Die Wendung „Hätte, hätte, Fahrradkette“ verdeutlicht die Sinnlosigkeit des Redens über Dinge, die sich nicht ändern lassen. Zum Beispiel, ob der FC Schalke 04 vor vollen Rängen auch dort stünde, wo er heute steht, nämlich kurz vor dem Abstieg. Klären lässt sich die Frage nicht, aber sie rumort. „Mit Fans im Stadion wären Spiele sicherlich oft anders ausgegangen“, sagt Thomas Kirschner, 2002 Mitgründer der „Ultras Gelsenkirchen“ und heute Fanbeauftragter des Vereins. Ähnlich sieht es Roman Kolbe, Mitglied der „Schalker Fan-Initiative“ und Redakteur des Fanzines Schalke Unser. Schalke sei stärker als andere Vereine auf seine Anhänger angewiesen, und zwar in mehrfacher Hinsicht. „Es fehlt der Support, aber die Fans fehlen auch als Korrektiv“, sagt er. Und ebenso wichtig: Begegnungen am Spieltag, Treffen von Fangruppen, all das diene als Ventil. „Wo bleiben die Gefühle, wenn das Stadionerlebnis fehlt?“, fragt Kolbe. „Es eskaliert dann in den sozialen Netzwerken. Dort wirft man sich gegenseitig vor, den Verein nicht zu verstehen.“ Schalke 04 gibt zu Beginn des Jahres 2021 das Bild eines Klubs ab, der nicht nur sportlich am Boden liegt und hoch verschuldet ist, sondern die Orientierung und den inneren Zusammenhalt verloren hat. „Wir haben gerade eine Identitätskrise par excellence“, sagt Kolbe.
Öffentlicher Briefwechsel
Im Februar hat der Verein das digitale Format „MitGEredet“ eingeführt, bei dem sich die Funktionäre den Fragen und der Kritik der Fans stellen. Bis dahin war in der Kommunikation zwischen Fans und Klub schon sehr viel schief gelaufen. Das ließ sich zum Beispiel Ende 2020 am öffentlich geführten Briefwechsel zwischen Vorstand und den „Ultras Gelsenkirchen“ ablesen. Die Klubführung reagierte auf anhaltende Proteste der Fans gegen Marketingvorstand Alexander Jobst, Sportvorstand Jochen Schneider und den im Sommer zurückgetretenen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. „Es ist eine Grenze überschritten, wenn Einzelne namentlich zum Buhmann ausgerufen oder zum Alleinschuldigen erklärt werden sollen“, hieß es im Statement. Im Gegenteil, erwiderten die Ultras tags darauf, in einer existenziellen Krise seien sie als Mitglieder verpflichtet, „Probleme offen anzusprechen und, soweit erkennbar, euch als Verantwortliche zu kritisieren“. Die Fans erinnerten dabei auch an die Konflikte um Tönnies im Sommer 2019: „Ja, es wurde eine Grenze überschritten. Zum Beispiel als rassistische Äußerungen aus falscher Loyalität nicht benannt, sondern sogar verteidigt wurden.“
Diese Auseinandersetzung lässt sich als typisch für das verstehen, was Roman Kolbe als Hauptproblem des Vereins definiert: Es schwele ein Streit darüber, welchen Weg der Klub einschlagen soll und wie er sich definiert. Der konstruktive Umgang mit Kritik, sagt er, sei dabei zentral, sowohl im Dialog mit dem Verein als auch unter den Schalke-Fans. „Egal, ob gegen Tönnies, Jobst oder Schneider, manche sehen Kritik als Anmaßung. ‚Wie kann man so über Menschen urteilen, die für unseren Verein so viel getan haben? Das sind doch Schalker wie wir.‘ Und so wird aus Kritik schnell der Vorwurf der Nestbeschmutzung.“
Wartende Mitglieder
Die Pandemie hat dem Verein zudem ein wichtiges Forum für Auseinandersetzungen genommen. Im vergangenen Juli wurde die Mitgliederversammlung für das Jahr 2020 abgesagt, obwohl es schon damals viel zu besprechen gegeben hätte. Nicht zuletzt die Causa Tönnies. „Es kann sein, dass der Vorfall dort noch einmal Thema gewesen wäre“, sagt Fanbeauftragter Kirschner. Die Schalker Mitgliederversammlungen sind häufig lebhafte und kontroverse Veranstaltungen. Tönnies, seit 1994 Mitglied des Aufsichtsrats, seit 2001 dessen Vorstand, hat sie sich oft zunutze machen können. Obwohl er in den vergangenen Jahren häufig in der Kritik stand, wurde er stets wiedergewählt. Nicht nur wegen seiner unbestrittenen Dienste um den Verein, meint Kolbe. „Er trifft den Ton der Leute, ich kenne niemanden auf Schalke, der das so gut kann. Er spricht nicht hochgestochen, sondern präsentiert sich hemdsärmelig und bodenständig.“
Einer der Dauerbrenner der Schalker Vereinspolitik ist das Thema Ausgliederung – also die Überführung der Kampfmannschaft in eine Kapitalgesellschaft, deren Anteilsverkäufe Geld in die Kasse spülen würden. Der FC Schalke ist einer der letzten Bundesligisten, die ausschließlich in der Rechtsform des Vereins geführt werden. Tönnies und Jobst sind Befürworter einer Ausgliederung, die dafür nötige Dreiviertelmehrheit scheint allerdings schwer erreichbar. „Es bräuchte unabhängig von der Rechtsform ein vernünftiges sportliches und wirtschaftliches Konzept, wie es Fanorganisationen schon lange fordern. Das sehe ich bislang nicht“, sagt Roman Kolbe. Dass die derzeitige sportliche und finanzielle Notlage der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, um Kapitalanteile teuer an seriöse Investoren zu veräußern – immerhin darüber sind sich Fans und Vereinsführung, Gegner wie Befürworter der Ausgliederung einig.
Hauptsache Derby
Auch dank der Darlehen und des Netzwerks von Tönnies hat der FC Schalke in den vergangenen 20 Jahren Vizemeistertitel, Pokalsiege und regelmäßige Europacupauftritte gefeiert. Noch vor zwei Jahren, im März 2019, stand in der Arena ein Champions-League-Achtelfinale gegen Manchester City auf dem Programm. Die guten Resultate haben Probleme wie eine fehlende sportliche Strategie überdeckt.
Aus Sicht von Roman Kolbe hat der Verein aber ohnehin größere Sorgen als den Abstieg aus der Bundesliga. Am Zuspruch der aktiven Fanszene würde der nicht viel ändern – vorausgesetzt, ein Stadionbesuch ist dann wieder möglich. „Es wird keinen großen Unterschied geben. Sollen die Fans nicht mehr zu den Spielen gehen? Nicht nach Düsseldorf, Hannover, Paderborn und Nürnberg fahren?“, sagt er. „Das sind ja alles alte Bekannte.“ Nur einen kleinen Wunsch hat er: „Es wäre schade, wenn Bochum gerade jetzt aufsteigen würde.“
Mitarbeit: Jan Mohnhaupt