Die Wiener Austria will wieder einmal eine verkorkste Saison vergessen machen. Für den Neuanfang steht vor allem der Trainer. Mit Christian Ilzer wurde ein vermeintlich kleiner Name mit reichlich Vorschusslorbeeren an den Verteilerkreis geholt. Ein Gespräch über Gefühle, Potenziale und Ideen.
Möglicherweise werden Musikwissenschaftler dereinst das Spiel der Wiener Austria sezieren. Ihr Trainer, Christian Ilzer, lässt sich von „Metallica“ und Schlagermusik inspirieren, wenn er hinter dem Steuer Spielzüge durchgeht und an Taktiken feilt. „Ich fahre meistens mit meinem Auto zu den Spielen, nicht im Mannschaftsbus. Da kann ich mich besser auf den Gegner fokussieren“, sagt der Steirer, der seit wenigen Wochen in Wien-Favoriten den Taktstock schwingt. Sein Vertrag läuft über drei Jahre, im Trainergeschäft eine Ewigkeit. Die Austria geht mit dem beim WAC höchst erfolgreichen Coach ein Risiko ein, das sich trotz erneuter Startschwierigkeiten bezahlt machen soll. Christian Ilzer selbst wirkt unverkrampft und offen. Er nimmt sich Zeit, wenn er über seinen Werdegang und seinen Zugang zum Spiel spricht.
„In der Talsohle zeigt sich die Qualität eines Trainers. Man kann sich viel kaputt machen, wenn man nicht die richtigen Worte findet.“
ballesterer: Gibt es Provinztrainer – und sind Sie einer?
Christian Ilzer: Mein Weg hat vor mittlerweile 24 Jahren einfach in der Provinz begonnen – und mich Schritt für Schritt nach oben geführt. Als Kind wollte ich Profi werden, aber irgendwann habe ich einsehen müssen, dass aus diesem Traum nichts wird. Dann habe ich mich auf die Trainerkarriere festgelegt und das Geschäft parallel zum Sportstudium von der Pike auf gelernt. Ich war in jeder Liga tätig – von der untersten Spielklasse bis zur Bundesliga. Ich war Nachwuchstrainer von der U10 bis zum Nationalteam, Konditionstrainer, Videoanalyst, Co-Trainer, Cheftrainer. Ich wollte nie zu große Schritte machen.
Wie hat sich Ihr Blick auf den Fußball in dieser Zeit verändert?
Als Spieler habe ich keine Erfahrung auf höchstem Niveau machen können, ich bin nie in vollen Stadien aufgelaufen. Ich bin aber schon lange Trainer. Der Umgang mit den Menschen ist dabei das Wichtigste. Ob Provinzverein oder Traditionsklub, es sind überall Menschen am Werk, die unterschiedliche Motive haben. Über die Jahre habe ich gelernt, sie zu verstehen, sie abzuholen und ihnen einen Plan mitzugeben. Mit der Zeit habe ich immer mehr Ideen gesammelt, wie ich Fußball spielen lassen will. Jetzt kann ich die Ilzer-Idee authentisch vermitteln.
Die Austria steht wieder einmal vor einem Neuanfang. Hat das Ihre Entscheidung für diesen Karriereschritt beeinflusst?
Ich sehe es nicht als Neuanfang. Der Verein hat viel Potenzial, und wenn man richtig Zug entwickelt, kann eine Aufbruchsstimmung entstehen. Ich habe mir immer Projekte gesucht, bei denen das Potenzial noch nicht ausgereizt ist.
Ist der Kaderumbruch deshalb vergleichsweise gering ausgefallen?
Der Kader war schon letztes Jahr stimmig zusammengesetzt. Es gibt in jeder Linie Qualität und klare Hierarchien. Weil wirtschaftlich auch keine Umbrüche drinnen waren, haben wir nur punktuell umgebaut und Spieler für die Zukunft geholt. Die Abgänge von Stammspielern wie Uros Matic und Igor haben wir einigermaßen ersetzen können. Tarkan Serbest ist zurück im Kader, Maudo Jarjue und Sterling Yateke sind auf einem guten Weg. Nach fünf Wochen mit der Mannschaft habe ich jetzt genaue Vorstellungen, wo wir noch aktiv werden können.
Sind so geringe Veränderungen in der Bundesliga der Idealfall oder die Ausnahme?
Alle Konstellationen sind möglich. Ich habe beim WAC einen großen Umbau vorgenommen, weil die Möglichkeiten da waren und es der Wunsch des Präsidenten war. Das ist super gelungen. Als ich Hartberg nach dem Aufstieg in die zweite Liga übernommen habe, hat es nur sehr wenige Veränderungen gegeben, und wir sind Vizemeister geworden. Bei der Austria habe ich ein ähnliches Gefühl. Es gilt, der Truppe eine Idee zu verpassen, der sie mit Überzeugung folgt. Es gilt, Strukturen zu schaffen, an denen sie sich festhalten kann. Die Mannschaft ist nicht gesättigt, sie hat Hunger.
Apropos Struktur. Sie haben kürzlich gesagt, Spielsysteme seien die Spielwiese der Medien. Wie soll man ein Spiel denn analysieren?
Spielsysteme sind nur die Veränderung der Grundordnung. Das ist bei mir eine Raute, die sich im Spiel flexibel verändert. Je nachdem, welche Räume sich anbieten und welche Qualitäten die Spieler haben. Ist es ein tiefgehender Spieler, oder weicht er gerne auf die Flügel aus? Der Mix muss passen. Ein Spielsystem wird man nie in seiner Reinform sehen. Einmal wird aus einer Vierer- eine Dreierkette, auch im Spiel mit dem Ball. Gegen den Ball kann es passieren, dass eine gebrochene Linie wieder ergänzt werden muss. Wenn ich das Mittelfeld nicht halten kann, nehme ich einen Stürmer hinaus und mache das Zentrum dichter. Wenn meine letzte Linie zu kurz ist, schicke ich einen Sechser nach hinten und so weiter. Die Struktur wird kaum verändert, aber es sieht gleich ganz anders aus.
„Dass ich heute Austria-Trainer bin, ist eine große Ehre.“
Wie sieht die vorher erwähnte Ilzer-Idee aus?
Es braucht eine gewisse Stabilität und Anhaltspunkte. Wenn die Mannschaft Probleme hat, werfe ich nicht die ganze Grundordnung über den Haufen, sondern drehe an einzelnen Rädchen. Das gilt auch umgekehrt. Wenn wir ein Spiel drehen wollen, spielen wir Harakiri und schaffen vorne die Überzahl, um den Gegner einzukesseln. Wenn der Gegner einen Ausschluss hat und mit 5-3-1 genauso kompakt steht wie vorher, gehen wir all in. Dann spiele ich mit einem Verteidiger gegen seinen einzigen Stürmer. Davor habe ich zwei spielstarke defensive Mittelfeldspieler, besetze die Flügel und habe fünf Spieler im Zentrum. Das sind die Stellschrauben, um ein Spiel zu gewinnen. Sonst entscheiden oft die Einzelqualitäten.
Die Raute gilt als riskantes Spielsystem, wenn man den Ball verliert.
Es gibt gewisse Prinzipien: Ich will dort die Überzahl haben, wo der Ball ist, und den Gegner nicht mehr aus der Ballspur lassen. Bin ich im Pressing aber nicht konsequent genug, gelingt ihm die Spielverlagerung. Die Raute lässt dann viel Platz auf der ballfernen Seite. Aber wenn wir die Arbeit zum Ball gut erledigen, kommt der Gegner nicht hinaus. Wenn wir es nicht gut machen oder der Gegner überragend ist, gibt es ein Problem, auf das wir reagieren müssen.
Was halten Sie vom Satz: „Ein Trainer muss die Sprache der Spieler sprechen“?
Sehr viel.
Wie spricht man sie?
Man muss den Fußball theoretisch verstehen und sein Handwerk beherrschen. Das war immer schon die Basis, um einen Zugang zu den Spielern zu haben. Wenn du da wackelst, wirkst du fadenscheinig. Noch wichtiger ist Kommunikation. Ein Spieler muss das Gefühl bekommen, dass ihn der Trainer weiterbringen kann und dass der Trainer den Menschen hinter dem Fußballer versteht. Man braucht ein gutes Gespür, um die Spieler richtig zu coachen. Das heißt, sie besser zu machen. Natürlich gibt es viele Daten über das Spiel an sich, aber meine Augen können auch einiges erkennen. Wenn du nur machst, was im Buch steht, erreichst du bald das Limit.
Gibt es unter Ihren Vorgängern Trainer, die Ihnen besonders imponiert haben?
Da tue ich mir mit einem Urteil schwer. Jeder probiert es nach bestem Wissen und Gewissen. Thorsten Fink hat mir mit seiner Ausstrahlung extrem imponiert, Peter Stöger war sowieso beeindruckend. Wenn man Red Bull Salzburg mit Punkterekord in die Schranken weist, ist das außergewöhnlich. Aus den 1990er Jahren ist auch mir Wolfgang Frank in Erinnerung. Er hat zwar keinen Erfolg mit der Austria gehabt, aber eine ganze Trainergeneration geprägt. Noch vor meiner Zeit hat es Legenden wie Herbert Prohaska und Ernst Ocwirk gegeben, deren Bilder hier überall hängen. Da waren große Persönlichkeiten am Werk. Dass ich heute Austria-Trainer bin, ist eine große Ehre.
Welche Trainer haben Sie persönlich geprägt?
Da gibt es viele. Bruno Friesenbichler hat mich in den Profibereich geholt. Arsene Wenger ist sicherlich ein Vorbild. Er war jedes Jahr mit Arsenal in Bad Waltersdorf – da habe ich keine fünf Trainings verpasst. Er hat sehr spannende Übungen im Repertoire gehabt. Von Jose Mourinho habe ich gelernt, dass man es auch ohne Profikarriere schaffen kann. Pep Guardiola habe ich vor allem bei den Bayern intensiv verfolgt. Aber wir hatten auch große Trainer in Österreich. Marco Rose war überragend, auch Oliver Glasner, der ein ganz anderer Typ ist. Mit Adi Hütter bin ich persönlich befreundet und war in Bern und Frankfurt hospitieren. Das sind alles Persönlichkeiten, von denen ich mir das eine oder andere abschaue.
Sie haben vorher Peter Stöger erwähnt. Er ist gerade als neuer Sportvorstand präsentiert worden. Was bedeutet das für Sie?
Er hat einen riesigen Erfahrungsschatz und ist zwischenmenschlich top. Er hat ein gutes Gespür und man muss ihm nichts mehr über den Fußball erklären. Dass er jetzt zurück im Verein ist, ist eine Riesensache. Er kann viel abfangen und ich mich wirklich auf die Mannschaft konzentrieren.
Die Austria hat in der letzten Saison ordentlich ihr Fett abbekommen. Sportlich ist es mäßig gelaufen, die Popularität ist gerade unter den Jungen extrem niedrig. Wie kann man hier entgegensteuern?
Die Bundesliga-Studie zur Popularität kenne ich. Wir haben einen ganzen Bürotrakt, der sich intensiv Gedanken über Marketing und Fanbindung macht. Für mich ist der Erfolg entscheidend. Der prägt die Art und Weise, wie wir uns nach außen präsentieren. Das bringt die Leute dazu, sich zu identifizieren und zu sagen: Das ist eine coole Truppe.
Bekommen Sie im laufenden Spielbetrieb überhaupt mit, wie es um die Anhängerschaft steht?
Ich war bei einem Fanturnier, dort hat mir richtig gefallen, wie wichtig den Leuten die Austria ist. Sie lassen sich kündigen, um zu einem Europacupspiel zu fahren – das ist wie eine Religion. Es ist schon geil, in ein volles Stadion zu kommen oder im Cup auf einem kleinen Kärntner Platz vor einer Wand von Fans zu stehen, die 90 Minuten Stimmung machen. Wenn wir schlecht spielen, kriegen wir natürlich unser Fett ab. In der Talsohle zeigt sich auch die Qualität eines Trainers. Man kann sich viel kaputt machen, wenn man nicht die richtigen Worte findet. Genauso zeigt sich die Qualität einer Fanszene, wenn sie es schafft, positiv zu bleiben, wenn die Mannschaft durchhängt. Die Fans sollen wissen, dass wir intensiv arbeiten. Jeder versucht, an seine Grenzen zu gehen. Ein Leitspruch für mich ist, aus dem gesamten Verein ein Team zu machen. Büro, Aufsichtsräte, Fans, Zeugwarte – das muss alles eine G’schicht werden.
Sie sind auf Social Media vergleichsweise aktiv. Liegt Ihnen das?
Es war in einer gewissen Karrierephase einfach nötig, mich auf Facebook und Instagram zu präsentieren, weil ich ein Nobody war. Dann konnte und wollte ich den vielen E-Mails und Nachrichten nicht mehr gerecht werden. Das nimmt zu viel Zeit. Aber Instagram gefällt mir. Die Fotos kann niemand kommentieren, und sie vermitteln ein bisschen einen Eindruck über mich.
Welche Rolle spielt Social Media für einen Fußballklub?
Man erreicht so vor allem die Jugend. Es wird auch weiter in die Richtung laufen, dass man noch mehr selbst produziert, zum Beispiel TV-Formate, weil man dort gezielt Information transportieren kann. Das ist auch im Sinn eines Klubs. Man sagt, was man zu sagen hat, ohne dass es aus dem Zusammenhang gerissen oder mit einer falschen Schlagzeile versehen wird.
Muss man sich nicht auch kritische Fragen gefallen lassen?
Das hat alles seine Berechtigung und soll auch so bleiben. Kritische Fragen sind sehr wichtig, aber die Antwort muss sinngemäß befördert werden. Hauseigene Kanäle geben dem Klub eine Möglichkeit mehr.
Sie haben Ihren Abschied in Wolfsberg kurz vor dem letzten Spiel verkündet. Wie sind Sie zu diesem Entschluss gekommen?
Da gibt es keine Regel. Wir haben eine super Zeit gemeinsam gehabt, und jeder hat es sich verdient, die Entscheidung aus meinem Mund zu hören, bevor das Spiel vorbei ist. Die Reaktion war sehr positiv. Ich habe auch in Hartberg der Mannschaft zum richtigen Moment gesagt, dass ich den Verein verlasse. Es ist Gefühlssache.
Christian Ilzer (41) ist seit Saisonbeginn Trainer der Wiener Austria. 2018 brachte der Steirer den TSV Hartberg in die Bundesliga. Die vergangene Saison schloss er mit dem WAC auf dem dritten Platz ab, was den Kärntnern die Teilnahme an der Europa-League-Gruppenphase garantierte.
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Der ballesterer wird 25. Zu unserem Jubiläum unternehmen wir in dieser Rubrik einen Spaziergang durch die Magazingeschichte. Diesmal schauen wir in ein dunkles Kapitel der Wiener Austria und begeben uns auf den ballesterer-Boulevard. lesen