Gespräch geht es um ein Kräftemessen, nämlich zwischen den österreichischen Bundesligisten und der internationalen Konkurrenz.
ballesterer: Beginnen wir mit dem Europacup. Drei Bundesligisten sind letztes Jahr in der Qualifikation gescheitert, zwei haben die Europa-League-Gruppenphase erreicht, überwintert und sind dann rasch ausgeschieden. Wie ist Ihre Bilanz?
Christian Ebenbauer: Positiv, auch wenn ich zum Beispiel an den LASK denke. Das war großes Kino, so knapp gegen Besiktas, einen Gegner mit ganz anderen wirtschaftlichen Kennzahlen und einer hohen sportlichen Qualität, auszuscheiden. Das zeigt die Problematik der Eintrittsliste in die UEFA-Bewerbe. Ein Klub, der lange nicht dabei war, hat es enorm schwer. Dass wir mit Rapid und Red Bull Salzburg wieder zwei Gruppenteilnehmer hatten, ist positiv. Dass die auch noch überwintert haben, großartig.
Beide sind gegen Champions-League-Absteiger ausgeschieden. Wird die Europa League im Frühjahr zu schwierig?
Diese Regelung ist ein Schutz der Großen. Das ist aus Verwertungssicht für den Vermarkter wichtig, aus sportlicher Sicht bedenklich. Wenn plötzlich ein Team aus einem anderen Bewerb kommt, verfälscht das.
Wie attraktiv ist die Europa League derzeit?
Sie hat in den letzten zwei, drei Jahren massiv an Attraktivität gewonnen – von der Spielqualität, von den teilnehmenden Klubs ab der Gruppenphase. Im Herbst habe ich sie fast attraktiver als die Champions League wahrgenommen, weil die Ergebnisse unvorhersehbarer sind.
Nun will die UEFA eine dritte Leistungsklasse einführen, die Europa League 2. Was bedeutet das für die österreichischen Klubs?
Das kann Vorteile haben, wenn sie leichter die Gruppenphase erreichen und länger dabei sein können. Allerdings stellt sich die Frage nach der Attraktivität der Spiele und den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Das Hauptthema für die Bundesliga ist die Konkurrenz. Alle kleineren und mittleren Ligen kämpfen jetzt schon gegen die großen Fünf und die UEFA-Bewerbe. Die Nations League ist dazugekommen, die FIFA will die Klub-WM vergrößern, und die Europa League 2 wäre ein weiterer neuer Bewerb – das sind alles Konkurrenzveranstaltungen. Und Zeit und Geld der Konsumenten sind beschränkt.
Wer ist denn die größte Konkurrenz? Wahrscheinlich sagt ja niemand: „Ich schaue mir nicht mehr die Bundesliga an, sondern die Schweizer.“
Die Bundesliga ist immer noch das Hauptprodukt in Österreich. Das zeigen alle Analysen und Umfragen. Sky hat die exklusiven Übertragungsrechte ja auch nicht ohne Grund gekauft. Am österreichischen Markt brauchst du die österreichische Liga. Aber schaut man sich die Lizenzsummen an, die aus Österreich an die UEFA-Bewerbe, die Premier League und die DFL fließen, sind das die wichtigsten Konkurrenten.
Lässt das den Rückschluss zu, dass die Bundesliga international nicht so wahnsinnig attraktiv ist?
Sie ist ein Nischen- und Vollständigkeitsprodukt. Wo jede Liga international interessant ist, sind Wettbildrechte. Da war die zweite Liga in den letzten Jahren mit der Freitagsanspielzeit immer sehr attraktiv, weil die Leute da etwas am Bildschirm und zum Setzen haben. Viel hängt auch von den Legionären ab, wie das Beispiel der Japaner bei Horn zeigt. Das kann als Geschäftsmodell funktionieren, trotzdem werden wir nie mit den Top-Fünf-Ligen mithalten können. Es wird nicht passieren, dass in Indien jeder 50. Bub ein österreichisches Klubtrikot trägt.
Im großen Fußball wird die Gelderverteilung immer ungerechter und die Lage für die kleinen Klubs immer schwieriger. Was ist denn die Perspektive?
Wir sitzen ja gerade im Böhmischen Prater. Natürlich könnte man ihn ein bisschen moderner machen, aber dass er überlebt, hat etwas mit dem Gebiet, der Einzigartigkeit und seiner Langlebigkeit zu tun. Genau das müssen wir auf die Bundesliga ummünzen. Wir müssen ein Alleinstellungsmerkmal für die Bevölkerung haben. Ich glaube, dass wir in den letzten 20 Jahren richtig angesetzt haben: Die Klubs sind wirtschaftlich stabiler, die Infrastruktur ist ausgebaut, das Format attraktiver und die arbeitsrechtlichen Bedingungen besser. Aber an einem Punkt müssen wir noch massiv arbeiten: das Image. Wir brauchen Fans. Von den Bewegtbildern läuft es gut, aber der Punkt ist: Wir brauchen moderne Stadien, und wir brauchen volle Stadien.
Das Image hängt doch stark mit der Konkurrenz zusammen. Die Leute sehen Liverpool gegen Barcelona im Champions-League-Halbfinale und dann Rapid gegen Mattersburg um einen Europacupplatz.
Völlig richtig. Aber man muss schauen, was man vergleicht. Keiner würde auf die Idee kommen, die Universal Studios mit dem Böhmischen Prater zu vergleichen, aber wir machen das ständig. Wir vergleichen Manchester City mit Mattersburg. Wir reden von einem Milliardenkonzern und Vereinen mit 15-Millionen-Budgets.
Müssen die Klubs stärker auf das Erfolgsrezept des Böhmischen Praters setzen, also diese Nähe und den Fußball zum Angreifen?
Da wird schon wahnsinnig viel getan. Gerade beim Lokalen zeigen die Klubs eine ungeheure Präsenz. Ob das Sponsorentermine sind, Autogrammstunden in Einkaufszentren oder Projekte, um Kinder direkt anzusprechen.
Bei Rapid hat man nicht den Eindruck, dass sie sich wie der Böhmische Prater inszenieren, sondern eher wie Manchester City. Kann man da nicht nur verlieren?
Wenn wir bei dem Bild von vorher bleiben, entspricht der Böhmische Prater ja eher dem erdigen Fußballplatz in der zweiten Liga. Die Topliga geht auch in Richtung Entertainment, mit den Universal Studios kannst du nicht mithalten, aber vielleicht lässt es sich auf den Wurstelprater ummünzen. Die Größeren nehmen das Lokale und das Erdige ja mit. Da reicht ein Blick auf die öffentlichen Auftritte der Klubs. Sie identifizieren sich mit ihrer Stadt oder ihrem Bundesland und kommunizieren das immer wieder.
Was halten Sie von den Plänen der Klubvereinigung ECA zur Umgestaltung der Champions League mit ständigen Teilnehmern, also einer Super League light?
Ist es light?
Na ja, zumindest ist es kein Bewerb außerhalb der UEFA und nicht komplett geschlossen. Es sollen jedes Jahr acht Plätze – vier aus der Europa League, vier aus den Ligen – neu bestückt werden können.
Es ist schwer zu beurteilen, weil ja betont wird, dass es sich nur um Ideen handelt. Die Reformpläne beinhalten eine massive Ausweitung. Das ist bei dem derzeitigen Ranking der Bundesliga einerseits gut für uns, weil mehr Klubs teilnehmen können. Andererseits wird dadurch die Liga geschwächt. Die kleinen und mittleren Ligen müssen ihre Alleinstellungsmerkmale erhalten. An oberster Stelle stehen dabei die Termine, also wann und wie oft gespielt wird. Wenn die halbe Liga plötzlich den Herbst über einen zusätzlichen Bewerb spielt, wird sich das auf den Stadionbesuch am Wochenende negativ auswirken.
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 143 August 2019) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.