Das finnische Wort für Fußball ist jalkapallo. Eine wörtliche Übersetzung: jalka bedeutet Fuß, pallo Ball. Dann gibt es da noch potkupallo. Das ist ein Slangausdruck, der so viel bedeutet wie „sinnlos herumkicken“. „Früher war das Wort weiter verbreitet“, sagt Henrik Hyvönen, Chefredakteur des Fußballportals Byyri. „Heute benutzen es nur noch Leute, die sich über den Klubfußball lustig machen wollen.“
Hyvönen weiß viel über den finnischen Fußball, vor allem über jene Spieler, die, wie er sagt, nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Wenn es irgendwo auf der Welt derartige Spieler gibt, dann kennt Hyvönen sie. „Wussten Sie, dass im letzten Jahr drei Finnen in Österreich aktiv waren?“, fragt er während des ballesterer-Gesprächs. „Solomon Duah bei Mauerwerk, Santtu Uusitalo bei Deutsch-Wagram und Antti Koskinen beim ASK Elektra.“
Der Kommunikator
Es ist eine gute Zeit für Fußballliebhaber in Finnland. Verantwortlich dafür sind die „Uhus“, die huuhkajat, wie das Nationalteam der Männer seit einem Spiel gegen Belgien 2007 genannt wird. Damals hatte sich ein Uhu auf einer der Querlatten im Olympiastadion von Helsinki niedergelassen und eine Spielunterbrechung verursacht.
Jussi Hartikainen befand sich damals nicht im Oval. Er war allerdings dabei, als Finnland 2010 in Moldawien 0:2 verlor. Warum er sich so genau daran erinnert? „Meine erste Auswärtsreise“, sagt er. „Sami Hyypiä hat die Rote Karte gesehen, und wir Fans haben den Rauswurf des damaligen Trainers Stuart Baxter gefordert.“ Seither hat sich viel getan. Hartikainen gehört heute zum harten Kern von „Suomen Maajoukkueen Kannattajat“, kurz SMJK. Der Name bedeutet schlicht: Fans des finnischen Nationalteams. Hartikainen ist zuständig für die Kommunikation und den Merchandiseverkauf, zuvor war er Vorsitzender des Fanklubs. Ob er sein Follow-Your-Team-Ticket nutzen und EM-Spiele besuchen werde, wusste er beim ersten Gespräch mit dem ballesterer Anfang April noch nicht. „Aber die huuhkajat bei der EM im Stadion zu sehen, das wäre der Wahnsinn.“ Ein paar Wochen später steht fest: Hartikainen und sein Fanklub reisen zum zweiten Spiel gegen Russland nach Sankt Petersburg, die Entscheidung bezüglich der dritten Partie gegen Belgien in Kopenhagen ist noch offen.
Eine Legende wackelt
Finnlands Männer haben sich erstmals für ein Großereignis qualifiziert. Gelungen ist das dank des zweiten Platzes in der Gruppe hinter Italien. Und dank der Tore von Teemu Pukki. Der 31-jährige Stürmer erzielte zehn der 16 Treffer und hat seine Form bewahrt. Im März traf er in der WM-Qualifikation beim 2:2 gegen Bosnien-Herzegowina zweimal und schoss auch den Ausgleich beim 1:1 gegen die Ukraine. Noch führt Jari Litmanen Finnlands ewige Torschützenliste mit 32 Treffern an, Pukki hält bei 30 und kommt mit viel Selbstvertrauen zur EM. Seine Tore hatten in der laufenden Saison maßgeblichen Anteil am Aufstieg von Norwich City in die Premier League.
Der Architekt des finnischen Fußballmärchens ist Teamchef Markku Kanerva. „Sein Stellenwert auf einer Skala von eins bis zehn?“, fragt Journalist Hyvönen und gibt die Antwort gleich selbst. „Zehn plus.“ Der 56-jährige Kanerva ist seit 2004 in unterschiedlichen Funktionen beim Verband tätig, 2011 wurde er Co-Trainer, seit 2016 ist er Teamchef. „Er kennt das Umfeld und ist so etwas wie eine Vaterfigur. Ich habe einmal gelesen, dass Finnland ein Nationalteam ist, das wie eine Klubmannschaft auftritt, weil sich die Spieler seit ewigen Zeiten kennen“, sagt Hyvönen. Neben Pukki bilden Leverkusen-Tormann Lukas Hradecky, Mittelfelddrehscheibe Glen Kamara von den Rangers, Abwehrchef und Kapitän Tim Sparv sowie dessen Innenverteidigerkollege Paulus Aarajuuri vom Paphos FC das Gerüst von Kanervas System. Mit Ausnahme des erst 25-jährigen Kamara spielen sie seit über zehn Jahren für das Team. Es ist ein kompakt verteidigendes Kollektiv, das im Konter Nadelstiche setzen kann.
Was den Turnierverlauf angeht, gibt sich Fan Hartikainen augenzwinkernd angriffslustig. „Unentschieden gegen Dänemark, Sieg gegen Russland und ein Remis gegen Belgien, das die Gruppe zu diesem Zeitpunkt schon gewonnen hat. Aufstieg ins Achtelfinale und dann geht es weiter bis Wembley.“ Realistischer ist Journalist Hyvönens Einschätzung: „Der dritte Platz in der Gruppe wäre ein riesiger Erfolg“, sagt er. „Unsere Gegner gehören zu den Besten Europas.“
Englische Sauna
So erfreulich die Entwicklung der Nationalteams ist – auch die Frauen haben sich erstmals seit 2013 wieder für eine Großveranstaltung qualifiziert – so deutlich hinkt der Klubfußball hinterher. Die Liga liegt in der UEFA-Fünfjahreswertung auf dem 44. Platz. Die Meisterschaft dominiert HJK Helsinki, der Verein gewann acht der letzten zehn Titel. Auch im Europacup sind die Hauptstädter das Aushängeschild. Zweimal konnten sie sich für die Champions League qualifizieren, zuletzt allerdings 1998. 2014 schafften sie es dann zum ersten und bisher letzten Mal in die Gruppenphase der Europa League. Auf dem Weg dorthin schalteten sie den SK Rapid aus.
Der mangelnde Erfolg ist nichts Neues, einen großen Stellenwert hat die Liga nie genossen. Im Fokus der interessierten Öffentlichkeit steht die englische Meisterschaft, und das schon seit Langem. Die Basis dafür wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. „Das ist eine lange Geschichte“, sagt Hyvönen. „So lange, dass es mehrere Bücher darüber gibt.“ Er versucht es mit der Kurzversion: Nach Kriegsende rief der staatliche Glücksspielkonzern ein Tippspiel ins Leben, bei dem in den ersten Jahren allerdings nur auf Spiele aus zwei Ligen getippt werden konnte. Finnland im Sommer und England im Winter. Das Fundament für die Sonderstellung war gegossen. In den 1970er Jahren begann dann der staatliche Fernsehsender, an Samstagen englische Ligaspiele zu übertragen. „Der Samstag ist in vielen Familien der Saunatag“, sagt Hyvönen. „So ist es zur Tradition geworden, gemeinsam in die Sauna zu gehen und danach Fußball aus England zu schauen.“
Diesen Brauch werden die Fans bei der EM adaptieren müssen. Am zweiten Saunatag im Juni debütiert das Team gegen Dänemark – allerdings nicht in Wembley, sondern in Kopenhagen.