Die Spiele von Buenos Aires
Es kommt einer nach dem anderen, und es wirkt, als wäre jeder nur noch bunter und lauter als der davor. Es sind gemietete Stadtbusse, die die Fanklubs des Racing Club zum Estadio Presidente Peron transportieren. Die Fenster sind offen und die meisten Türen auch. Menschen hängen hinaus, mit Fahnen oder Fackeln in den Händen. Sie singen, und sie klatschen, sie trommeln, und sie trompeten. Aber nicht nur die Fans in den Bussen, sondern auch die an den Straßenrändern. Sie stehen, nein, sie hüpfen Spalier und werden mit jedem weiteren Bus, der sich leert, mehr und mehr.
Die Sonne strahlt an diesem Februartag im argentinischen Sommer, der Himmel ist blau wie die Racing-Trikots. Bier wird aus den beliebten Ein-Liter-Flaschen getrunken und natürlich Fernet-Branca, dieser italienische Bitter, den die Argentinier zu ihrem Nationalgetränk gemacht haben. Es ist ein riesiges Fest, und es sind noch etwa zwei Stunden bis zum Anpfiff des wichtigsten Spiels des Jahres für die Fans von Racing: der „Clasico de Avellaneda“ gegen den Club Atletico Independiente. Das Stadion des Erzrivalen ist für die Racing-Fans immer in Sichtweite, es steht rund 300 Meter Luftlinie von ihrem eigenen entfernt. Im Großraum Buenos Aires mit seinen aktuell zwölf Erstligisten in der 24er-Liga und seinen weltweit unübertroffenen rund 80 Profi- und Halbprofiklubs bei etwa 14 Millionen Einwohnern gibt es überall und beinahe täglich Derbys. Aber mehr Derby als im südlich des Zentrums gelegenen Arbeitervorort Avellaneda geht nicht.
Die großen Fünf
An diesem Nachmittag ist in der eigentlich farblich geteilten Gegend nur Blau-Weiß zu sehen. „Es wäre sehr gefährlich, jetzt mit einem Independiente-Trikot rauszugehen“, sagt Racing-Fan Raul. „Ich würde mich bei einem Heimspiel von denen auch nicht mit meinem Trikot auf die Straße trauen.“ Beide Vereine haben etwa gleich viele Anhänger, von Wochenende zu Wochenende schmücken sie Avellaneda abwechselnd blau-weiß oder rot. Gemeinsam mit den Boca Juniors, River Plate und San Lorenzo bilden Racing und Independiente die „Cinco Grandes“, die fünf großen Klubs von Buenos Aires. Der erste Große aber war Racing.
Wie fast überall auf der Welt machten auch in Argentinien britische Kauf- und Seeleute den Fußballsport bekannt. Als Pionier gilt der Schotte Alexander Watson Hutton, der in Buenos Aires 1884 eine Schule und später mit dem Alumni Athletic Club einen Fußballverein für seine Schüler gründete. Gemeinsam mit dem Lomas Athletic Club dominierte Alumni um die Jahrhundertwende die Liga, die sich damals auf den Großraum Buenos Aires beschränkte.
Gleichzeitig entstanden jedoch auch immer mehr Vereine ohne britischen Einfluss, einer davon war der Racing Club. Pünktlich zum zehnjährigen Bestehen feierte er 1913 seinen ersten Meistertitel und beendete damit den Siegeszug der Briten. Auf die Premiere folgten sechs weitere Titel in Folge. Aber nicht nur in dieser Hinsicht war Racing den vier anderen Großen voraus: Es war auch der erste Klub, der von einer Barra Brava unterstützt wurde. Entfernt vergleichbar mit den Ultras in Europa dominieren die Barras Bravas heute die südamerikanischen Kurven. 1958 – während der zweiten Blütephase des Klubs – gründete sich beim Racing Club die im Stadion bis heute tonangebende „Guardia Imperial“, die kaiserliche Garde.
Job in der Kurve
„LA GUARDIA IMPERIAL“ steht Buchstabe für Buchstabe auf den Instrumenten der Trommler, die sich wenige Minuten vor dem Anpfiff des Derbys vor der Gegengerade formieren. Das Stadion ist voll – bis auf den Bereich in der Kurve direkt hinter dem Tor. Er ist das Ziel der Barra Brava: Hüpfend, singend und trommelnd zieht die „Guardia Imperial“ in ihre Heimat ein. Blaue und weiße Bänder reichen vom Oberrang nach unten, Konfetti und Luftballons fliegen, Fahnen werden geschwenkt. Sicherheitsleute sind kaum zu sehen und wenn doch, halten sie sich im Hintergrund, scherzen mit Fans oder schauen gelangweilt herum. Wie schon vor dem Stadion gibt es abgesehen von den elf Spielern auf dem Platz kein Independiente-Rot zu sehen.
Seit 2013 herrscht im argentinischen Fußball neben einem Alkohol- auch ein generelles Gästefanverbot, das sehr selten und allenfalls bei Spielen in der Provinz aufgehoben wird. Grund für diese Maßnahme war die zunehmende Gewalt in und um die Stadien. „Zwischen 1993 und 2013 hat es über 200 Todesopfer bei Fußballspielen gegeben. Seit dem Verbot von Auswärtsfans ist die Zahl stark zurückgegangen“, sagt der Journalist Marcelo Patroncini, der für Vermouth Deportivo berichtet, das einzige landesweite Fußballmonatsmagazin. „Doch die Gewalt hat sich verlagert: Statt gegen Barras Bravas anderer Klubs zu kämpfen, kämpfen sie jetzt untereinander.“ Bei fast allen großen Vereinen sei dieses Ringen um die Vormachtstellung in der Kurve zu beobachten.
Je größer die Barras Bravas über die Jahre wurden, desto wichtiger wurden sie auch – und desto schlechter ihr Ruf. Manche Gruppen begannen, Gegenleistungen für die bunte und lautstarke Anfeuerung in den Stadien zu erwarten. Oft gehe es heute nicht mehr nur um das Gemeinschaftserlebnis in der Kurve, sondern um Macht, Geld und Einfluss, erklärt Patroncini. „Europäische Ultras üben unter der Woche normale Jobs aus. Hier ist es ein Job, in einer Barra Brava zu sein. Manche können damit ihren Lebensunterhalt verdienen, mitunter einen sehr guten.“
Wie das funktioniert? Es ist ein Geben und Nehmen zwischen den Barras Bravas und den Vereinen. „Jeder Präsident wird beteuern, dass er keine Ahnung hat, wer die Barras Bravas seines Klubs sind“, sagt der Journalist. „Aber sie wissen es. Vielleicht haben sie keinen direkten Kontakt, aber zumindest über Mittelsmänner.“ Barras Bravas genießen häufig Privilegien, manche ihrer Mitglieder verdienen beim Ticket- und Merchandisingverkauf an Touristen oder bei der Parkraumbewirtschaftung um die Stadien mit. Die Klubführungen setzen die Barras Bravas auch selbst ein, zum Beispiel als Sicherheitsleute bei Veranstaltungen.
Der Aktionsradius einiger Barras Bravas beschränkt sich nicht auf ihren Herzensverein. „Kleinere Klubs bieten ihnen oft eine zweite Einnahmequelle“, sagt Patroncini. „Die Barras Bravas von Boca sind zum Beispiel auch beim Drittligisten Almirante Brown tätig und die von River beim Zweitligisten Club Deportivo Moron.“ Wenn sie Spiele dieser Vereine besuchen, täten sie das nicht als Zeitvertreib, sondern um zu arbeiten.
Fluch der sieben Katzen
Hart ist der argentinische Fußball aber nicht nur auf den Rängen, hart ist er oft auch auf dem Platz. Rote Karten gehören zur Tagesordnung, auch beim Derby zwischen Racing und Independiente Anfang Februar. Im Estadio Presidente Peron neigt sich die erste Halbzeit beim Stand von 0:0 dem Ende zu, kurz vor dem Pausenpfiff fliegt der erste Racing-Spieler vom Platz. Direkt nach dem Wiederanpfiff der nächste. Zu neunt stemmt sich die Mannschaft gegen den Sturmlauf von Independiente, angetrieben vom immer fanatischeren Publikum.
Als Racing in der 86. Minute mit dem ersten wirklich gefährlichen Angriff der zweiten Halbzeit in Führung geht, explodieren die Tribünen förmlich. Menschen finden sich in Sekundenbruchteilen mehrere Meter von ihren ursprünglichen Plätzen entfernt wieder. Kurz darauf fliegen zwei Independiente-Spieler wegen Frustaktionen vom Platz, es kommt zu Rudelbildungen. Dann der Schlusspfiff. „Ich gehe seit zehn Jahren zu jedem Heimspiel“, schreit Racing-Fan Raul. „Und das war das beste bisher.“ Am darauffolgenden Tag hissen Fans nahe des Stadions ein Transparent mit der Aufschrift: „Das nächste Mal spielen wir zu sechst.“
Hohn und Spott sind zwischen Racing und Independiente so alt wie die Rivalitätselbst. Nachdem Racing 1967als erster argentinischer Verein im Finale gegen den Celtic FC den Weltpokal gewonnen hatte, vergruben Independiente-Fans der Legende nach heimlich sieben schwarze Katzen unter dem Rasen des Estadio Presidente Peron. Racings Erfolgslauf endete abrupt, während Independiente zur südamerikanischen Supermacht aufstieg. Anfang der 1970er Jahren gewann die Mannschaft mit einer rustikalen Spielweise viermal in Folge die Copa Libertadores, die südamerikanische Version der europäischen Champions League. Mit sieben Titeln bei sieben Finalteilnahmen ist Independientebis heute der Rekordsieger des Wettbewerbs und benannte sein Stadion nach der Neueröffnung 2009 deshalb in Estadio Libertadores de America um, das Stadion der Befreier Amerikas.Bei Racing lag der Fokus ob der anhaltenden Erfolgslosigkeit und des damit einhergehenden wirtschaftlichen Niedergangs Ende des vergangenen Jahrhunderts zunehmend auf der Suche nach den Katzenkadavern: Sechs waren bald gefunden, der siebte blieb lange unentdeckt. Nachdem Reinaldo Merlo 2001 das Traineramt übernommenhatte, veranlasste er eine großangelegte Suchaktion, in deren Verlauf er sogar Betonflächen im Stadion aufreißen ließ. Die letzte Katze wurde schließlich gefunden, wenige Wochen später wurde Racing Meister. Es war der erste bedeutende Titel seit 34 Jahren.
SUPERMARKT STATT STADION
Noch länger als Racing auf diesen Titel wartete, muss der Club Atletico San Lorenzo de Almagro auf die Rückkehr in seine Heimat hoffen. 41 Jahre sind es mittlerweile –und wie viele weitere müssen es noch werden? „Vielleicht zehn oder zwölf oder 20, das weiß keiner“, sagt San-Lorenzo-Fan Julian und lacht, aber er lacht aus Verzweiflung. „Der Wunsch nach der Heimkehr wird von einer Fangeneration zur nächsten weitergegeben. Am liebsten wären wir morgen zurück. Das Wichtigste ist aber, dass es überhaupt irgendwann passiert.“ Julian ist 27 Jahre alt, seine Heimat mit Verein kennt er nur von Bildern und aus Erzählungen seines Vaters.
Die Heimat, das ist Boedo. Ein mittelständisches Barrio, ein Bezirk also, westlich des Stadtzentrums. 1908gründete der Jugendseelsorger Lorenzo Massa im angrenzenden Viertel Almagro einen Fußballverein. Die Kinder des Barrio durften fortan auf dem Hof hinter seiner Kirche Fußball spielen, aber bereits acht Jahre späterhatten sie in Boedo ihr eigenes Stadion. Das Estadio El Gasometro, in dem San Lorenzo anschließend zahlreiche Titel gewinnen sollte, ehe der Verein Ende der 1970er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten geriet.Die von 1976 bis 1983 herrschende Militärjuntaunter General Jorge Videla drängte den Klub zu einem Verkauf des Stadionareals an die Regierung, die es wenig später an die französische Supermarktkette Carrefour weiterveräußerte –angeblich zum achtfachen Preis. Die Fans von San Lorenzo fühlten sich verraten und mussten mitansehen, wie ihre Heimat abgerissen und durch einen Supermarkt ersetzt wurde. Ihre Mannschaft spielte in der Folge hier und da, bis sie 1993 in das neu errichtete Estadio Pedro Bidegain zog. Es liegt etwa vier Kilometer südwestlich vonBoedo und grenzt an das Armenviertel Nueva Pompeya.
Touristen wird von einem Besuch dort entschieden abgeraten, von Gewalt und Anarchie ist in den Reiseführern die Rede –doch vor San Lorenzos Heimspiel gegen Estudiantes de La Plata Ende Jänner ist davon nichts zu merken. Es herrscht eine friedliche, ausgelassene Stimmung. Rauch steigt von den Feuerstellen auf, die vor heruntergekommenen Baracken aufgebaut sind. Es duftet nach Grillfleisch, denn überall brutzeln Chorizos. Ummantelt von Brot und garniert mit Saucen und Gemüse bilden sie das klassische Stadiongericht Choripan.Dazu wird in den improvisierten Esszimmern Bier verkauft. Jeder prostet jedem zu, und je näher der Anpfiff rückt, desto lauter schallendie Gesänge durch die engen Gassen Richtung Stadion. Es wirkt wie eine große Familie, die hier zu Hause ist –nicht wie eine, die vertrieben wurde. „Ich liebe dieses Stadion, weil ich damit aufgewachsen bin“, sagt Julian. Trotzdem kämpft er verbissen für eine Rückkehr nach Boedo. „Es sind verwirrende Gefühle.“
DER LIEBESBEWEIS
Als Gipfel jahrelanger Proteste organisierte die Fanszene im März 2012 eine Massenkundgebung auf dem bekanntesten Platz der Stadt. Über 100.000 San-Lorenzo-Anhänger versammelten sich auf der Plaza de Mayo, einem ikonischen Ort der argentinischen Geschichte. Als die Militärregierung, die San Lorenzo das Stadion abgeluchst hatte, einst zehntausende Regimegegner spurlos verschwinden ließ, protestierten hier deren Mütter. Jeden Donnerstag umrundeten die Madres de Plaza de Mayo in weißenKopftüchern stumm den Platz. Als Erinnerung wurden ihre Kopftücher später auf den Boden des Platzes gemalt, doch an diesem Märztag waren sie in einem Menschenmeer in Blau und Rot nicht zu sehen.Julian kann sich noch genau an die Proteste erinnern: „Ich habe gewusst, dass viele kommen würden, aber ich hätte nie damit gerechnet, dass es so viele werden.“ Alles sei friedlich geblieben, was nicht selbstverständlich ist, wenn Fans für etwas eintreten. „Es war eine Demonstration der Liebe, der Liebe der Menschen von Boedo zu ihrem Barrio und ihrem Verein.“ Die Demonstration zeigte Wirkung: Wenige Monate späterverabschiedete die Regierung ein Gesetz, wonach San Lorenzo das Areal von Carrefour zurückkaufen durfte.
Dem Klub fehlte jedoch das nötige Geld, also nahmen sich die Fans der Sache an. Sie kauften symbolische Quadratmeter um jeweils 3.600 Pesos, umgerechnet damals rund 600 Euro. Julian besorgte sich einen, sein Vater ebenfalls. Doch dann kam die Inflation, ein wiederkehrendes Problem Argentiniens. „Als 2016 die ursprünglich angepeilte Anzahl an Quadratmetern verkauft war, war der Peso zu wenig wert, als dass die Summe gereicht hätte“, sagt Julian. Die Differenz brachte letztlich der Klub auf, und 2019 ging das Areal in den Besitz von San Lorenzo über. Seitdem steht dort ein leerer Supermarkt, der Carrefour-Schriftzug über dem Eingang wurde immerhin durch den Vereinsnamen ersetzt. Stadion gibt es aber keines. „Als unser aktuelles Stadion errichtet worden ist, hat es geheißen, dass wir es bei einer möglichen Rückkehr abbauen und in Boedo wieder aufbauen können“, sagt Julian. Wieder lacht er, wieder aus Verzweiflung. „Das war eine Lüge, und ich habe keine Ahnung, wo wir das Geld für ein neues Stadion herbekommen sollen.“ Bis in Boedo gebaut wird, wird immerhin gemalt. Julian ist Mitglied der seit 2012 bestehenden Grupo Artistico de Boedo, einer Künstlergruppe, die ihr Barrio blau und rot färbt. „Unser erstes Graffiti befindet sich dort, wo das alte Stadion gestanden ist“, sagt er. Mittlerweile sind es mehr als 120 Graffitis. Sie zeigen wichtige Spieler und Momente der Vereinsgeschichte, gehen aber auch auf das Barrio und seine Bewohner ein. Auf einem Graffiti ist Papst Franziskus zu sehen, der 1936 ganz in der Nähe als Jorge Bergoglio geboren wurde. Er ist der wohlberühmteste Fan des Klubs – und ein bisschen das, was der siebte Katzenkadaver für Racing war: Kurz nachdem er im März 2013 inthronisiert wurde, gewann das zuvor oft im Abstiegskampf dahindarbende San Lorenzo den Meistertitel und 2014 erstmals die Copa Libertadores. Nun winkt Bergoglio von einer Häuserwand in Boedo, hinter ihm eine Friedenstaube. „Unsere Graffitis sollen den Leuten vermitteln, dass hier unsere Heimat ist“, sagt Julian.
ZANETTIS WEG
Was Boedo im Großen ist, gibt es dutzende Male im Kleinen: Barrios, deren Bewohner sich voll und ganz mit ihrem Klub identifizieren – oft auch aus Mangel an Alternativen, weil es schlicht keine anderen Freizeitbeschäftigungen gibt. Barrios wie Remedios de Escalada im Süden der Stadt mit dem Club Atletico Talleres. Das Stadion ist heruntergekommen, der Beton bröckelt von den Wänden, die Zäune sind verrostet, aber ein paar hundert Fans kommen trotzdem immer. Oder gerade deswegen? Derbys gibt es hier an jedem Wochenende, Talleres spielt in der dritten Liga, die nurfür Klubs aus dem Großraum Buenos Aires reserviert ist. In der zweiten Staffel duellieren sich die Vereine des restlichen Landes.
Ende Jänner ist Tristan Suarez aus dem gleichnamigen südwestlichen Vorort zu Gast, doch auch in der dritten Liga gilt: Zu Gast sind nur Spieler, keine Fans. Die Heimfans singen dafür 90 Minuten lang durch, hüllen das Stadion zeitweise in roten Rauch, und Mitte der ersten Halbzeit schießen sie sogar Silvesterraketen in den Nachthimmel. Gleich rechts neben der Fankurve befindet sich eine kleine Wiese, auf der Kinder währenddessen ihren Idolen nacheifern. Vielleicht machen sie es irgendwann wie Javier Zanetti, Namensgeber der Haupttribüne des Stadions. Zanetti stammt aus der Nachwuchsabteilung von Talleres, sammelte hier erste Erfahrungen im Erwachsenenfußball, ehe er zum größeren Banfield im Nachbarbarrio wechselte und mit 21 Jahren schließlich nach Italien zu Inter, wo er seine Weltkarriere startete.Es ist der klassische Weg argentinischer Talente und für die lokalen Vereine Segenund Fluch zugleich. Die Spielertransfers nach Europa bringen Einnahmen, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass Kontinuität in Sachen Kaderplanung kaum möglich ist. Vielen Klubs fehlen tragende Spieler im idealen Alter. Die besten gehen jung und kehren oft erst zum Ende ihrer Karriere zurück. Fast jeder Klub hat seinen Altstar: Bei San Lorenzo verteidigt Fabricio Coloccini und bei River Plate Javier Pinola, bei Racing stürmt Lisandro Lopez und bei den Boca Juniors Carlos Tevez, den sie hier „Carlitos“ nennen. So steht es in Buenos Aires, im ganzen Land und sogar weltweit auf abertausenden Boca-Trikots.
SPIEL UM DIE FARBEN
Racing, Independiente und San Lorenzo sind groß in Argentinien, internationalen Ruhm genießen aber nur Boca und River. Über 70 Prozent aller Fußballfans im Land halten es Umfragen zufolge mit einem der beiden Klubs. Ihre Vormachtstellung entstand mit der Einführung der Profiliga 1931, die sich zunächst auf den Großraum Buenos Aires beschränkte. Boca gewann die erste Meisterschaft, River die zweite, und seitdem liefern sich die Klubs ein Duell um den Rekordmeistertitel. Mit 36 liegt River aktuell vor Boca mit 34. In der Anfang März abgelaufenen Saison kam es am letzten Spieltag zu einem Fernduell zwischen den beiden Klubs: Während Tabellenführer River nicht über ein Remis bei Atletico Tucumanhinauskam, siegte Boca dank eines Treffers von Tevez gegen das von Diego Armando Maradona trainierte Gimnasia La Plata. So überholte der Klub den Rivalen im letzten Moment und sorgte für eine Straßenparty am Monument Obelisco auf der riesigen Avenida 9 deJulio im Stadtzentrum. Dem Ort, an dem die Fanlager aller Vereine ihre Titel feiern.
Der diesjährige Showdown war nur das jüngste Kapitel der Rivalität zwischen diesen Vereinen, deren Gründungsgeschichten eng miteinander verwoben sind. Beide stammen aus dem von italienischen Migranten geprägten Hafenviertel La Boca südlich des Zentrums. 1901 entstand hier River, vier Jahre später Boca. Zunächst spielten beide in rot-weißen Trikots, und natürlich wurde darüber gestritten, wem die Farben denn tatsächlich zustehen. Der Legende nach kam es 1907 zu einem Entscheidungsspiel. River soll gewonnen haben und durfte weiterhin in Rot-Weiß spielen. Auf der Suche nach neuen Farben hatten sich die Boca-Verantwortlichen angeblich darauf verständigt, die Farben der Flagge des nächsten im Hafen einlaufenden Schiffs zu übernehmen. Es kam aus Schweden.
MASCHINEN HIER, MARADONA DORT
1923 verließ River La Boca, übersiedelte über Umwege ins nördlich gelegene Barrio Nunez und spielt dort seit 1938 im Estadio Monumental, dem größten Stadion des Landes. Hier wurde auch das Finale der WM 1978 ausgetragen, das Argentinien gegen die Niederlande gewann. Von Anfang an passte die riesige Betonschüssel perfekt zum Selbstverständnis von River, denn nicht umsonst wird die Mannschaft „Los Millonarios“ gerufen. Die reiche Vereinsführung versammelte früh die besten Spieler des Landes und schuf in den 1940er Jahren das wohl legendärste Team in der Geschichte des argentinischen Vereinsfußballs: „La Maquina“, die Maschine. Mit den Stürmern Juan Carlos Munoz, Jose Manuel Moreno, Adolfo Pedernera, Angel Labruna und Felix Lousta eilte River von Sieg zu Sieg. Beim vierten Meistertitel von „La Maquina“ im Jahr 1947 spielte auch schon der damals 20-jährige Alfredo Di Stefano eine Rolle.
Während River zum schicken Klub der Oberschicht aufstieg, kultivierte Boca mit ähnlicher Konsequenz sein Image als Arbeiterverein. Gibt es um das Monumental malerische Alleen und sauber asphaltierte Straßen, ist La Boca bunt, laut und dreckig. Unweit des Stadions Bombonera befindet sich die berühmte Gasse Caminito mit ihren kleinen Häuschen, die einst aus dem Blech und Holz abgewrackter Schiffe gebaut und mit Schiffslack in allen Farben angestrichenen wurden. Alle paar Ecken erscheint hier an Hauswänden das Konterfei von Diego Maradona, dem Helden der Arbeiterklasse. Er kam aus der Nachwuchsabteilung der Argentinos Juniors, deren Stadion im Westen der Stadt heute nach ihm benannt ist, und spielte Anfang der 1980er Jahre lediglich eineinhalb Jahre lang für Boca. Ein Meistertitel und 28 Tore reichten aber, um ihn zur größten Vereinslegende aufsteigen zu lassen.
Zwischen all den Maradona-Porträts ist mitten in La Boca auch ein Graffiti mit dem Schriftzug „Republica de la Boca“ zu sehen. Es steht exemplarisch für das rebellische Selbstverständnis der Bewohner und erinnert an den Aufstand im Jahr 1882, als La Boca sich in Folge eines Generalstreiks symbolisch für unabhängig von Argentinien erklärte. Genau wie das Barrio aber mittlerweile zu einem Touristenmagneten geworden ist, ist es auch sein Fußballklub. Der Hinweis auf einen Besuch der Bombonera fehlt in kaum einem Argentinien-Reiseführer.
FÜR PILGER GESCHLOSSEN
Ausgelöst wurde diese Entwicklung unter dem langjährigen Vereinspräsidenten, späteren Bürgermeister von Buenos Aires und argentinischen Regierungschef Mauricio Macri, der Boca von 1995 bis 2007 führte. Es war die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte, aber auch die, in der aus dem Arbeiterklub ein Weltunternehmen wurde. Als Macri das Präsidentenamt übernahm, hatte Boca seit dem Abschied Maradonas 1982 nur einen Meistertitel gewonnen. Daran änderte sich zunächst nichts. Fortschritte gab es nicht sportlich, sondern wirtschaftlich und infrastrukturell. Macri ließ die Bombonera renovieren und mit VIP-Boxen ausstatten, außerdem schloss er wegweisende Sponsorendeals ab, etwa mit dem Ausrüster Nike. Später verpasste er Boca als erstem Verein Argentiniens einen eigenen TV-Sender und ein Museum.Sportlich ging es erst nach der Verpflichtung von Trainer Carlos Bianchi bergauf. 1998 führte er Boca ungeschlagen zur Meisterschaft, in den folgenden acht Jahren sollten fünf weitere Titel sowie vier Siege in der Copa Libertadores und zwei Weltpokale folgen. Besonders einschneidend war der erste im Jahr 2000, ein 2:1-Sieg gegen Real Madrid. Für die beiden Treffer sorgte Bocas Rekordtorschütze Martin Palermo, im Mittelfeld glänzte Spielmacher Juan Roman Riquelme, der in Sachen Popularität als Einziger an Maradona heranreicht. „Dieses Spiel ist weltweit übertragen worden und hat aus einem nationalen einen internationalen Kultklub gemacht“, sagt Boca-Fan Angel. „Seitdem gilt die Bombonera als Mekka für Fußballtouristen aus allen Ländern.“
Doch genau das ist das Paradoxe: Da es keine Tageskarten im freien Verkauf gibt, ist das Mekka für Fußballtouristen Fußballtouristen eigentlich verschlossen. Wollen sie hier ein Spiel verfolgen, müssen sie auf windige Reiseagenturen oder den Schwarzmarkt vor dem Stadion zurückzugreifen –und dort grassiert der Wucher genauso wie der Handel mit gefälschten Eintrittskarten. Unter 100 Euro ist ein Ticket selten zu ergattern. Als größte Profiteure gelten die Barras Bravas, die diesen Geschäftszweig unter Kontrolle haben sollen. „Es ist ein dreckiges Business“, sagt Angel, der beteuert, dass er sein Ticket nie an Touristen weiterverkaufen werde. Als Socio, also Vereinsmitglied, darf er die Ligaspiele seines Klubs ohne Zusatzkosten auf einem Stehplatz verfolgen. Diese Regel gilt in ganz Argentinien. Nur die beiden Großklubs Boca und River, bei denen die Nachfrage die Stadionkapazität deutlich übersteigt, sind strenger: Hier wird zwischen gewöhnlichen Socios und Mitgliedern der Fußballabteilung, wie Angel es ist, unterschieden. Den Platz im Stadion gibt es nur für letztere. „Wer Fußballsocio werden will, muss auf eine lange Warteliste“, sagt Journalist Patroncini. „Und darauf hoffen, dass ein anderer stirbt.“
Für ein langes und gutes Leben können die Mitglieder der Profiklubs nicht nur Fußball schauen, sondern am Klubgelände auch selbst Sport betreiben. Jeder Verein verfügt über zahlreiche Sporteinrichtungen, die den Mitgliedern zur freien Verfügung stehen: Schwimmbecken und Turnhallen, Basketball-, Tennis-und Fußballplätze. Bei manchen gibt es sogar Grillplätze, auf denen sich die Socios jederzeit treffen können. Die Fußballklubs prägen das soziale Leben der Stadt sogar an spielfreien Tagen.
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