Das Problem lässt sich leicht beziffern. Beim Spiel gegen den Grazer AK stehen sieben Spieler in der Startelf des SK Vorwärts Steyr, die der Verein aus dem Unterhaus verpflichtet hat. Kevin Brandstätter und Bojan Mustecic erzielen an diesem Abend Mitte März die beiden Tore für die Oberösterreicher. Brandstätter ist im Sommer 2019 vom Landesligisten ASKÖ Oedt gekommen, Mustecic ein Jahr davor vom selben Verein. Jetzt scoutet die Vorwärts dort nicht mehr.
Alternativlos in Steyr
Die Coronaschutzmaßnahmen verbieten seit Ende Oktober gemeinsame Teamtrainings im Unterhaus, auch Spiele finden seither nicht mehr statt. Die Spieler können sich zwar zu Hause fit halten, aber für die Scouts der Zweitligisten sind sie kaum noch erreichbar. „Durch den Trainingsstopp im Amateurbereich wird sich die Anzahl der Transfers in die zweiten Liga drastisch reduzieren“, sagt Jürgen Tröscher, seit 2019 Sportlicher Leiter bei Vorwärts Steyr. Zwar seien dem Verein die Namen interessanter Spieler bekannt, eine Verpflichtung sei derzeit aber nicht sinnvoll. Schließlich würde es einige Zeit dauern, bis sie den Trainingsrückstand aufgeholt und Spielpraxis gesammelt hätten.
Auch die Gastspielerregelung wurde coronabedingt eingeschränkt. Nach wie vor dürfen Spieler anderer Vereine an den Mannschaftstrainings von Profiklubs teilnehmen, die Anzahl ist aber limitiert, und die Auflagen sind streng. Sie brauchen einen aktuellen negativen Coronatest und eigene Kabinen und Duschen, die von denen des etatmäßigen Kaders getrennt sind.
Dennoch gibt es für die Vorwärts kaum Alternativen zu Neuverpflichtungen aus dem Unterhaus. Zwar darf in den Nachwuchsakademien quer durch Österreich trainiert werden, davon profitieren Vereine ohne eine starke Akademieanbindung jedoch kaum. „Die besten Akademiespieler bleiben bei ihren Stammvereinen, den Kooperationspartnern der Akademien. Und die anderen helfen uns leider nicht weiter“, sagt Tröscher. „Sie brauchen Zeit für die Umstellung in den Erwachsenenfußball. Die haben wir aber nicht.“ Auch die Verpflichtung ausländischer Spieler könne das Problem nicht lösen, schließlich würden sie ebenfalls Zeit für die Eingewöhnung brauchen. Zudem gibt es bei deren Verpflichtung häufig einen administrativen Mehraufwand aufgrund des Aufenthaltsstatus, der Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche und des nötigen Sprachunterrichts. Und jeder eingesetzte ausländische Spieler reduziert den Anteil am sogenannten Österreichertopf. Diese Zahlungen der Bundesliga sind für die Vereine ohne Zuschauer und lukrative TV-Rechte-Einnahmen von enormer Bedeutung. Knapp 30.000 Euro bekamen die Steyrer im Vorjahr für den Einsatz von Österreichern unter 22.
Tiroler Luxus
Die Vorwärts liegt damit im unteren Mittelfeld der Liga. Mit fast 57.000 Euro bekam Wacker Innsbruck in der Vorsaison aus dem Österreichertopf am meisten ausbezahlt. Das liegt nicht zwingend am größeren Commitment der Tiroler zum eigenen Nachwuchs. Die Voraussetzungen sind dort ganz andere. Das Ziel ist hier nicht der Klassenerhalt, sondern der Aufstieg. Nur ein Spieler im Kader der Innsbrucker ist aus dem Unterhaus gekommen, der größte Teil stammt aus dem eigenen Nachwuchs. Während die Vorwärts-Amateure in der fünftklassigen Bezirksliga spielen, kickt die Wacker-Zweitmannschaft in der Regionalliga.
Hinzu kommt, dass Wacker ein Kooperationsverein der Akademie des Tiroler Fußballverbands ist. Der Klub profitiert dadurch nicht nur von der Trainingserlaubnis für die Talenteschmieden, sondern auch auf einem anderen Weg. So wurden Spieler aus dem Innsbrucker Amateurteam, die noch in das geforderte Altersspektrum passen, an die Akademie vermittelt.
Für den Profikader von Wacker Innsbruck haben die Coronaschutzbestimmungen also keine unmittelbaren Folgen, dennoch sieht Pressesprecher Alexander Zorzi mittelfristig ein Problem auf den Verein zukommen: „Einer ganzen Generation von Nachwuchstalenten wird diese wichtige Zeit in ihrer Ausbildung fehlen.“ Ein noch größerer Teil als unter normalen Bedingungen werde daher nie den Weg in den Profifußball schaffen.
Wacker Innsbruck ist mit seiner Anbindung an die Akademie in der zweiten Liga eher die Ausnahme als die Regel. Auch der Floridsdorfer AC verfügt nicht über eine solche, die größten Talente der Bundeshauptstadt zieht es stattdessen in die Akademien von Austria, Rapid und der Admira. Für die Floridsdorfer ergibt sich aus dieser Situation aber auch ein Vorteil. „Die Spieler, die es dort nicht in die Kampfmannschaft schaffen, sind für uns interessant“, sagt FAC-Manager Lukas Fischer. „Gleichzeitig sind wir für sie eine sehr attraktive Adresse.“ Das habe sich auch durch den Stillstand im Unterhaus nicht geändert.
Von Floridsdorf bis Florida
Seit Mitte März dürfen im Großteil des Landes zumindest die Nachwuchsmannschaften wieder trainieren, im Amateurbereich sind derartige Lockerungsschritte nicht abzusehen. Zuvor hatten 22.000 Menschen die Onlinepetition „Kinder brauchen Sport“ unterzeichnet. Vielen Vereinen geht es aber nicht nur um den Nachwuchs, sie pochen auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs, auch Vorwärts-Sportdirektor Tröscher würde sich das wünschen. „Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Jugendliche und junge Erwachsene endlich wieder ihr Hobby ausüben dürfen“, sagt er. „Selbstverständlich unter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften und Präventionskonzepte.“
Eingebrochen ist der Transfermarkt trotz der Umstände noch nicht. Die Vorwärts hat im Winter drei Spieler geholt, also ebenso viele wie im Vorjahr. Auch die zwei Neuverpflichtungen des FAC fallen nicht aus der Reihe. Dennoch blickt Manager Fischer sorgenvoll in die Zukunft. Vereine dieser Größenordnung seien auf den Unterbau Unterhaus angewiesen, Spieler aus den derzeit laufenden Profiligen seien schlicht nicht finanzierbar. Zudem sieht er eine weitere Gefahr heranziehen. „Das spielerische Niveau wird aufgrund der Pandemie sinken“, sagt er. „Das Problem beschränkt sich aber nicht auf die beiden höchsten Ligen Österreichs. Es ist ein weltweites.“