Die Sturm-Spieler rennen wie wild an, sie liegen gegen die Austria ein Tor zurück. Es läuft die 88. Minute, als die Grazer noch eine Chance bekommen – und nutzen. Wenige Sekunden später pfeift der Schiedsrichter ab. Die Sturm-Spieler jubeln, sie sind Meister. Der Schütze des entscheidenden Tors heißt nicht Kelvin Yeboah oder Jakob Jantscher, sondern Philipp Gutmann. Er und seine Mannschaftskollegen liegen sich im Wiener Studio 44 in den Armen. Sie haben gerade im Videospiel „FIFA“ den Teambewerb der eBundesliga 2020/21 gewonnen. Austria-Spieler Filip Babic und seine Kollegen sinken in sich zusammen, dann gratulieren sie den Gegnern. Bis vor dem Tor in letzter Minute war in diesem Titelkampf am 6. Juni alles offen, so viel Spannung würde sich die Bundesliga auch im realen Fußball öfter erhoffen. Das Spektakel ist aber nur ein Grund, warum die Liga ein eigenes Videospielturnier veranstaltet, in erster Linie möchte sie auf einen breiten Trend setzen, denn E-Sports boomt.
50.000 Aktive
2020 soll der globale Umsatz im E-Sports rund 950 Millionen Dollar betragen haben, bis 2024 soll er auf rund 1,6 Milliarden anwachsen. Mit dem gesteigerten Interesse und der wirtschaftlichen Macht im Hintergrund fordern Vertreter der Branche auch immer öfter, E-Sports traditionellen Sportarten gleichzustellen und als eigene Disziplin anzuerkennen. Zwischen Seoul, Jönköping und New York werden bei Turnieren riesige Hallen gefüllt und Preisgelder in Millionenhöhe ausgeschüttet. Aber auch die Fangemeinde in Österreich ist groß. Laut dem E-Sport Verband Österreich, ESVÖ, gibt es rund 50.000 registrierte E-Sportler im Land. Fast 50 Prozent der unter 25-Jährigen geben an, sich für E-Sports zu interessieren, jeder Siebte konsumiert regelmäßig E-Sports, verfolgt Spiele also über Streamingplattformen wie Twitch.
Seit einigen Jahren setzen Fußballklubs auf eigene E-Sports-Abteilungen, also Sektionen, in denen wettbewerbsmäßig gezockt wird. Damit versuchen sie, die junge und wachsende Zielgruppe abzuholen. Die Videospieler treten ihre Bewerbe dann eben im Namen von Manchester City, Paris Saint-Germain oder Schalke 04 an. Auch in Österreich legen sich immer mehr Bundesligisten ein E-Sports-Team zu. Die Austria, Rapid und Red Bull Salzburg haben bereits eigene Sektionen, auch Zweitligist Wacker Innsbruck verfügt mit Wacker Gaming über ein eigenes Profiteam. Die Teams spielen dann das Fantasyspiel „League of Legends“, das Strategiespiel „Dota“ – und zumeist die Fußballsimulation „FIFA“.
Die Verbindung zwischen Fußballklubs und einer Fußballsimulation liegt auf der Hand, die Vereine können sich schließlich selbst spielen und somit bewerben. Gleichzeitig profitiert das Computerspiel von der Anerkennung aus dem Sport. Kicker zeigen stolz ihre Auszeichnungen, die sie durch gute Leistungen auf dem realen Feld virtuell erhalten. Wird etwa ein Spieler von „FIFA“-Hersteller Electronic Arts ins „Team Of The Week“ gewählt, erhält er eine eigene digitale Porträtkarte. Die Medienabteilungen der großen Vereine nutzen solche Vorlagen nur allzu gern. Sie füllen ihre Social-Media-Kanäle mit Bildern ihrer ausgezeichneten Helden oder veröffentlichen wie jüngst Liverpool Videos, in denen die Spieler ihre „FIFA“-Ratings kommentieren.
Die Fußballsimulation nimmt neben den offensichtlichen Motiven auch aus ganz pragmatischen Gründen einen zentralen Platz beim E-Sports ein. „‚FIFA‘ zählt laut Umfragen und Statistiken zu den meistgespielten Spielen in Österreich“, sagt ESVÖ-Pressesprecher Manuel Haselberger. „Und das Spiel gibt dir die Möglichkeit, E-Sports zu betreiben. Wir haben also nicht nur eine große Menge an Spielern, sondern auch die Möglichkeit, große Turniere zu veranstalten.“
Expertise und Klubs
Der größte Wettbewerb dieser Art ist in Österreich die eBundesliga mit 48 Spielern im Teambewerb sowie über 3.000 Anmeldungen im Einzelbewerb. Sie wird seit 2017 ausgetragen und von der Bundesliga und dem ESVÖ organisiert. Ein logischer Schritt, wie Projektleiter Philipp Pfeffer von der Bundesliga erklärt. Die Basis einer großen Community sei schließlich bereits vorhanden gewesen. „Außerdem verkaufen wir die Lizenzrechte der Liga schon seit vielen Jahren an Electronic Arts, mit der Gründung der eBundesliga wollten wir die ‚FIFA‘-Community noch einmal stärker für den österreichischen Fußball begeistern.“ Dazu müsse man diese dort abholen, wo sie sei: an der Konsole. Der ESVÖ ist für die technische Umsetzung und die Zusammenarbeit mit der Community verantwortlich. „Die Bundesliga hat uns ihre Pläne präsentiert und gefragt, ob wir zusammenarbeiten wollen“, sagt ESVÖ-Sprecher Haselberger. „Nach dem Motto: Ihr habt die Expertise, wir die Pläne und die Klubs.“