Ivan Osim ist mir sehr nahe. Wenn er von seinem Haus in Graz Richtung Sarajewo fährt, muss er an meinem Elternhaus vorbei. Es steht an einer der am stärksten befahrensten Ausfahrtsstraßen Richtung Osten. Als ich den Aufruf des „Kollektivs 1909“ lese, wird mir klar: Wir müssen mitmachen. Die Vereinigung der Fangruppen des SK Sturm ruft Menschen dazu auf, ihre Hauswände für Graffiti zur Verfügung zu stellen, die Osim zu dessen 80. Geburtstag am 6. Mai gratulieren.
Der wäre für den Grazer Bürgermeister auch die passende Gelegenheit, um endlich einer zweiten Initiative der Fans zu folgen. Nämlich jener, die Conrad-von-Hötzendorf-Straße, die zum Liebenauer Stadion führt, nach Osim zu benennen. Statt den Namen eines österreichischen Kriegstreibers am Balkan würde sie dann den eines völkerverbindenden Fußballtrainers tragen. Osim verbindet. Niemand kann sich dem entziehen, nicht einmal die Streithähne in der bosnischen Politik.
Sein Wort hat Gewicht. Ob in einem Café in seiner ersten Heimatstadt Sarajewo oder im Messendorfer Trainingszentrum in seiner zweiten Heimatstadt Graz, wo er sich immer noch gerne Fußballspiele und Trainings ansieht. Dort nimmt er mit seiner Frau Asima an einem Tisch Platz und bittet seine Gesprächspartner dazu. Vorbereitete Fragen sind völlig sinnlos. Er schweigt oder sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Gleichzeitig beobachtet er. Das Fußballspiel am Feld nebenan und seine Gesprächspartner. Er wägt sie in Sicherheit und stellt beiläufige Fragen. So prüft er, ob sein Gegenüber etwas vom Fußball versteht und ob er ehrliches Interesse hat.
Bei einem unserer letzten Treffen frage ich, wie ihm der Osim-Schwerpunkt von 2015 im ballesterer gefallen habe. Er tut zunächst so, als habe er die Frage nicht gehört. Als er dann aufsteht, zieht er mich zu sich und sagt: „Ich kann so schlecht schlafen. Da habe ich euer Heft zu Hause liegen sehen und die ganze Nacht gelesen. Viele Wörter. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich in meinem Leben so viel Blödsinn geredet habe.“ Dann dreht er sich zum Gehen weg und kurz wieder zurück, sieht mich an und sagt leise: „Hat mir gut gefallen, mach weiter so“.
Seine Worte haben Gewicht, also folge ich ihnen. Ich schaue mir sogar Sabahudin Topalbecirevics Doku „Svabo iz Sarajeva“ an – ohne ein Wort Bosnisch zu verstehen. Ich sehe sie trotzdem, weil sie die aktuellste Osim-Biografie ist, von der ich weiß. Treffen kann ich Osim derzeit aufgrund der Pandemie nicht. Ihm wird es vielleicht sogar ganz recht sein, dass er größere Menschenansammlungen, die ihm zum Geburtstag huldigen, vermeiden kann. Auch wenn er das nicht so richtig zeigen kann, wird er sich über jeden persönlichen Glückwunsch freuen. So wie er sich über jede überraschende Wende in einem Fußballspiel freut, in dem die Spieler den Ball laufen lassen und die Gegner ausspielen. „Etwas probieren“, wie er dann sagt. Ich wünsche dir Gesundheit, lieber Ivan, und einen schönen Geburtstag mit Asima, deinen Kindern, Enkeln und den vielen Menschen, die auf ihre Hauswand schreiben: „Ivan Osim, volimo te.“