Ich habe Maradona nicht gesehen. Nicht dort, wo es zählt – am Platz. Bei der WM 1986 war ich fünf. Von der WM 1990 habe ich immerhin Erinnerungsfetzen. Ich wusste, dass er groß war. Und ich versuchte von ihm zu lernen. Stundenlang übte ich, Elfmeter so zu schießen wie er – mit kurzem Anlauf und ohne auf den Ball zu schauen. Das Finale sah ich bei einem Schulfreund, seine Familie drückte Deutschland die Daumen, ich Diego – auch wegen der Pfiffe des Römer Publikums.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir mein Vater nicht einmal ein Jahr später erzählte, dass Maradona positiv auf Kokain getestet wurde. Er hatte sogar die Repubblica aus der Arbeit mitgebracht, ich studierte die Fotos und hoffte, Brocken aus dem Italienischen übersetzen zu können. Einordnen konnte ich das alles nicht. In den folgenden Jahren begann mich die boulevardeske und schadenfrohe Berichterstattung zu nerven – ehe es mich später richtig anwiderte, wie sich die Presse am öffentlichen Verfall Maradonas erfreute.
Als ich 2004 für mein Studium nach Neapel zog, übernachtete ich zunächst in einer Jugendherberge. Hinter der Rezeption hing ein Maradona-Poster, der Eigentümer begann sofort, mir eine Geschichte nach der anderen zu erzählen. Ich sog in der Stadt Eindrücke auf. Maradona war so präsent, als würde er immer noch für Napoli spielen. In die Bar Nilo in der Altstadt ging ich wegen des berühmten Maradona-Schreins und blieb wegen des Kaffees. Dank Neapel lernte ich Maradona kennen und dank Maradona Neapel.
Daneben lernte ich endlich Italienisch – auch Grammatikformen wie das Gerundium. Es wird verwendet, um eine noch andauernde, fast beiläufige Handlung auszudrücken. Das Gerundium von „lieben“ heißt amando, ganz ähnlich wie der Mittelname Maradonas. Als ich sprachlich etwas sattelfester war, begann ich einen Nebenjob als Nachtrezeptionist in der Jugendherberge, deren Eigentümer ein Freund geworden war. Im Juni 2005 kehrte Maradona für das Abschiedsspiel von Ciro Ferrara erstmals seit 14 Jahren nach Neapel zurück. Ich bekam keine Karte für das San Paolo, stattdessen arbeitete ich. Nun erklärte ich den internationalen Gästen, warum so eine außergewöhnliche Stimmung auf den Straßen herrschte.
Auch meinen heutigen Job verdanke ich Maradona. Als ich im Winter 2005 nach Wien zurückkehrte, entdeckte ich den ballesterer und darin die Ankündigung einer Maradona-Ausgabe. Ich schrieb dem Chefredakteur ein E-Mail, ob ich vielleicht einen Text zu Maradona in Neapel beitragen könne. Ich traute mir erstmals zu, eine Geschichte über Fußball zu schreiben, die sich zu erzählen lohnt. Ein paar Jahre später habe ich Maradona dann doch noch gesehen. Ich war für den ballesterer bei der WM in Südafrika, und er coachte das argentinische Team. Vom Spiel ist mir nichts im Gedächtnis geblieben, ich weiß aber noch genau, dass ich mit meinem Kollegen auf der Tribüne der Soccer City stand und die ganze Zeit Richtung Trainerbank starrte.
So außergewöhnlich ist das alles nicht, warum erzähle ich das also? Das Besondere an meiner Geschichte ist, dass sie nicht besonders ist. Es gibt tausende und abertausende Menschen, die ganz ähnliche Geschichten erzählen können. Die davon handeln, wie Diego Maradona ihr Leben verändert hat. Das macht seine Magie aus. Man muss ihn nicht gesehen haben, um ihm nahe zu sein. Ob ihm das recht war, spielte schon lange keine Rolle mehr. Das sieht man auch an den Nachrufen. Deren riesige Anzahl ist nicht überraschend. Und es kann auch nicht verwundern, dass – anders als in den meisten Fällen – nur die wenigsten den Angehörigen kondolieren. So als wären sie alle, wir alle, Angehörige Maradonas. Danke, Diego. Danke.