Am Abend des 26. August kamen die Spieler von Inter Miami und Atlanta United gemeinsam mit dem Schiedsrichterteam in Fort Lauderdale auf den Platz, doch nicht, um zu spielen. Sie posierten im Flutlicht für ein gemeinsames Foto. Viele trugen einen Mund-Nasen-Schutz und mindestens ebenso viele T-Shirts mit der Aufschrift „Black Lives Matter“. Das angesetzte Spiel in der Profiliga MLS wurde verschoben – so wie viele andere Sportveranstaltungen an diesem Tag in den USA. Den Anfang hatten am Nachmittag die Basketballer der Milwaukee Bucks gemacht, sie bestreikten ihr Play-off-Spiel gegen Orlando Magic als Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt. Wenige Tage zuvor war Jacob Blake schwer verletzt worden, wieder einmal hatten weiße Polizisten auf einen unbewaffneten schwarzen Amerikaner geschossen.
STIMMEN DES SPORTS
Das Bild der leeren Basketballhalle in Disney World wirkte weit über Florida hinaus. Nicht nur die anderen NBA-Mannschaften folgten, sondern auch die Teams der WNBA und der Baseballliga. Im noch spielfreien American Football wurden Trainings abgesagt. Im Fußball fand von sechs Spielen an diesem Tag nur die früher angesetzte Partie statt. Die treibenden Kräfte hinter der Aktion waren die Sportler. „Wir hatten vor den Augen unserer Trainer eine schwere Entscheidung zu treffen, und das Minuten vor dem Anpfiff“, sagte Miamis A. J. DeLaGarza dem Fernsehsender CBS. „Sportler haben im Moment eine große Plattform. Wir müssen sie nutzen.“
Seit Polizisten Ende Mai George Floyd getötet haben, ist der strukturelle Rassismus in den USA in der öffentlichen Debatte sehr präsent – auch im Sport. „Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat den Sport schon jetzt verändert und seine Fundamente erschüttert“, sagt Historikerin Brenda Elsey im ballesterer-Gespräch. Sie forscht an der Hofstra-Universität in New York zur gesellschaftspolitischen Dimension des Fußballs mit einem Schwerpunkt auf Diskriminierung.
Auch wenn Fußball verglichen mit Football, Basketball und Baseball in den USA weniger populär ist, werden die Stimmen aus diesem Sport gehört, nicht zuletzt die weiblichen. „Die Teamspielerinnen in der Liga sind bekannt und einflussreich, vor allem Megan Rapinoe“, sagt Elsey. „Auch die MLS wird stärker wahrgenommen als je zuvor, weil 2026 die Weltmeisterschaft in den USA stattfindet.“ Als Ende Juni die NWSL als erste Liga nach der coronabedingten Unterbrechung den Spielbetrieb wieder aufnahm, gehörten die Proteste gegen Rassismus mit Botschaften auf T-Shirts und das Knien während des Abspielens der Hymne zum Programm.
NEUE PLATTFORMEN
Die Politisierung wirkt jedoch nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Die Spieler beginnen, sich zu organisieren. Angefangen habe es mit einem Instagram-Chat, an dem rund 30 Kollegen beteiligt waren, erzählte DC-United-Tormann Earl Edwards Junior dem Internetportal Urban Pitch. Über Instagram, Slack und WhatsApp entstand die Black Players Coalition, die sich am 19. Juni der Öffentlichkeit präsentierte. Die BPC wählte dafür ein historisches Datum: Am sogenannten Juneteenth wird der offiziellen Verkündung der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865 gedacht. „Unsere Motivation war der Frust, den wir nach dem Tod von George Floyd gespürt haben“, sagte Edwards, der im Vorstand der neuen Organisation ist. „Wir wollen unsere Position so gut wie möglich nutzen, daraus wurde die BPC.“
Die BPC nimmt die Ungleichheiten in der Liga und den Kampf gegen Rassismus im Fußball ins Visier, verfolgt aber auch größere Ziele, nämlich die Lebenssituation von Afroamerikanern im ganzen Land zu verbessern. Ein Hebel dafür sind die Präsidentschaftswahlen am 3. November. Nach Gesprächen der BPC mit der Liga und den Eigentümern der Teams entstand die Initiative „MLS Unites to Vote“, die für die Wählerregistrierung und eine hohe Wahlbeteiligung wirbt. Die Angestellten der Liga und der Klubs haben am 3. November frei, die Stadien der Teams aus Los Angeles, Minneapolis und Seattle können als Wahllokale genutzt werden. „Eine solche deklariert politische Initiative, die ganz konkrete Auswirkungen haben könnte, ist in der US-Sportgeschichte einmalig“, sagt Historikerin Elsey.
Für BPC-Vorstand Edwards ist klar, was der entscheidende Schritt war, um über symbolische Aktionen hinaus diese Maßnahmen setzen zu können: „Ohne den Boykott der Spiele hätten wir nicht so schnell ein Treffen mit den Eigentümern bekommen“, sagte er im Interview. „Damit haben wir Druck gemacht.“
ERWARTETE ENTTÄUSCHUNG
Unter den Besitzern der Teams stößt der Aktivismus allerdings auch auf Widerstand. „Es ist, als hätte mir jemand ein Messer in den Rücken gestoßen. Das ist eine Respektlosigkeit.“ Mit diesen Worten kommentierte Dell Loy Hansen den Spielerstreik. Dem Immobilienunternehmer gehören das MLS-Team Real Salt Lake und die Utah Royals aus der NWSL sowie die Radiostation, bei der er den Boykott kommentierte. Am Fall Hansen wird deutlich, wie alltäglich Rassismus in den Strukturen des Profisports ist – und wie wenig er in der aktuellen Debatte geduldet wird. Als eine der Ersten meldete sich Tziarra King via Twitter zu Wort, die schwarze Stürmerin spielt ihre erste Saison als Profi bei den Royals. Es sei inakzeptabel, wie Hansen sich zum Opfer mache, schrieb King. „Ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht von diesem Mangel an Verständnis.“ Ihr sprang die gerade erst gegründete Gruppe Black Players of the NWSL bei, Nationalteamspielerin Crystal Dunn und andere teilten Kings Statement in den sozialen Netzwerken.
Am Tag nach Hansens Interview veröffentlichte das Onlinemagazin The Athletic einen Artikel, in dem mehrere frühere Spieler und Mitarbeiter von rassistischen Äußerungen ihres Arbeitsgebers berichteten – so habe er etwa scherzhaft über das Lynchen eines schwarzen Spielers einer gegnerischen Mannschaft gesprochen. Zwar entschuldigte sich Hansen für seine Äußerungen aus dem Radiointerview, doch sowohl die MLS als auch die NWSL kündigten eine Untersuchung der Rassismusvorwürfe an.
Wenig später einigten sich die beiden Ligen mit Hansen darauf, dass ein Verkauf der Teams die beste Lösung für alle sei. „Er hat nie vorgehabt, die Teams zu verkaufen – es ist also gut, dass sie ihn dazu zwingen konnten“, sagt Brenda Elsey. „Die Angestellten in Utah sollten nicht für einen Rassisten arbeiten müssen.“ Doch die Wissenschafterin legt auch den Finger in die Wunde der alltäglichen Diskriminierung. „Zwei Dutzend Leute haben nach der Radiosendung davon berichtet, dass sie von Hansens Haltung gewusst haben“, sagt sie. „Geäußert haben sie sich erst, als das Ganze durch sein Interview und einen Shitstorm öffentlich geworden ist. Das ist ziemlich erbärmlich.“ Und noch etwas gibt Elsey zu bedenken: Wie gut ist eine junge Spielerin wie King, die öffentlich so klar Stellung bezogen hat, geschützt? Hat sie Sanktionen zu befürchten, sobald die Solidaritätswelle abgeebbt ist? „Es ist ein Fortschritt, dass Hansen bald kein Team mehr besitzt, aber die Leute, die er in Führungspositionen gebracht hat, sind weiterhin da.“
TEURER HÜRDENLAUF
Neben den rassistischen Ausfällen von Einzelpersonen geraten die Strukturen, die Benachteiligung fördern, zunehmend in den Fokus der Debatte. Die Führungspositionen der Vereine und Ligen sind – bei Männern und Frauen – deutlich weniger divers besetzt als das Personal auf dem Rasen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Brenda Elsey gemeinsam mit Jermaine Scott im Auftrag des fare-Netzwerks erstellt hat. „Die MLS ist auf dem Platz sehr divers, auch was die Staatsangehörigkeiten angeht“, sagt Elsey. „Das unterscheidet Fußball von den anderen großen Sportarten.“ Doch je weiter man auf der Hierarchieebene nach oben schaue, desto weißer werde der Sport. Das beginnt bei den Trainern und setzt sich bei den Eigentümern in der MLS und NWSL fort, bei denen es sich fast ausschließlich um weiße Männer handelt. Die Studie zeigt, dass die Hürden für den Aufstieg in der Hierarchie des Sports sehr früh aufgestellt werden – und dass sich dabei die Bedeutung von ethnischer Gruppe, Geschlecht und Klasse verschränken. „Wer in eine Akademie oder den Profinachwuchs gelangen will, braucht Geld“, sagt Elsey. Der Platz im Spitzenfußball ist nicht nur teuer, sondern auch buchstäblich schwer erreichbar. „Die guten Klubs liegen draußen in den Vororten. Viele Latinas können sich die Fahrtkosten nicht leisten“, sagt die ehemalige mexikanische Teamkapitänin und heutige Trainerin Monica Gonzalez in der fare-Studie. „Wenn du das Geld nicht hast, kannst du nicht spielen. Das benachteiligt bestimmte Bevölkerungsschichten.“
Zu den Empfehlungen, die Elsey und Scott in ihrem Bericht aussprechen, gehören die Förderung von Talenten in ärmeren Wohngebieten, Mentoringprogramme für ethnische Minderheiten und die Entwicklung von Diversitätsstrategien in der Personalpolitik aller Fußballorganisationen. Der Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt im Sport wird derzeit von den Aktiven getragen. Sie stehen in der Hierarchie des Fußballs jedoch unten auf dem Platz und müssen sehr laut werden, um Gehör zu finden. „Die Stimmen der Sportler sind im Moment sehr präsent“, sagt Elsey. „Aber die Eigentümer werden weiter Spendensammlungen für Trump veranstalten.“