Nach der Bekanntgabe des Teamkaders für das anstehende Ländermatch sind die Medien im Südwesten Englands aufgeregt: „Argyle-Spieler in der Reserve gegen Irland“ titeln die Western Morning News am 6. Oktober 1925. Die Western Daily Press erläutert am Tag darauf die Wahl: J. F. Leslie stehe im Nationalteamkader, er habe bei Plymouth Argyle in 40 Einsätzen bislang 14 Tore erzielt. Als das Länderspiel knapp drei Wochen später 0:0 endet, ist Leslie jedoch nicht dabei. Er steuert zum 7:2-Sieg von Argyle gegen Bournemouth zwei Treffer bei. Für England spielt er nicht, er ist nicht einmal mitgereist. Ein wahrscheinlicher Grund dafür findet sich im Artikel der Western Daily Press: Leslie sei „a man of colour“, er war schwarz.
East End Boy
John Francis Leslie, genannt Jack, wurde am 17. August 1901 geboren, sein Vater John Francis Leslie war ein Seemann aus Jamaika, seine Mutter Anne Regler kam aus London. Die Familie, zu der auch Jacks zwei ältere Schwestern gehörten, lebte im Londoner East End. Jack wurde Kesselschmied und spielte für Barking Town. Und er schoss Tore – was Plymouth Argyles Interesse weckte. Der Klub mit seinem Trainer Robert Jack gehörte seit 1920 zur Football League Third Division. Leslie wechselte 1921 nach Plymouth und gab am 19. November beim 0:0 gegen Merthyr Tydfil vor 14.000 Zuschauern sein Profidebüt. Es sollte dauern, bis er sich in der Kampfmannschaft etablierte, von einer Nominierung für das Nationalteam ganz zu schweigen.
Nachzulesen ist das im Buch „Football’s Black Pioneers“ von David Gleave und Bill Hern, das die Geschichten der ersten 92 schwarzen Spieler im englischen Profifußball erzählt. Als Leslie 1921 zu Argyle kam, war er der einzige schwarze Profi. Doch er hatte Vorgänger. Arthur Wharton debütierte im Oktober 1886 für Preston North End, er war nach derzeitigem Forschungsstand der erste. Ihm folgten 1901 Willie Clark bei Aston Villa und 1909 Walter Tull bei Tottenham. Der Geschichte des ins Nationalteam einberufenen und dann fallen gelassenen Leslie sei er zunächst mit Skepsis begegnet, schreibt Buchautor Hern: „Ein lang vergessener Spieler vom Provinzklub Plymouth Arglye aus der dritten Liga wird doch kaum für die Nationalmannschaft nominiert worden sein?“
Neben „Football’s Black Pioneers“ haben auch zwei Argyle-Fans Jack Leslie in Erinnerung gerufen. Im Juli 2020 starteten Greg Foxsmith und Matt Tiller eine Crowdfundingkampagne mit dem Ziel, Geld für eine Statue zu Leslies Ehren zu sammeln. Schneller als erhofft kamen die angestrebten 100.000 Pfund zusammen. „Derzeit sichten wir die Entwürfe für die Statue“, sagt Tiller dem ballesterer. „Uns ist es wichtig, Leslies Enkelinnen in den Entscheidungsprozess einzubeziehen.“
Politische Motive
Durch die Kampagne wurde über die Geschichte von Leslies Nominierung landesweit berichtet: 1925 waren Kadernominierungen für das Nationalteam ein Gruppenprozess. Ein 14-köpfiges Komitee aus Vertretern der regionalen Verbände wählte die Spieler und Trainer für die jeweiligen Begegnungen aus. Dieses Komitee tagte am 5. Oktober, auch Verbandspräsident Charles Clegg war anwesend. Leslie war einer von drei niedrigklassigen Fußballern auf der Kaderliste, vielleicht weil die Topklubs zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse daran hatten, auf ihre Spieler zu verzichten. Die Liste mit elf Namen plus zwei Reservespielern wurde an die Presseagentur weitergereicht, am Tag darauf rief Argyle-Trainer Jack seinen Spieler zu sich, um ihm die Nachricht zu überbringen. Zwei Wochen später gab es eine weitere Pressenotiz zum Kader – ohne Leslies Namen.
Angesichts der regionalen Besetzung des Komitees hätten wahrscheinlich nicht alle Mitglieder alle nominierten Fußballer auch spielen sehen, schreibt Hern. Doch spätestens durch die Presseberichte müssten sie über Leslies Hautfarbe informiert gewesen sein. „Wenn ein Journalist aus London wusste, dass Jack schwarz war, muss es mindestens eines der 14 Komiteemitglieder auch gewusst haben.“ Der Daily Herald recherchierte in der Sache, fragte bei Verband und Presseagentur nach und erhielt widersprüchliche Angaben. Die Agentur bestätigte den Erhalt der Liste mit Leslies Namen, der Verband leugnete, dass er je nominiert war. „Das wirft die Frage auf, ob der Verband die Anweisung erhalten hat, Jack einfach zu streichen“, schreibt Hern. Er bringt die konservative Regierung und deren Angst vor Unruhen ins Spiel. In der wirtschaftlich angespannten Situation nach Ende des Ersten Weltkriegs war es 1919 in mehreren Hafenstädten zu rassistischen Ausschreitungen gekommen. In Liverpool wurden 120 schwarze Arbeiter entlassen, weil Weiße sich weigerten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Fünf Menschen kamen bei den Konflikten ums Leben, hunderte wurden verhaftet.
Blick aufs Gesicht
Die Kampagne für eine Statue von Jack Leslie startet im Juli 2020 inmitten der „Black Lives Matter“-Bewegung. In Bristol, rund 200 Kilometer von Plymouth entfernt, stoßen Demonstranten zeitgleich eine Statue des Sklavenhändlers Edward Colston vom Sockel. Leslies Biografie habe aktuell eine besondere Bedeutung, sagt Matt Tiller. „Es ist eine Geschichte von Ungerechtigkeit, die dennoch inspirierend wirkt. Sie hat enorm viel positive Energie freigesetzt.“ Dazu gehört auch, dass Plymouth Argyle einen Sitzungssaal im Stadion nach Leslie benannt hat.
Eindeutig klären lässt sich der Ablauf der Nominierung und Streichung nicht mehr. Leslies eigene Sicht wurde rund 50 Jahre nach dem Vorfall öffentlich. 1978, kurz nachdem Viv Anderson als erster Schwarzer im Nationalteam debütierte, interviewte ihn die Daily Mail. Leslie beendete seine Karriere 1935 und arbeitete wieder als Kesselschmied, bevor er mit 70 als Zeugwart für West Ham in den Fußball zurückkehrte. Die ganze Stadt habe damals über seine Nominierung gesprochen, erinnerte er sich. „Ich war stolz, aber ich war auch schon stolz, überhaupt Profi zu sein.“ Dann jedoch habe plötzlich betretenes Schweigen geherrscht. „Über ein paar Ecken habe ich gehört, dass der Verband einen genaueren Blick auf mich geworfen hat. Nicht auf mein Spiel, sondern auf mein Gesicht. Sie haben herausgefunden, wer mein Daddy ist. Das war es.“
Jack Leslie starb 1988. Doch der Mann, der 14 Jahre für den Verein spielte, ist in Plymouth nie ganz vergessen worden. Manche Erinnerung sei durch die Kampagne wieder zutage gefördert worden, sagt Tiller. „Ein alter Herr hat ihn als Kind spielen gesehen: ‚Immer wenn Leslie an den Ball gekommen ist, ist ein Raunen durch die Menge gegangen, weil alle gewusst haben, dass jetzt etwas Besonderes passieren konnte.‘“