Ivo Trifunovic ist 27 Jahre alt, tätowiert, spielt als Flügelstürmer für Everton und das österreichische Nationalteam, ist in Wien aufgewachsen, hat bosnische Eltern, zwei Kinder, eine geile Frau und eine noch geilere Jugendliebe. Tonio Schachingers Protagonist, der frappante Ähnlichkeiten zu Marko Arnautovic aufweist, schwankt in „Nicht wie ihr“ zwischen den Gefühlszuständen urtraurig und uraggressiv. Seine Ablehnung trifft Deutsche, Schwabos, Verbandsfunktionäre und Mentaltrainer. Von Hurenkindern ist wiederholt die Rede, von Mobbingopfergesichtern, Komplexlern, Lappen und Missgeburten.
Das alles ist stilistisch wie rhythmisch sauber durchexerziert und ungemein unterhaltsam. Doch in seinem Unterhaltungsanspruch liegt die Schwäche des Buchs. Was sich als Milieustudie tarnt, folgt über weite Strecken den Funktionsweisen von Sitcom-Humor: Figurenentwicklung und Plot werden zur Nebensache, die Pointe, das Hurenkind, ist alles.
Fußballfans könnten darüber stolpern, dass das Nationalteam seine Laufeinheiten auf dem Rasen des Ernst-Happel-Stadions absolviert oder sich der Protagonist nur im Besitz zweier Kreuzbänder wähnt. Dafür werden viele von ihnen anerkennend nicken, wenn Ivo wie nebenbei erklärt: „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben. Man muss ihn aushalten.“
ballesterer: Sie haben mehrfach gesagt, der Fußballbetrieb ähnle dem Literaturbetrieb. Könnte Ihr Protagonist auch ein junger Schriftsteller sein?
Tonio Schachinger: Manches ist vergleichbar, anderes nicht. Das Phänomen der Großen, die die Kleinen fressen, gibt es in beiden Welten. Als österreichischer Schriftsteller oder Verlag hat man beim Deutschen Buchpreis einen Underdog-Status. So wie das österreichische Nationalteam, wenn es sich für eine EM qualifiziert.
Wie viel Fußballverstand trauen Sie der Jury des Deutschen Buchpreises zu?
Ich kenne niemanden persönlich. Wenn mein Buch die inhaltlichen Erwartungen meiner Freunde, die Fußballfans sind, erfüllt hätte und dabei literarisch weniger anspruchsvoll wäre, stünde es aber vermutlich nicht auf der Shortlist.
Ist ein Ziel Ihres Buchs, Verständnis für das Innenleben eines Fußballprofis zu schaffen?
Auf jeden Fall. Ich bin auch von der Rezeption teilweise überrascht. Immer wieder lese ich, Ivo habe wahnsinnig dumme Gedanken. Als Begründung wird genannt, dass er sich fragt, warum ein Elternteil eines lieben Kindes Krebs bekommen kann. Das ist aber nicht dumm, sondern eine uralte theologische Frage. Hätte Ivo sie anders formuliert, würde das vermutlich anerkannt werden. In solchen Reaktionen zeigt sich der Klassismus der Rezensenten.
Welche Einblicke haben Sie in den Alltag von Profifußballern, die andere nicht haben?
Das Buch basiert nicht auf Insiderwissen, sondern auf meiner Vorstellung und dem, was ich mir durch meine Recherchen erarbeitet habe. In den sozialen Netzwerken wird mittlerweile vieles offenherzig kommuniziert. Im letzten Jahr hat Danny da Costa von Eintracht Frankfurt sich selbst interviewt, indem er die erwartbaren Phrasen aneinandergereiht hat. Ich habe mich gefragt: Was denkt der sich sonst noch?
Was unterscheidet einen ehemaligen Wiener Käfigkicker wie Ivo von seinen Profikollegen?
Ivo kennt ein anderes Wertesystem als das, das ihm sein Verein vorgibt. Im Käfig geht es nicht um deine Passquote und nicht nur darum, wie viele Tore du schießt. Du versuchst, deinen Gegenspieler auszudribbeln, sodass er dir deppert hinterherlaufen muss.
Ist Ivo ein schwieriger Spieler?
Er ist schwierig, weil er die Strukturen seiner Lebensrealität durchschaut hat. Das ist dem beruflichen Erfolg normalerweise abträglich. Nicht nur im Fußball.