Es war die größte Sensation der bisherigen Saison. Am zehnten Spieltag schlug der Tabellenletzte Admira Meister Red Bull Salzburg 1:0. Ein Tor von Routinier Roman Kerschbaum 20 Minuten vor Schluss reichte den Südstädtern für den Coup. Sie kletterten dank des Siegs auf den elften Platz, die Salzburger gaben die Tabellenführung an den LASK ab.
Doch bei genauerem Hinsehen verliert die Sensation ihren Überraschungseffekt. Die Salzburger hatten rotiert, ihre vier etatmäßigen Verteidiger saßen auf der Bank. Dominik Szoboszlai, der Star der Mannschaft, wurde nach 61 Minuten ausgewechselt. Der Schongang von Trainer Jesse Marsch hatte einen guten Grund: Atletico Madrid. Vier Tage nach dem Spiel in Maria Enzersdorf ging es für Red Bull am letzten Spieltag der Champions-League-Gruppenphase gegen die Spanier noch um den erstmaligen Aufstieg ins Achtelfinale.
Überraschungssiege feierte nicht nur die Admira. Im Oktober gewann Aston Villa 7:2 gegen Liverpool, im Dezember der Nachzügler Fiorentina 3:0 gegen Serienmeister Juventus, und im Jänner schoss der Drittligist Alcoyano Real Madrid aus dem Cup. Die Unbeständigkeit lässt sich auch an den Tabellen ablesen. In Italien stehen die Chancen so gut wie schon lange nicht mehr, dass Juventus entthront wird. In der Premier League, zuletzt ein Duell zwischen Manchester City und Liverpool, liegen Ende Jänner noch sieben Klubs in Schlagdistanz, und in Spanien könnte das erste Mal seit 2014 der Meister nicht Real oder Barcelona heißen.
Die Auswirkungen der Pandemie machen die Ligen so spannend. Gerade jene Mannschaften, die aufgrund des Europacups besonders enge Terminkalender haben, lassen auffällig oft aus. Es ist nicht die handelsübliche Doppelbelastung. Nach einer kurzen Sommerpause von Spiel zu Spiel zu hetzen, hat dramatische Folgen. Die dichten Spielpläne wirken sich auf die Qualität des Fußballs aus – und auf die Spieler: Schon im Oktober zeigte eine Studie, dass die Anzahl an Muskelverletzungen in der Premier League im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent gestiegen war.
Auch in Österreich ist der Titel heuer keine ausgemachte Sache. Der Umfaller der Salzburger in der Südstadt ist nicht ihr einziger. Drei Spiele haben sie in den ersten 13 Runden verloren, so viele wie seit sechs Jahren nicht mehr. Szoboszlai hat den Klub in der Winterpause verlassen. Die Bundesliga ist völlig offen, die Coronasaison drauf und dran, die spannendste seit Jahren zu werden.
Wir sollten uns nicht daran gewöhnen. Denn die Überraschungen werden nicht anhalten. Die Spannung ist vom Augenblick dieser sehr speziellen Saison geborgt. An einem außergewöhnlichen Tag mag die Admira überspielte Salzburger schlagen, aber das Leistungsgefälle hat sich deswegen nicht verkleinert. Wenn die Coronakrise in den Klubbudgets voll durchschlägt, wird es sich sogar noch vergrößern. Denn die Vereine, die durch Großsponsoren und Champions-League-Millionen abgesichert sind, wird es weniger hart treffen. Bald schon werden wir uns nach den derzeitigen Sensationen sehnen.