Als die Spieler der Republik Irland am 30. Juni 1990 in Rom auflaufen, hätte sie wohl niemand dort erwartet. Die Iren stehen bei ihrer ersten WM-Teilnahme im Viertelfinale, sie haben zwar noch kein Spiel in der regulären Spielzeit gewonnen, aber bis zu diesem Abend gegen die Gastgeber auch noch keines verloren. Verantwortlich für den Überraschungserfolg ist Teamchef Jack Charlton, der seine Lehren aus der WM 1986 gezogen hat. Damals beobachtete er, dass alle Teams auf die gleiche Weise agierten: Der Ball wurde aus dem hinteren Drittel heraus ins Mittelfeld gespielt. Diese Zone wurde nie ohne Ball überbrückt. „Jeder Spielzug ist durchs Mittelfeld gegangen“, schreibt Charlton 1996 in seiner Autobiografie. „Und stets war das oberste Ziel, den Spielmacher freizuspielen.“ Dem blieb dann die Aufgabe, den letzten, tödlichen Pass an die Stürmer zu geben. Um gegen die individuell besser bestückten Gegner zu bestehen, sollte Charltons Irland ganz anders spielen.
Absichtliche Fehlpässe
„Wir haben unseren Verteidigern untersagt, den Ball durchs Mittelfeld zu spielen“, so Charlton. Das Mittelfeld wurde überbrückt, indem man den Ball aus dem hinteren Drittel ins vordere schlug – hinter die gegnerischen Abwehrspieler. Diese mussten dem Ball nun mit dem Blick aufs eigene Tor hinterherlaufen – und spürten die pressenden irischen Angreifer im Rücken, die sie zu Fehlern zwingen wollten. Aus diesen Fehlern sollten Torchancen entstehen. Ausgangspunkt dieser Spielweise war also ein langer Ball, der beim eigenen Spieler nicht ankommen sollte.
Charltons Strategie firmierte damals als Underdog-Fußball, als Methode, mit der Teams aus der zweiten und dritten Reihe die Etablierten ärgern konnten. Für Mick McCarthy, der 1990 in allen WM-Spielen Irlands zum Einsatz kam, war Charlton damit ein Vorreiter. „Ich muss lachen, wenn ich heute vom Gegenpressing höre. Wir haben es immer schon gespielt“, sagte er 2018. „Wir haben den Ball in die Hälfte des Gegners gebracht, wir haben die Gegenspieler sich umdrehen lassen, wir haben sie gepresst und ihnen den Ball geklaut.“
Es mag sein, dass Jack Charlton ein Erfinder des Gegenpressings ist, mit dessen modernen Varianten hatte das defensiv orientierte Spiel der Iren nichts zu tun. Die Mehrheit der Spieler stand weit entfernt vom Ort des Gegenpressings. Neben und hinter den Pressenden gab es keine Struktur, die beim nächsten Ballverlust einen erneuten Angriff einleiten konnte. Schaut man heute dem Liverpool FC zu, ist das ganz anders. Der Klub hat unter Jürgen Klopp das Gegenpressing perfektioniert, jeder Spieler weiß mit und ohne Ball genau, wie er sich bewegen muss, um bei Ballverlust sofort den höchstmöglichen Druck auf die Gegner aufbauen zu können. Mit dieser Ausrichtung gewann Liverpool 2019 die Champions League und in der abgelaufenen Saison die Meisterschaft. Den Titel hätte dem Klub am ehesten Manchester City streitig machen können, das in den zwei Jahren davor die Premier League gewann. Trainiert wird City von Pep Guardiola, der wie Klopp einer der prägenden Verfechter und Entwickler eines starken Gegenpressings ist. Heute betreiben fast alle Topteams zumindest phasenweise Pressing und Gegenpressing. Wer dabei nicht mitmacht, gilt als Vertreter einer längst überholten Schule. So litt der Ruf des zweifachen Champions-League-Siegers und Tottenham-Trainers Jose Mourinho unter dessen weitgehender Weigerung, das Gegenpressing zu forcieren.
War das Gegenpressing in der rudimentären Form unter Charlton eine Defensivtaktik, gilt es nun als anspruchsvolle Variante des schönen Spiels. Praktiziert wird es nicht nur in der reichsten Liga der Welt, sondern international. Die Red-Bull-Klubs entwickelten in Salzburg und Leipzig eine eigene Interpretation, Inspirationen lassen sich aber quer über den Kontinent finden – in Italien wie in Spanien, in Deutschland wie in der Schweiz.
Franks Schüler
2011 und 2012 wurde Borussia Dortmund unter Klopp Meister, 2012 zusätzlich DFB-Pokal-Sieger. Dass die Borussen über zwei Saisonen hinweg den deutschen Fußball dominierten, war zwei Umständen geschuldet: Der FC Bayern durchlief eine Schwächephase, und der BVB überraschte die Liga mit einem Fußball, den man bis dahin nicht kannte. Klopp stand ein guter, aber keineswegs überragender Kader zur Verfügung. Die individuellen Defizite gegenüber dem FC Bayern wurden durch taktische Maßnahmen kompensiert, insbesondere durch das Gegenpressing. Nach Meinung des früheren BVB-Spielers Christoph Metzelder revolutionierte Klopp damit die Bundesliga: „Die Abwehrreihen konsequent anzulaufen, den Ball in der gegnerischen Hälfte zu jagen und nach Ballverlust permanent ins Gegenpressing zu gehen – das gab es vorher in dieser Form nicht.“
Mitarbeit: Kieran Schulze-Marmeling