„Meine Spieler müssen für Derby County sterben, und sie müssen für mich sterben.“
Das Leben des Brian
Die Augen sind zu Schlitzen verzogen, zwischen den Brauen bilden sich Falten. Der Blick ist grimmig, fast schon angriffslustig. „Ich bin Muhammad Ali. Die Welt weiß, wer ich bin“, sagt er langsam in die Kamera. „Da gibt es einen Kerl in England namens Brian … Brian Clough. Ein Fußballspieler oder so. Ich habe bis Amerika und Indonesien gehört, dass der Kerl zu viel redet. Angeblich nennt man ihn den neuen Muhammad Ali, es gibt aber nur einen Muhammad Ali.“ Ali schaut noch ein bisschen grimmiger, noch angriffslustiger als zuvor. Er hebt seinen Zeigefinger, und es wirkt, als könne er jeden Moment Teil einer Faust werden. „Ich will, dass du weißt, wer auch immer du bist: Du nimmst mir meinen Job nicht weg. Clough, ich habe genug. Hör auf damit!“ Clough, schick wie meist, graues Sakko, hellblaues Hemd, dunkelblaue Krawatte lächelt erst, dann lacht er laut. Als Gast der Sendung „The Big Match“ sitzt er im Studio des Senders ITV, als er Alis Videobotschaft vorgespielt bekommt. „Wirst du jetzt damit aufhören?“, fragt der Moderator, und Clough erwidert: „Nein, ich will gegen ihn kämpfen.“
Es ist der 20. Oktober 1973. Der 38-jährige Brian Clough hat gerade einen Machtkampf gegen den Präsidenten von Derby County, Sam Longson, verloren und im Zuge dessen auch seinen Job und seine Mannschaft, die er eineinhalb Jahre zuvor nach dem Aufstieg sensationell zum Meistertitel geführt hat. An seinem schier grenzenlosen Selbstvertrauen ändert dieser Rückschlag nichts. Wie immer befindet sich Clough im Angriffsmodus. Großmäulig und gleichzeitig gewitzt liebt er es, zu provozieren. Alles und jeden und wenn es sein muss, eben auch den größten Boxer aller Zeiten.
Ein Boxkampf gegen Ali kommt nicht zustande, im Fußball lässt sich Clough aber auf die gewagtesten Herausforderungen ein. Als Spieler wechselt er von Middlesbrough zum Lokalrivalen Sunderland und bleibt bei beiden Klubs als treffsicherer Stürmer in Erinnerung. Als Trainer übernimmt er nach seinem Abschied von Derby das Amt dort, wo es die größten Vorbehalte gegen seine Person gibt. Zunächst bei Leeds United, dem Ex-Verein seines ewigen Widersachers Don Revie, dessen Mannschaft Clough wegen ihrer harten Spielweise jahrelang verbal attackiert hat. Nach 44 Tagen wird er entlassen. Und geht anschließend zu Derbys verhasstem Lokalrivalen Nottingham Forest, den er ebenfalls von der zweiten Liga zum Meistertitel und zu zwei Siegen im Landesmeistercup führt. „Ich würde nicht sagen, dass ich der beste Trainer war“, sagt er nach seiner Karriere. „Aber ich war in den Top eins.“
Abschlüsse am Platz
Clough kam am 21. März 1935 als sechstes von neun Geschwistern in Middlesbrough im Nordosten Englands zur Welt. Der Vater arbeitete bei einem Süßwarenhersteller, die Mutter kümmerte sich um die Kinder. England kämpfte bald einen Weltkrieg, aber Clough genoss seine Kindheit: „Ich komme aus einem kleinen Teil des Paradieses.“ In diesem Paradies erlebte er im Alter von elf Jahren die erste große Enttäuschung. Als einziges Kind der Familie bestand er die Zulassungsprüfung zur grammar school, dem Gymnasium, nicht und hatte damit keine Chance auf die für den späteren Berufsweg so wichtigen O- und A-Level-Abschlüsse. Eine Demütigung, auf die Clough regelmäßig Bezug nehmen sollte. „Wenn jemand meine O- und A-Level sehen will, dann lege ich meine Europacup- und Meistermedaillen auf den Tisch“, sagte er Jahrzehnte später. „Sie sind meine O- und A-Level.“
Ohne Abschluss verließ Clough im Alter von 15 Jahren die Schule, arbeitete anschließend für die Firma Imperial Chemical Industries und absolvierte seinen Wehrdienst bei der Royal Air Force. Hauptsächlich aber spielte er Fußball. Mit 20 debütierte der Stürmer in der zweiten Liga für Middlesbrough, avancierte schnell zum Stammspieler und schoss in 213 Ligaspielen 197 Tore. So zielsicher Clough traf, so regelmäßig legte er sich mit der Klubführung und seinen Teamkollegen an. „Ich habe von den Vorbehalten einiger Mitspieler gegen meine Person gewusst“, sagte er später. „Einerseits, weil ich immer gesagt habe, was ich denke. Aber vor allem, weil ich unglaublich gut war und gewusst habe, dass ich der Beste bin.“ Harold Shepherdson, damals Teil des Trainerstabs und später Alf Ramseys Co-Trainer bei Englands Weltmeistertitel 1966, betrachtete Clough als schlechten Einfluss auf die Mannschaft. Mehr Verständnis zeigte oft nur der sieben Jahre ältere Ersatzkeeper Peter Taylor, der Cloughs künftiges Leben prägen sollte. Als Teamkollege, später als jahrelanger Co-Trainer und schließlich als Feind.
Provokanter Abschied
Im Sommer 1961 trennten sich die Wege der beiden aber zunächst. Clough, mit 26 im besten Fußballeralter, war frustriert vom immer wieder verpassten Aufstieg und hatte außerdem genug von den Querelen im Hintergrund. Zum Abschied wählte er die größtmögliche Provokation: Um rund 45.000 Pfund wechselte er zum Lokalrivalen Sunderland, der über eine ruhmreichere Vergangenheit als Middlesbrough verfügte, aber ebenfalls in der Zweitklassigkeit feststeckte. Das Sunderland Echo schrieb damals von der größten Überraschung der Transferphase. Clough gefiel nicht nur die Tragweite des gewagten Schritts, sondern auch die Aussicht auf Arbeit unter Sunderland-Trainer Alan Brown. Er galt als Disziplinfanatiker und diente ihm in seiner späteren Trainerkarriere als Vorbild.
Diese sollte früher beginnen, als Clough es sich erhofft hatte. Nach eineinhalb überragenden Jahren für Sunderland mit 53 Treffern in 58 Ligaspielen riss er sich beim Match gegen Bury am Boxing Day 1962 auf vereistem Rasen das Kreuzband. In einer Zeit mit deutlich schlechterer medizinischer Versorgung kämpfte Clough knapp eineinhalb Jahre um sein Comeback, doch es sollte sich nicht lohnen. Im September 1964, Sunderland war in der Zwischenzeit aufgestiegen, absolvierte er noch drei Erstligaspiele – die einzigen seiner Karriere. Von seinem einstigen Elan war aber nichts mehr übrig. Mit 29 Jahren beendete Clough seine Spielerlaufbahn.
Der Schüler als Lehrer
Sofort trieb er seine Trainerkarriere voran. Er übernahm eine Jugendmannschaft von Sunderland und belegte gleichzeitig den Trainerkurs des Verbands, abgehalten vom Kick-and-Rush-Verfechter Charles Hughes. „Völligen Müll“ nannte Clough dessen Sicht auf Fußball in seiner 1994 erschienenen ersten Autobiografie und ließ ihn diese Einschätzung stets spüren. „Ich habe mich bei jeder praktischen Übung freiwillig gemeldet, Hughes wann immer möglich eines Besseren belehrt und den anderen Teilnehmern des Kurses Alternativen aufgezeigt“, schrieb Clough, der sich schon damals mehr als Lehrer denn als Schüler fühlte. „Ich bin mir sicher, dass sie am Ende mehr von mir als von Hughes gelernt haben.“
Clough liebte den Ballbesitzfußball mit vielen flachen Pässen, bei seiner ersten Trainerstation ging es aber nicht um Schönheit, sondern ums blanke Überleben. Im Oktober 1965 unterschrieb er in einer Kleinstadt in der Nähe von Middlesbrough beim abstiegsbedrohten Viertligisten Hartlepools United und avancierte zum jüngsten Trainer im englischen Profifußball. Zu seinem Assistenten machte er den ehemaligen Mitspieler Taylor, der zuvor den Amateurklub Burton Albion trainiert hatte. Hartlepools kämpfte nicht nur sportlich, sondern auch finanziell ums Überleben. Clough zog zum Spendensammeln durch die Pubs und machte den Busführerschein, um bei Auswärtsfahrten das Geld für einen Chauffeur zu sparen.
Viele Unannehmlichkeiten akzeptierte er, aber als Präsident Ernest Ord aus finanziellen Gründen Co-Trainer Taylor entließ, ging Clough auf Konfrontation. Ord, den er später als einen der schlimmsten Menschen bezeichnete, mit denen er je zusammengearbeitet habe, entließ daraufhin auch ihn. Doch der Vorstand stürzte stattdessen Ord und ermöglichte die Rückkehr des Trainerduos. Dieser Triumph steigerte Cloughs ohnehin reichlich vorhandenes Selbstbewusstsein. Trotz der Querelen im Hintergrund entwickelte er seine Mannschaft weiter, führte sie in der ersten Saison zum Klassenerhalt und in der zweiten in die Nähe der Aufstiegsränge. Taylor bewies unterdessen sein Auge für junge Talente, indem er Clough den erst 16-jährigen Mittelfeldspieler John McGovern empfahl, der sich bald einen Stammplatz erarbeitete und seinem Trainer zu dessen weiteren Stationen folgen sollte.
Sterben für Derby – und Clough
Nach zwei Jahren bei Hartlepools übersprangen Clough und Taylor eine Liga und wechselten 1967 zum seit einem Jahrzehnt in der Zweitklassigkeit feststeckenden Derby County. Clough verlangte die totale Kontrolle über alle Bereiche des Klubs und bekam sie von einem Mann, der es nicht gewohnt war, Kontrolle abzugeben: Präsident Sam Longson, ein Bauernsohn, der mit seinem Transportunternehmen Millionär geworden war. Clough ließ in den Gängen des Stadions, dem Baseball Ground, die Bilder einstiger Legenden abnehmen, gemeinsam mit seinem Co-Trainer wurde er selbst zur größten Legende des Klubs. Heute steht vor dem neuen Stadion Pride Park eine Statue von Clough und Taylor mit dem Meisterpokal, den sie fünf Jahre nach Amtsübernahme gewinnen sollten.
„Meine Spieler müssen für Derby County sterben, und sie müssen für mich sterben“, sagte Clough bei seiner Ankunft. „Spieler, die nicht kämpfen, können gehen. Ansonsten könnten sie schließlich für meine Entlassung sorgen. Aber ich werde dafür sorgen, dass sie dann vor mir entlassen werden – und sei es nur einen Tag davor.“ Clough ging es stets nicht nur um den Klub, sondern auch um sich selbst. Er verlangte von allen Beteiligten volle Identifikation mit seinen Plänen, von den Spielern genau wie von den übrigen Angestellten. Als zwei Kantinenmitarbeiterinnen nach einer Niederlage von Derby gekichert haben sollen, entließ sie Clough der Legende nach auf der Stelle. Den Kader baute er innerhalb weniger Monate komplett um, nur wenige Spieler wie Stürmer Kevin Hector behielten ihren Platz. Stattdessen kamen unbekannte Talente wie der 21-jährige Stürmer John O’Hare von Sunderland und, auf spezielle Empfehlung Taylors, der zwei Jahre jüngere Innenverteidiger Roy McFarland von den Tranmere Rovers. Beide sollten zu Stützen der Mannschaft werden.
Menschenfänger und Meister
Nach einer Saison des Umbaus mit durchwachsenen Ergebnissen tätigte Clough im darauffolgenden Sommer den womöglich ungewöhnlichsten und klügsten Transfer seiner Zeit bei Derby: Er holte Dave Mackay, der jahrelang Schlüsselspieler von Tottenham Hotspur und integraler Bestandteil der Double-Gewinner von 1961 war. Der 33-jährige Mittelfeldspieler wollte seine Karriere eigentlich als Spielertrainer bei seinem Jugendklub Heart of Midlothian in Edinburgh ausklingen lassen. Clough, der genauso schmeichelhaft wie großmäulig sein konnte, fuhr nach London und überredete Mackay, es sich anders zu überlegen. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder so ein Gefühl der totalen Begeisterung gespürt habe wie bei der Autofahrt zurück Richtung Norden“, schrieb Clough in seiner Autobiografie. Anschließend machte er aus dem Mittelfeldspieler einen Libero und Mackay aus einer talentierten, aber führungslosen Mannschaft ein perfekt funktionierendes Gebilde. Derby marschierte, mittlerweile auch durch Cloughs ehemaligen Hartlepools-Spieler McGovern verstärkt, zum Aufstieg. Mackay wurde als Zweitligaspieler zu Englands Fußballer des Jahres gewählt, und Clough sagte: „Dank Dave haben wir uns unschlagbar gefühlt.“
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1971 zog Mackay für ein letztes Karrierejahr nach Swindon weiter, zu diesem Zeitpunkt siegte Derby aber schon ohne ihn. Im Mai 1972 gelang in einem Herzschlagfinale der erste Meistertitel, errungen mit neun Stammspielern, die schon zu Zweitligazeiten unter Vertrag standen. Cloughs Mannschaft lag nach ihrem letzten Spiel auf Platz eins, doch die Verfolger Liverpool und Leeds United hatten noch Nachholspiele und damit die Chance vorbeizuziehen. Beide patzten, und Clough triumphierte. „Mein einziger Trost ist, dass Derby die beste Mannschaft ist, gegen die wir in der Saison gespielt haben“, sagte Liverpools geschlagener Trainer Bill Shankly. „Ich tue Leeds nicht unrecht, wenn ich sage, dass Derby alles in allem die bessere Mannschaft ist.“ Während Cloughs Derby für fairen und attraktiven Fußball stand, hatte Don Revies häufig „Dirty Leeds“ genannte Mannschaft den Ruf als hartes, fast schon zynisches Gegenstück. Das schöne Spiel hatte gesiegt.
Die verlorene Liebe
Noch schneller als die Prominenz des Klubs stieg die Prominenz seines Trainers: Clough wusste sich und die Erfolge seiner Mannschaft zu vermarkten und avancierte mit seiner streitbaren Art zum Star. Er schrieb Zeitungskolumnen, trat in Fernsehsendungen auf, attackierte dabei zumeist wortgewandt alles und jeden und mit Vorliebe Klub- und Verbandsfunktionäre. Der Beziehung zu seinem Präsidenten schadete das. Longson fühlte sich ob der medialen Inszenierung des Trainers für seinen eigenen Anteil an Derbys Erfolg nicht ausreichend gewürdigt. Noch dazu musste er sich immer wieder im Namen des Klubs für Cloughs Entgleisungen entschuldigen. Ein permanenter Streitpunkt zwischen Präsident und Trainer war auch das Geld, Clough hielt sich für unterbezahlt. In der Meistersaison traten er und Taylor sogar zwischenzeitlich zurück, nur um sich mit einer Gehaltserhöhung umstimmen zu lassen. Spätestens nach dem Titelgewinn fühlte sich Clough allmächtig. Er tat, was er für richtig hielt, und kam damit durch. Im Sommer 1972 verpflichtete er ohne vorherige Abstimmung mit der Klubführung um die damalige Rekordsumme von 250.000 Pfund Verteidiger David Nish von Leicester City.
Trotz des Neuzugangs knüpfte die Mannschaft in der Meisterschaft nicht an die Leistungen der Vorsaison an und landete auf dem siebten Platz. Im Meistercup kämpfte sich Derby bis ins Halbfinale gegen Juventus vor. In Italien wurde Clough im Vorfeld des Duells mit Helenio Herrera, dem großen Inter-Trainer, verglichen, bei der Pressekonferenz vor dem Spiel erwiderte er: „Ich muss mich für diese Ehre bedanken. Anders als er bin ich aber noch nie entlassen worden.“ Juventus setzte sich mit 3:1 und 0:0 durch, woraufhin Clough Manipulationsvorwürfe gegen Gegner und Schiedsrichter erhob, die er als schummelnde Bastarde bezeichnete. Angeblich hatte der deutsche Juventus-Mittelfeldspieler Helmut Haller vor dem Hinspiel die Kabine von Schiedsrichter und Landsmann Gerhard Schulenburg besucht. Cloughs Attacken und Anschuldigungen wurden immer schärfer. Kurz darauf forderte er in einer Kolumne einen Zwangsabstieg für Leeds und eine Geldstrafe für Trainer Revie, weil er seine Spieler zu unsportlichem Verhalten angestiftet habe.
„Wir waren wie eine Sternschnuppe am Himmel. Wir haben hell geleuchtet, aber nur kurz. Aber wie hell wir leuchteten!“
„Er war außer Kontrolle und viel zu abgelenkt von seiner eigenen Omnipräsenz“, schrieb Longson in seiner Autobiografie „Sam’s Story“. Der Streit zwischen Präsident und Trainer eskalierte. Longson hinterfragte Cloughs Spesenabrechnungen, kritisierte seinen steigenden Alkoholkonsum und verlangte die Einstellung der medialen Tätigkeiten. Clough hielt sich für mächtiger. Wie bei Hartlepools ließ er es zum Showdown kommen. Gemeinsam mit Taylor trat er zurück, in der Hoffnung, dass der Aufschrei unter Spielern und Fans den Präsidenten aus dem Amt spülen würde. Trotz wütender Proteste der Anhänger und eines angedrohten Spielerstreiks bot Longson dem Trainerduo keine Wiedereinstellung an. Clough hatte die Mannschaft verloren, die er niemals verlieren wollte.
44 Tage bei den Harten
Den selbst provozierten Abschied nannte er später den größten Fehler seines Lebens. Clough hing an keinem Job wie an diesem. Er liebte Derby, die Stadt, den Klub, die Fans, die Spieler. Wegen des guten Gehalts und seines Tatendrangs unterschrieb er rund zwei Wochen später beim Drittligisten Brighton & Hove Albion. Insgeheim hoffte er aber immer noch auf eine Rückkehr zu Derby, behielt auch seinen dortigen Wohnsitz und pendelte an die Südküste. Eine emotionale Bindung zu Brighton baute er nie auf – und war nach nicht einmal einem Jahr auch schon wieder weg.
Am 31. Juli 1974 unterschrieb Clough beim amtierenden Meister Leeds United und begann eine 44-tägige Amtszeit, die Schriftsteller David Peace später als Inspiration für den Roman „The Damned Utd“ diente. Leeds’ Erfolgstrainer Don Revie hatte nach dem zweiten Meistertitel den Klub verlassen, um englischer Teamchef zu werden. Er empfahl seinen langjährigen Spieler Johnny Giles als Nachfolger, doch Präsident Manny Cussins verpflichtete Clough – trotz Petitionen der Fans gegen ihn. „Wir wollten einen Trainer, der genau so groß ist wie die Spieler. Einen Siegertypen mit Erfahrung“, sagte er. Jahrelang hatte Clough wegen ihrer Härte und vermeintlichen Unsportlichkeit gegen Revies Mannschaft gehetzt. Nun sollte er die von ihm so verachteten Spieler trainieren. Spieler wie Norman Hunter, die Spitznamen wie „Bites Yer Legs“ trugen und stolz darauf waren. „Sie waren Meister, aber sie waren kein guter Meister“, sagte Clough. Bei einer der ersten Mannschaftssitzungen soll er seine Spieler aufgefordert haben, ihre Medaillen in den Mistkübel zu werfen: „Weil ihr keine davon fair gewonnen habt.“
Kein Feenstaub in Leeds
Cloughs erstes Spiel als Leeds-Trainer war der Supercup gegen Liverpool. Das Foto vom Einlauf in Wembley wurde ikonisch: vorne Clough, dahinter eine Mannschaft, die nicht seine war. Das führte sie ihrem Trainer in den folgenden 90 Minuten in aller Öffentlichkeit vor. Clough verlangte schönen Fußball, doch Leeds spielte
so brutal wie möglich. Der Gipfel war eine Rudelbildung rund um Liverpools Kevin Keegan und Leeds-Kapitän Billy Bremner, den Clough Jahre zuvor einen kleinen Betrüger genannt hatte. Beide wurden des Platzes verwiesen. Leeds verlor das Spiel im Elfmeterschießen, und auch der Start in der Meisterschaft misslang. Nach eineinhalb Monaten sah das Präsidium die Unvereinbarkeit zwischen Mannschaft und Trainer ein und entließ Clough.
„Man kann ein bisschen anders spielen, als Don spielen ließ, und trotzdem die gleichen Ergebnisse erzielen“, sagte Clough nach seinem Leeds-Abenteuer. „Vielleicht heißt das, die Utopie anzustreben. Vielleicht ist das ein bisschen dumm, aber so bin ich. Ich bin nun mal ein Idealist und glaube sogar an Feen.“ Clough kassierte von Leeds eine Abfindung in Höhe von damals astronomischen 100.000 Pfund und machte sich auf, mit Nottingham Forest eines der größten Fußballmärchen aller Zeiten zu schreiben.
Schaufenster und Lager
Das Stadion City Ground liegt am Ufer des Trent. „Ein herrlicher Fluss“, sagte Clough nach seinem Abschied aus Nottingham. „Das weiß ich, weil ich 18 Jahre lang darüber gegangen bin.“ Clough unterschrieb im Jänner 1975 beim damaligen Zweitligisten und holte umgehend McGovern und O’Hare, die ihm schon von Derby nach Leeds gefolgt waren. Wie in Leeds fehlte ihm aber auch in Nottingham zunächst sein wichtigster Vertrauter. Peter Taylor fühlte sich wohl in Brighton, er war nach Cloughs Wechsel zu Leeds dort Cheftrainer geworden. Eine Rolle, die seinem Naturell jedoch nicht entsprach. Während Clough das Scheinwerferlicht liebte, arbeitete der eher zurückhaltende Taylor vorzugsweise im Hintergrund. „In einem Laden wäre ich das Schaufenster und er das Lager”, sagte Clough einmal. Die beiden ergänzten sich perfekt und hatten ohne einander keinen Erfolg: Clough verpasste mit Nottingham den Aufstieg, Taylor mit Brighton. Im Sommer 1976 fanden sie schließlich wieder zusammen. „Gemeinsam können wir alles erreichen“, sagte Taylor.
Wie schon bei Derby übernahm Taylor die Aufgabe, Talente zu suchen. Im eigenen Kader fand er einen immer wieder verliehenen Mittelfeldspieler namens Tony Woodcock, den er Clough als Stürmer empfahl. Bald schoss Woodcock Tor um Tor und wurde Teamspieler. Oder John Robertson: übergewichtig, unzufrieden, ein Verkaufskandidat. Taylor nahm sich des Linksaußen an, trainierte individuell mit ihm und machte ihn in Cloughs Worten zum Picasso seines Spiels. Beim Amateurklub Long Eaton United entdeckte Taylor den Teppichverleger Garry Birtles, der nach dem Wechsel um 2.000 Pfund zum Stammstürmer in Nottingham wurde. Für die Abwehr empfahl Taylor Coventry Citys Larry Lloyd und Birmingham Citys Kenny Burns. Sie kamen von Abstiegskandidaten und wurden zum sichersten Innenverteidigerduo des Landes. Hinter ihnen stand bald Peter Shilton, auf dessen Verpflichtung der ehemalige Tormann Taylor ganz besonders gedrängt hatte.
Die Sternschnuppe
Cloughs Aufgabe war es, aus den versammelten Talenten eine Mannschaft zu formen. Taktisch vertraute er auf eine 4-4-2-Formation mit Fokus auf flachen Pässen, zwischenmenschlich auf ein autoritäres System und höchste Disziplin. Gefragt nach Streitgesprächen mit seinen Spielern, erklärte er: „Wir sprechen 20 Minuten und einigen uns am Ende darauf, dass ich recht habe.“ Clough war stets hart, aber auch fair, fand bei seinen Ansprachen meist die richtigen Worte, machte seine Spieler sichtlich besser und wurde dafür von ihnen verehrt. „Er hatte die Gabe, die richtigen Dinge auf die richtige Art und Weise zu sagen“, sagte McGovern und hielt es wie sein Trainer: „Er hatte immer recht.“
In ihrer ersten gemeinsamen Saison führten Clough und Taylor Nottingham zum Aufstieg in die erste Liga, in der zweiten holten sie den Titel und in der dritten und vierten den Landesmeistercup. Eine einmalige Leistung in der europäischen Fußballgeschichte. Im ersten Finale 1979 setzte sich Nottingham dank eines Treffers des kurz davor um die Rekordsumme von einer Million Pfund verpflichteten Trevor Francis mit 1:0 gegen Malmö FF durch. Die Vorarbeit lieferte Robertson, der Nottingham mit seinem Tor gegen den Hamburger SV im Jahr darauf zur Titelverteidigung schoss. So rasant die Mannschaft aufstieg, so rasant fiel sie anschließend wieder. „Wir waren wie eine Sternschnuppe am Himmel. Wir haben hell geleuchtet, aber nur kurz“, sagte McGovern später. „Aber wie hell wir leuchteten!“
Das Zerwürfnis
Nach den Triumphen verkaufte Clough innerhalb kürzester Zeit große Teile der Mannschaft, um Mittel für jüngere Neuzugänge aufzustellen. Anders als früher griffen er und Taylor bei Transfers nun aber immer öfter daneben, vielleicht auch weil sich die Beziehung zwischen den beiden verschlechterte und die Kommunikation spärlicher wurde. Wie einst Derby-Präsident Longson fühlte sich auch Taylor für seinen Beitrag an den Erfolgen nicht ausreichend wertgeschätzt – in Sachen Ruhm und vor allem auch in Sachen Geld. Clough kassierte schließlich für seine mediale Inszenierung nebenher große Summen. Um dem entgegenzuwirken und sich selbst Mehreinnahmen zu erwirtschaften, veröffentlichte Taylor nach dem zweiten Sieg im Landesmeistercup ohne vorherige Rücksprache mit Clough das Buch „With Clough, By Taylor“, in dem er detailliert von ihrer Zusammenarbeit und den Arbeitsweisen seines Partners berichtete. Für Clough war das ein Vertrauensbruch.
Einige Monate lang arbeiteten die beiden noch zusammen – oder auch gegeneinander, das war nicht mehr ganz klar. Im Sommer 1982 verabschiedete Taylor sich mit 53 Jahren in den Ruhestand. Wenige Monate später übernahm er überraschend den Trainerposten beim gemeinsamen Ex-Klub Derby und lotste kurz darauf auch Cloughs „Picasso“ Robertson dorthin. Der Transfer sollte zum endgültigen Bruch zwischen den einstigen Partnern werden. Clough nannte seinen langjährigen Assistenten eine Klapperschlange und sagte: „Wenn er eine Autopanne hätte und ich ihn am Straßenrand sehen würde, würde ich ihn nicht mitnehmen, sondern überfahren.“ Sieben Jahre lang sprachen sie kein Wort miteinander, dann starb Taylor. Clough bereute das Zerwürfnis. Tief getroffen besuchte er die Beerdigung und äußerte sich nur mehr wohlwollend über Taylor. „Ein Telefonat hätte alles gelöst“, sagte er. „In fünf Minuten hätten wir all die bösen Worte vergessen.“
Alle Wege führen zu Clough
Ohne Taylor wurden Nottinghams Siege seltener und Cloughs Durst größer. 1989 und 1990 coachte er seine Mannschaft auch dank der Tore seines Sohns Nigel noch zu Titeln im League Cup, wirkte dabei aber von seinem Alkoholismus schon gezeichnet. Zwei Jahre später beendete Clough seine Karriere, nachdem er mit Nottingham in der ersten Saison der neuen Premier League abgestiegen war. „Im Rückblick bin ich sicher, dass der Alkohol mein Urteilsvermögen in dieser letzten, verhängnisvollen Saison vernebelt hat“, schrieb er in seiner 2002 erschienenen zweiten Autobiografie „Cloughie. Walking on Water“. Er gab zu, Vorgänge auf dem Platz nicht mehr mitbekommen zu haben. „Wenn ich nicht gesoffen hätte, wären wir nicht abgestiegen.“
Nach dem Ende seiner Karriere kämpfte er gegen die Sucht und unterzog sich einer Lebertransplantation. Am 20. September 2004 verstarb Brian Clough im Alter von 69 Jahren an Magenkrebs. Gemeinsam betrauerten die sonst so verfeindeten Fanlager von Derby County und Nottingham Forest seinen Tod. Der Meister der Provokation war zum größten Idol zweier Lokalrivalen geworden. Clough-Statuen gibt es heute in Derby wie in Nottingham. Die Autobahn A52 zwischen den Städten heißt Brian Clough Way.
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