Hinter der Längstribüne, auf deren drei Betonreihen Bierbänke montiert sind, rattert alle paar Minuten die S7 Richtung Flughafen Wien-Schwechat vorbei. Mit gleichem Ziel und in ähnlichem Rhythmus brausen tieffliegende Flugzeuge über das Feld hinweg. Dazwischen sind die Rufe der Spieler zu hören, vorwiegend auf Deutsch, Türkisch und Serbisch. Unweit vom Zentralfriedhof empfängt hier an einem Freitagabend im Oktober der SC Ostbahn XI den Favoritner Athletikclub in der viertklassigen Stadtliga. Gegen das Sterben wehren sich die Wiener Amateurvereine lebhaft. Zwar haben Geld, Aufmerksamkeit und Zuschauerinteresse in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgenommen, doch die Unterhausklubs bieten etwas, das es an vielen anderen Orten nicht mehr gibt: unmittelbare Nähe, Fußball pur, mit aller Direktheit, ob von den Zusehenden gewollt oder nicht.
Simmering gegen Favoriten
Den SC Ostbahn XI und den FavAC trennen drei Kilometer Luftlinie und eine Bezirksgrenze, und zwar jene zwischen Favoriten und Simmering, dem zehnten und dem elften Bezirk. Vor dem Anpfiff entsprechen die Tabellenpositionen der beiden Vereine ihren jeweiligen Bezirksnummern. Die Ostbahn ist im Sommer aus der zweiten Landesliga in die Wiener Liga aufgestiegen und wollte in diesem Jahr eigentlich ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Eine große Grillerei hätte es werden sollen, und der „Ostbahn-Kurti“ hätte auftreten sollen. Vielleicht wäre auch Herbert Prohaska gekommen, der für die Simmeringer seine ersten Fußballschuhe zerrissen hat. Pandemiebedingt wurde alles abgesagt, aber hoffentlich im nächsten Jahr nachgeholt.
Bis dahin ist man froh, dass wieder gespielt werden kann. Heute gegen den FavAC, ebenfalls einer der vielen Traditionsvereine des Unterhauses. Der 1910 gegründete Klub erlebte seine beste Zeit in den 1980er und 1990er Jahren, in denen er mehrere Saisonen lang in der ersten und zweiten Liga spielte. Nach finanziellen Problemen folgten Abstiege und Zwangsrelegationen. In den letzten 20 Jahren spielt der Klub durchgehend in der Stadtliga.
Fixtermin Matinee
Der 77-jährige Rudolf Van der Geeten hat auf einer der Bierbänke in der ersten Reihe Platz genommen. Er begleitet den FavACseit 47 Jahren und erinnert sich an die Glanzzeiten, als der Klub vor mehr als 6.000 Zuschauern gegen Rapid und die Austria spielte und im Cup zweimal das Halbfinale erreichte. Unvergessen bleibt auch der Sieg beim Stadthallenturnier 1993. „Heute gibt es leider kein Geld mehr“, sagt Van der Geeten. „Die Leute interessieren sich nicht mehr so dafür.“ Bestes Beispiel sei die Sonntagsmatinee. „Das war früher ein Fixtermin.“
Seit 1993 wird der Verein auch von den „Fedayn FavAC“ begleitet, einer der wenigen Ultragruppen im Wiener Amateurfußball. Einige Mitglieder haben sich 20 Minuten vor dem Spiel in der Kantine eingefunden. Sie tragen rot-schwarze Jacken und Schals mit dem Vereinswappen. Es werden Bier und Cola-Rot getrunken. Die Luft ist zum Schneiden, natürlich wäre das Rauchen mittlerweile auch in einer Simmeringer Fußballkantine verboten. Kurz vor Anpfiff bezieht die mittlerweile zehnköpfige Gruppe ihren Platz auf der Gegengerade. Auf dem Geländer knapp hinter der Outlinie machen sie ihre Transparente fest. Als die Spieler das Feld betreten, dröhnt „Hells Bells“ von „AC/DC“ aus den Stadionboxen. Die Ultras feuern ihre Mannschaft an. Knapp 100 Leute sind zum Zuschauen gekommen. Der Eintritt kostet acht Euro, für Pensionisten fünf.
Ein Flohmarkt und seine Anrainer
Noch vor knapp drei Jahren stand Ostbahn XI vor dem Aus. Die Familie Pfeiffer führte den Klub mit Einnahmen aus einem wöchentlichen Flohmarkt, der 2017 nach Anrainerbeschwerden verlegt werden musste. „Das müssen Sie sich einmal vorstellen“, sagt Platzsprecher Robert Kovanda. „Da rufen jeden Sonntag drei Kreaturen an und beschweren sich. Die haben damit den Flohmarkt abgedreht.“ Nach dem Tod von Obmann Bernhard Pfeiffer 2019 zog sich die Familie aus dem Verein zurück. Der Arzt Turgay Taskiran, dessen Praxis ums Eck in Simmering liegt, und einige Wegbegleiter übernahmen die Klubführung, der ehemalige Teamspieler Volkan Kahraman die sportliche Leitung. „Ein paar Alteingesessene waren zuerst skeptisch und haben gedacht, wir vertürken den Verein. Aber es bleibt Ostbahn XI“, sagt Kahraman. Einen Platz im Mittelfeld will er erreichen. „Nächstes Jahr muss man schauen, wer überhaupt aufsteigen will. Vielleicht müssen wir dann zuschlagen.“
Halbzeit. Die Ostbahn führt 1:0. In der Kantine gibt es Schnitzelsemmel. Wer auf Ketchup oder Senf dazu verzichtet, bekommt ein zweites Schnitzel hineingelegt. „Weil sonst ist das eine trockene Geschichte“, sagt die Betreiberin. Heute sei weniger los als sonst, meint sie. „Beim Derby gegen Simmering kommen 300 Leute“, sagt Platzsprecher Kovanda. Mit den neuen Eigentümern sei wieder Ruhe eingekehrt. „Das sind gute Leute.“ Er bläst langsam den Rauch seiner Zigarette aus. „Es gibt im Grunde genommen drei Arten von Trotteln: Schiedsrichter, Polizisten und Obmänner. Wenn es die Idealisten nicht gibt, brechen viele Vereine sofort weg. Es fehlt einfach das Geld“, sagt er. „Da geht es nicht um neue Spieler, sondern um Geld fürs Baumschneiden, für ausgebrannte Glühbirnen und kaputte Türschnallen.“
Live is life
Während die Sonne über Simmering untergeht, neigt sich das Spiel dem Ende zu. „Kämpfen und siegen, FavAC!“, schreien die Gästefans. Auch wenn die Spieler Ersteres beherzigen, will Letzteres nicht gelingen. Ostbahn erhöht auf 2:0, daran ändert sich nichts mehr. Die FavAC-Spieler kommen nach Spielende zu den Fans, bedanken sich und klatschen ab. Nach dem Spiel geht es für die Ultras noch in den Ostbahn Food Express zu Köfte, Schnitzel und Dosenbier. Sie sprechen über die WM-Qualifikation und die Stadtliga. Und über das Derby zwischen dem Sport-Club und der Vienna, das am selben Abend vor 6.500 Zuschauern gespielt wird. Die Gruppe diskutiert, ob damit die Abwesenheit eines Fanklubmitglieds zusammenhängen könnte. „Wenn der nur ein Foto von dem Spiel postet, braucht er gar nicht mehr kommen“, sagt einer. Dann geht es um die Premier League und Streamingabos, um Manchester United und Cristiano Ronaldo. Für einen Moment streift ihr kleiner Fußball den großen. „Ich brauche das alles nicht“, sagt einer, der mit Mitte 20 zu den Jüngeren der Runde gehört. Er legt eine Hand auf den Plastiktisch. „Das hier, das ist live.“