Seit zwei Jahren poppt alle sieben Tage um 14 Uhr eine Erinnerung auf meinem Handy auf mit dem kurzen Text: „Schwind“. Eine Erinnerung, mit dem „kahei“ mal wieder über den Fußball von früher zu plaudern.
Karl-Heinz Schwind, Jahrgang 1929, gründete gemeinsam mit Michael Kuhn 1959 die Sportredaktion der Kronen-Zeitung und war über Jahrzehnte einer der profundesten Journalisten und Historiker für Fußball und Boxen. Sein Archiv und sein Wissen galten als legendär.
Ich war als Kind keineswegs eine Leseratte. Das Leben bestand für mich nur aus Fußball, alles andere war primär. Umso mehr verwunderte mich an meinem elften Geburtstag ein Buch als Geschenk. Es sollte der Grundstein für mein eigenes Archiv werden. Karl-Heinz-Schwinds „Geschichten aus einem Fußballjahrhundert“ hat mein Leben verändert. 25 Jahre später lernten wir uns persönlich kennen, fachsimpelten über die Einberufung von Ernst Ocwirk in die Weltauswahl und übertrafen und gegenseitig bei der Aufzählung der ebenfalls einberufenen Österreicher. Ja, Plural. Brinek, Stotz, Hanappi, Happel, Zeman.
Seitdem trafen wir uns mehrmals im Jahr auf Kaffee und Kuchen und ließen ein sporthistorisches Feuerwerk steigen. Als würden sich zwei alte Freunde an einen gemeinsamen Matchbesuch in den 1930er Jahren erinnern. Mehrmals stellte Karl-Heinz Schwind sein profundes und umfassendes Wissen dem ballesterer zur Verfügung.
Sein Anekdotenschatz war umfangreich: Er erzählte, wie ein österreichischer Boxmeister noch mit drucknasser Abend-Zeitung des Nachts vor seiner Wohnungstür stand, um sich für eine vernichtende Kritik zu bedanken. Oder der eisenharte Simmering-Verteidiger Paul Gießer ihn in der Redaktion besuchte, weil er mit einer Kritik ganz und gar nicht einverstanden war. „Früher hat man noch vom Fußballplatz in die Redaktion telefoniert“, erzählte Schwind. „Und manchmal hing das Telefon direkt neben den Spielerkabinen. Und die haben natürlich zugehört, was man diktiert hat.“ Manchmal musste er schnellen Schrittes zur Tramway schreiten. Mit Paul Gießer verband ihn später eine lebenslange Freundschaft. Josef Hickersberger nannte Schwind bei einem Augarten-Spaziergang „eine Legende“. 2002 verlieh ihm die Stadt Wien das Große Ehrenzeichen, 2005 der Staat den Ehrentitel „Professor“.
Für mich war er Journalist, Mentor und Freund. Am Mittwoch, dem 28. April 2021, ist Karl-Heinz Schwind im 93. Lebensjahr verstorben.
(Clemens Zavarsky)
Kahei war ein guter Mensch. Darf ein Journalist ein guter Mensch sein?
Ja, er darf es.
In seinen Kolumnen beleidigte er niemanden. Nicht aus Feigheit, sondern als humanistisch gebildeter Mensch. Seltsam. Brutalität widersprach gerade ihm, dem Boxexperten. Nie war er aggressiv, auch nicht an der Schreibmaschine. Das hätte seinem Wesen widersprochen.
So legte er auch seine Interviews an. Vorsichtig, rief er die Frau eines Sportlers an und warf scheinbar ganz nebenbei ein: Passen’s gut auf ihn auf, dass ihm nix passiert. Mit einem kurzen Satz hatte kahei der Gattin Herz gewonnen und ihre Zunge gelöst …
War kahei in der Redaktion am Ruder, verzögerte der Sportteil nie den Andruck. Nie warf er die Nerven weg. Einmal, als die Krone mit der Meisterschaftsvorschau fertiggestellt wurde, fehlte plötzlich das Klischee eines Fußballfotos. Kahei kramte in dem Kisterl, in dem alte Klischees herumlagen, zog kurz entschlossen ein Blumenbild heraus und schrieb als Bildtext: Alles Gute zum Meisterschaftsstart! Die Zeitung war gerettet …
Einmal, zu Stastny-Zeiten, kam Kuhn aus Istanbul telefonisch von einem Ländermatch nicht durch. Aber seine Kolumne war fix eingeplant und es war schon spät. Kahei setzte sich zur Schreibmaschine und sagte staubtrocken: Ich war schon in Istanbul, ich weiß, was der Stastny immer sagt, und ich kenne Kuhns Stil. Eine Viertelstunde später landete das Manuskript in der Setzerei. Wieder war der Andruck gerettet.
Was haben wir über ihn geschmunzelt, wenn er sich schon mit 30 auf die Pension freute, die noch in weiter Ferne lag, Jahrzehnte sogar! Tatsächlich aber ist er dann mit 60 aufgeblüht. Wir schenkten ihm zum Abschied einen Billardtisch, aber er hatte anderes vor. Er stellte den Billardtisch in die Garage seines Sommerhauses in Zeiselmauer und begann ein neues Leben. Ein anderes. Als Maler, als Historiker, und als Oberhaupt einer glücklichen Familie.
(Michael Kuhn)