Yusuf Demir ist wieder da. Der 18-Jährige, der im Sommer nach Barcelona gewechselt war, kehrte im Jänner zum SK Rapid zurück. Mit einem Hochglanzvideo begrüßten die Wiener ihren Hoffnungsträger. Demir spaziert durch die Katakomben des Weststadions, begrüßt alte Weggefährten, neue Mannschaftskollegen und das Trainerteam. Im Hintergrund ist seine Stimme zu hören: „Ich freue mich sehr, dass ich wieder bei meinem Klub bin“, sagt er. „Willkommen zuhause, Yusi“ ist in weißer Schrift am Ende zu lesen.
Für österreichische Verhältnisse ist die Vorstellung des neuen alten Spielers hyperinszeniert. Die Aussage ist klar: Der verlorene Sohn kehrt heim, er soll jetzt in Hütteldorf zeigen, was in ihm steckt. Innerhalb von eineinhalb Jahren muss Demir damit zum dritten Mal enorm hohen Ansprüchen genügen. Schon als er im August 2020 sein erstes Tor für Rapid erzielte, war die Euphorie riesig. Das Wunderkind werde der Bundesliga seinen Stempel aufdrücken und dann in die weite Welt ziehen.
Dazu kam es nicht. Bei Trainer Dietmar Kühbauer war der Spielmacher meistens Reservist. Der Wechsel folgte trotzdem – auf Leihbasis zum großen FC Barcelona. Diesmal ergriff die Begeisterung nicht nur Rapidler, sondern beinahe die gesamte Fußballöffentlichkeit. Sie erreichte fast wahnwitzige Ausmaße. Weil im selben Transferfenster Lionel Messi nach Paris übersiedelte, mutmaßte man, ob der Wiener nicht bestimmt war, Nachfolger des Argentiniers zu werden. Auch daraus wurde nichts, nach neun Partien setzten die Katalanen Demir auf die Bank. Beim zehnten Einsatz hätte der Klub ihn um die vereinbarten zehn Millionen Euro verpflichten müssen. Der krisengebeutelte FC Barcelona eignet sich aktuell nicht als Schauplatz für eine Erfolgsstory.
Bei den ersten beiden Akten des Spektakels hielt sich Rapid zurück – und den jungen Star aus der Schusslinie. Die Hütteldorfer ließen die Medien nicht an ihn heran, monatelang gab es keine Interviews mit Demir. Das scheint zu dessen Persönlichkeit zu passen, er wirkt bei den wenigen öffentlichen Auftritten schüchtern, auf seinem Instagram-Kanal gibt es fast ausschließlich brave Matchfotos. Selfies und schnelle Autos sucht man vergeblich.
Mit seiner Rückkehr haben die Wiener ihre Strategie geändert. Das zeigt das vor Pathos triefende Video. Es ist klar, wieso Rapid das macht. Der Klub hat einen bescheidenen Herbst hinter sich, die Qualifikation für das obere Play-off ist nicht fix. Mit Demir lassen sich nun positive Schlagzeilen schreiben. Doch die Verantwortlichen sollten sein Talent nicht einer PR-Kampagne opfern. Demir wird Zeit und Spielpraxis brauchen, um in Topform zu kommen. Zu große Hoffnungen haben schon viele Talente gelähmt. Demir musste in den letzten 18 Monaten in den Rollen als Jahrhunderttalent, kommender Weltfußballer und neuerdings als Retter auftreten. Wenn Rapid nicht aufpasst, könnte sein vierter Akt ein trauriger werden.
Bearbeitung, 13. Februar, 10.00: Im gedruckten Heft sowie in einer früheren Version des Onlinetexts war im letzten Absatz zu lesen, dass Yusuf Demir nach seiner Rückkehr zum SK Rapid eine Vielzahl an Medientermine habe abspulen müssen. Das ist ein Fehler unsererseits, den wir nach einem Hinweis des Vereins (danke!) korrigiert haben. Wir haben die in Medien aufgenommenen Zitate aus einem Interview des Klub-TV des SK Rapid falsch verstanden. Der Verein betont, dass er Demir weiterhin schütze und ihn nicht einer PR-Kampagne „opfere“.