Egal, wo Andy Marek hinblickt, er sieht nur Rapid. Schaut er von seinem Schreibtisch geradeaus, hängt dort ein Gemälde mit dem Wappen, rechts ist das Wappen auf der Glastür zu seinem Büro abgebildet, links sieht er durch die großen Fenster Teile des überdimensionierten Wappens an der Stadionfassade. 28 Jahre arbeitet Marek schon in Hütteldorf, das Spiel gegen Wattens am 16. Februar wird sein letztes als Stadionsprecher sein. Im November hatte er bei der Generalversammlung seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekanntgegeben. Die Mitglieder reagierten mit Standing Ovations, beim einen oder anderen flossen Tränen, und Marek erhielt per Akklamation die Ehrenmitgliedschaft. Auch beim ballesterer-Interview ist die Abschiedsstimmung zu spüren, irgendwann wird das zweistündige Gespräch kurz unterbrochen. „Da kommt der Wuzzelweltmeister“, sagt Marek. Der Rapid-Fan bringt eine gerahmte Fotocollage als Geschenk.
Marek begann bei Rapid zwar als Stadionsprecher, wurde aber bald mit der Gründung des Klubservice beauftragt – seither war er von der Fanarbeit über das Merchandising bis zur Organisation sämtlicher Veranstaltungen für zahlreiche Bereiche zuständig. Nach seiner Laufbahn bei Rapid will sich Marek anderen Moderationstätigkeiten widmen. Und vielleicht gibt es zu Weihnachten ein kleines Comeback in Hütteldorf. „Wenn ich gesund bin und Rapid das will, werde ich mit der Mannschaft auf der Bühne stehen“, sagt er. „Weihnachten im Stadion war letztes Jahr schon sehr lässig.“
ballesterer: Wie geht es Ihnen?
Andy Marek: Am 1. Jänner habe ich mir gedacht: „Warum verabschiede ich mich überhaupt von Rapid? Mir geht’s gut, ich bin wieder der Alte.“ Ein paar Tage später habe ich geglaubt, ich kann nicht einmal einen Zettel heben, so schwach habe ich mich gefühlt. Ich weiß, dass ich nach dem Interview um 17 Uhr sehr müde sein werde. Bei mir hat jeder Tag 18 Stunden gehabt. Das geht einfach nicht mehr.
Seit wann haben Sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen?
Ich muss gestehen, ich habe erst sehr spät mit Vorsorgeuntersuchungen begonnen, und möchte hiermit allen Menschen raten, regelmäßig hinzugehen. Als ich im September dort gewesen bin, habe ich erfahren, dass ich mich einer schweren Operation unterziehen muss. Ich habe das zuerst nicht einmal registriert und bin mein Tempo weitergegangen. Ich habe an einem Samstag noch Rapid gegen Sturm moderiert und bin am nächsten Tag für die Operation ins Spital gefahren.
Das Reflektieren hat erst nach der OP angefangen, nicht davor?
Genau. Zwei Tage nach der Operation hat sich der Primar zu mir gesetzt: „Herr Marek, alles ist gut gegangen. Aber Sie müssen vom Gas runter.“ Als ich nach acht Tagen heimgekommen bin, habe ich gemerkt, wie kraftlos ich bin. Mein Hausarzt hat mir dann auch gesagt: Krankenstand. Ich habe das Wort gar nicht gekannt. Ich habe mich zuerst dagegen gewehrt, aber einsehen müssen, dass ich schwach bin. So ist dann dieses Thema nähergerückt, ich muss auf mich selber schauen. Dann habe ich die Entscheidung getroffen.
Hat das auch etwas von einer Befreiung?
Es ist von Tag zu Tag anders. Ich mag das nicht, wenn Leute sagen: „Ich habe alles untergeordnet.“ Man ordnet nie alles unter. Aber ich habe meine Planung Rapid untergeordnet. Ich habe mit meiner Frau in 24 Jahren Ehe keinen Urlaub gehabt, der länger als eine Woche war. Es gibt viele Dinge, die ich gerne machen möchte, wenn ich wieder ganz gesund sein darf.
Sie haben in fast 30 Jahren bis auf den Sport jeden Bereich mitbetreut. Wie viel von dem, was Rapid heute ist, ist Ihr Verdienst?
Das müssen andere beantworten. Als ich 1992 als Stadionsprecher zu Rapid gekommen bin, habe ich folgende Situation vorgefunden: Ich kaufe mir eine Karte, schaue mir ein Match an und gehe wieder heim. Dazu war Rapid gerade kurz vor einer großen wirtschaftlichen Krise. Plötzlich sind wir 1996 Meister geworden und ins Europacupfinale gekommen. Wir haben das Happel-Stadion gefüllt und sind mit 15.000 Leuten nach Brüssel gefahren. Damit waren wir schwer überfordert, es hat damals null Strukturen gegeben.
Wie hat sich das verändert?
Präsident Günter Kaltenbrunner und Manager Werner Kuhn haben mich gefragt, ob ich das grün-weiße Haus aufbauen will. 1998 habe ich das Klubservice gegründet. Wir konnten nach einigen Jahren einen starken Fanzulauf bewirken, aber nicht ich allein, sondern mit vielen anderen Leuten als Ideengebern. Wir haben zum Beispiel das Abo auf der alten West um 1.000 Schilling verkauft, auf einmal war sie voll. Wir haben immer versucht, den Rapidlern das Fandasein so einfach wie möglich zu gestalten. Für mich ist immer der größte Grant, wenn sich Leute bei der Kassa lange anstellen müssen.
Das Ziel des Klubservice war es also, dass sich alle Fans wohlfühlen?
Wenn jemand zum Stadion kommt, ist er das erste Mal angefressen, weil er keinen Parkplatz kriegt, das zweite Mal, weil er sich an der Kassa anstellen muss, das dritte Mal, weil er nicht gescheit reinkommt, und das vierte Mal, wenn nicht gut gespielt wird – und dann fängt er nach zehn Minuten zum Pfeifen an. Wir haben uns gefragt: Was können wir tun, dass die Leute gut drauf sind? So haben wir mit dem Rapid-Dorf begonnen, das wir uns damals von Mattersburg abgeschaut haben. Das Dorf war leiwand, immer bummvoll, die Leute haben die Parkplatzsuche vergessen gehabt und waren schon halbwegs in Stimmung, wenn sie ins Stadion gekommen sind.
Rapid hat sich damals als Arbeiterverein positioniert. Haben Ihnen dabei die Entwicklungen bei den Gegnern in die Karten gespielt?
Ja, uns ist sehr viel entgegengekommen: Frank Stronach bei der Austria, Hannes Kartnig bei Sturm, Rudi Roth beim GAK und dann noch Didi Mateschitz in Salzburg. Wir haben uns von denen abgegrenzt. Wir haben immer wieder gesagt: Willst du es so haben wie in Favoriten oder Salzburg?
War das aus ideologischer Überzeugung, oder hat Rapid aus der Not eine Tugend gemacht?
Es war nicht aus der Not, wir hätten ja auch sagen können, dass wir das Geld wollen. Der Stronach war ja nicht mit der Austria verheiratet. Wir wollten nicht von einem abhängig sein, der uns wie die Puppen tanzen lässt. Wir sind der Arbeiterverein, der für die Basis offen ist. Wir haben auch nie einen als Präsidenten gehabt, der sagt: „Alles geschieht so, wie ich es will.“ Die Mitglieder entscheiden, das war nichts Gespieltes.
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 149 März 2020) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr in unserem Shop bestellen.