Da standen sie also nebeneinander: Brian Clough mit gehobenem Daumen und der bronzene Robin Hood mit Pfeil und Bogen. Wenige Wochen vor seinem Abschied als Trainer von Nottingham Forest im Frühling 1993 bekam Clough von der Stadt die prestigeträchtige Auszeichnung „Freedom of Nottingham“ verliehen. Der Ort für das Fotoshooting wurde nicht zufällig gewählt. „Es heißt, dass Robin Hood und Brian Clough die beiden berühmtesten Persönlichkeiten Nottinghams sind“, sagte die Stadtratsvorsitzende Betty Higgins. „Nicht anders als unser legendärer Held hat auch Mister Clough unserer Stadt Ruhm und Stolz beschert.“ Clough holte mit dem Meistercup zweimal den wichtigsten Titel des kontinentalen Klubfußballs ins kleine Nottingham. Hood kämpfte der Legende nach im Mittelalter für Gerechtigkeit, indem er die Reichen beraubte und den Armen half. In Sachen sozialem Engagement eiferte Clough Nottinghams Ikone nach.
„Sozialismus kommt vom Herzen“, sagte Clough einmal. „Ich habe das Glück gehabt, ein paar Pfund zu verdienen. Ich habe ein Auto und ein nettes Haus – und ich sehe keinen Grund, warum das nicht jeder haben sollte. Ich finde, alle sollten die gleichen Chancen haben.“ Im Gespräch mit dem ballesterer bezeichnet ihn sein Biograf Duncan Hamilton als leidenschaftlichen Linken. Ursprung dieser Einstellung sind wohl Cloughs Kindheit und Jugend in Middlesbrough, einer klassischen Industriestadt im Nordosten Englands. Die Arbeit war hart, das Geld knapp und die Lebensbedingungen schlicht. „Bei den dortigen Klubs waren mehr als die Hälfte der Zuschauer Bergarbeiter. Er konnte sich mit ihnen identifizieren“, sagt Hamilton. Genau wie seine älteren Trainerkollegen Bill Shankly und Matt Busby wollte auch Clough etwas zurückgeben. Die beiden arbeiteten anders als er einst sogar selbst im Bergwerk, ehe sie Liverpool und Manchester United zu internationalen Topklubs formten.
Champagner für alle
Sozialistische Prinzipien lassen sich auch in Cloughs Mannschaften erkennen. Erfolgsentscheidend waren auf dem Platz keine Individualisten, sondern das kollektive Kombinationsspiel. Damals wie heute werden Derbys und Nottinghams Triumphe weniger mit Spielern verbunden als mit ihrem Trainer. Das war Clough schon zu aktiven Zeiten klar, seine Bedeutung wollte er stets entsprechend vergütet wissen. Er fühlte sich chronisch unterbezahlt und legte sich bei seinem Streben nach einem höheren Gehalt regelmäßig mit den jeweiligen Klubpräsidenten an, was ihm den Vorwurf des Champagnersozialisten einbrachte. „Natürlich bin ich ein Champagnersozialist“, erwiderte Clough. „Der Unterschied zwischen mir und einem guten Tory ist, dass er sein Geld behält und ich meines teile.“ Oft teilte er laut seines Biografen Hamilton auch ganz ohne öffentlichkeitswirksames Aufheben. „Keiner weiß, wie viel er an wohltätige Organisationen gespendet hat. Es müssen Unmengen gewesen sein.“
Umstritten war Clough aber nicht nur wegen seines Strebens nach höheren Einkünften. Da wäre auch seine mutmaßliche Beteiligung an einem Schmiergeldskandal, als sich Clough unter anderem bei Teddy Sheringhams Verkauf an Tottenham Hotspur 1992 persönlich bereichert haben soll. Er stritt die Vorwürfe ab, der Prozess wurde wegen seines schlechten Gesundheitszustands 1998 eingestellt.
Ganz ohne Prozess machte sich Clough im Fall Justin Fashanu der Homophobie schuldig. Der damals 20-jährige Stürmer wechselte im Sommer 1981 um umgerechnet 1,25 Millionen Euro von Norwich City nach Nottingham, erbrachte aber nicht die erhofften Leistungen. Clough holte daraufhin Informationen über sein Privatleben ein, so erfuhr er von Fashanus Besuchen in Nottinghams schwuler Clubszene. Vor versammelter Mannschaft soll er seinen Spieler anschließend eine „verdammte Schwuchtel“ genannt haben. Der schwarze Fashanu hatte bei Spielen fortan nicht mehr nur mit rassistischen Beleidigungen zu kämpfen, sondern auch mit homophoben. Nottingham verließ er 1982 wieder. 1990 machte er als erster männlicher Fußballprofi seine Homosexualität öffentlich, 1998 nahm er sich das Leben. „Nach seinem Tod war ich traurig“, schrieb Clough später in seiner Autobiografie, „weil ich ihn während seiner Zeit bei Forest besser verstehen und ihm möglicherweise sogar helfen hätte können.“
Spenden für den Streikfonds
Als die Bergbauindustrie unter den konservativen Regierungen von Margaret Thatcher und John Major zerschlagen wurde, solidarisierte sich Clough mit den Bergarbeitern. Er ging bei Protestmärschen mit, hielt Ansprachen und verschenkte Karten für Nottingham-Forest-Spiele. Hier Clough mit Grubenlampe, dort Clough neben Kumpeln mit Schildern wie „Knock the Tories out. Sack Major not the Miners“, also „Weg mit den Torys. Schmeißt Major raus, nicht die Bergarbeiter“. Manchmal nahm er sogar Spieler zu den Märschen mit, um sie auf die Problematik aufmerksam zu machen. Und dann gibt es noch die Geschichte vom großen Bergarbeiterstreik 1984/85. Ein paar Kumpel sammelten rund um Nottinghams City Ground Spenden, woraufhin sie Clough in sein Büro gerufen und mit einer beträchtlichen Geldsumme unterstützt haben soll. Am darauffolgenden Samstag kehrten sie von sich aus zum Stadion zurück, um bei der Räumung des verschneiten Platzes mitzuhelfen, damit das angesetzte Spiel ausgetragen werden konnte.
Mit seiner Ablehnung der konservativen Regierung und seiner Unterstützung für die Bergarbeiter machte sich Clough für linke Organisationen interessant. Dieses Interesse erwiderte er gerne. So ließ er sich etwa zum Präsidenten der Anti-Nazi League wählen, einer breiten antifaschistischen Bewegung. „Oft haben ihn Labour-Politiker gefragt, ob er bei ihren Veranstaltungen Reden halten wolle. Wenn er nicht gerade seine Mannschaft bei einem Spiel betreuen musste, hat er immer zugesagt“, erinnert sich Hamilton. Zweimal bot ihm die Partei sogar eine Kandidatur als Parlamentsabgeordneter an. Mit seinem Charisma und seiner rhetorischen Klasse hätte Clough wohl einen hervorragenden Politiker abgegeben, den Fußball wollte er dafür aber nicht verlassen. Obwohl er die Angebote ablehnte, ziert heute ein Bild seiner Statue den Internetauftritt von Nottinghams Labour-Sektion.