Es ist kein Aprilscherz. Am 1. April 2007 erklärt Franz Grad, Präsident des SV Pasching, dass er die Lizenz des Vereins abgeben möchte. Einen Interessenten dafür gebe es auch schon, lässt er die Medien wissen. Der Schock ist groß. Die Paschinger haben sich in den Jahren zuvor zu einem Spitzenteam entwickelt, jetzt zieht sich der Hauptverantwortliche zurück. „Tri, Tra, Tralala in der Kasperlliga“ titelt die Kleine Zeitung am Tag danach.Ein Unterhausklub, der dank seines Präsidenten nach oben rast, im Europacup spielt und dann plötzlich verschwindet, als der Präsident die Lust verliert: Es klingt wie eine typische Geschichte aus dem Jahrzehnt der Dorfklubs, doch der SV Pasching ist mehr. Sein Fundament liegt in den Umwälzungen der 1990er Jahre, er profitiert von der Fusion der Linzer Klubs und dem Konkurs des FC Tirol.
VORSTADTBUBEN
Der Paschinger Sonderweg beginnt im Sommer 1996. Spediteur Franz Grad steigt damals als Mäzen beim maroden FC Linz ein. Mit einer seiner ersten Amtshandlungen macht er den SV Pasching, bei dem er schon seit 1993 Präsident ist, zum Farmteam. Sieben Jungprofis wechseln in die Linzer Vorstadt, sie sollen in der zweiten Landesliga Spielpraxis sammeln, darunter sind Markus Kiesenebner und Manfred Rothbauer, die Jahre später mit der Wiener Austria Meister werden. Beim FC Linz wird keiner von ihnen mehr sein Talent zeigen können. Im Mai 1997 wird der ehemalige Werksklub der VÖEST dem LASK eingegliedert, das Nachwuchsleistungszentrum wechselt den Besitzer. Der neue Linzer Großklub soll in der Bundesliga wieder um Meisterschaften spielen.
Für die jungen Kicker aber ist kein Platz, sie bleiben in Pasching. Auch Grad, der die Abwicklung des FC Linz vorangetrieben hat, konzentriert sich nun auf sein dortiges Amt. Unter Trainer Georg Zellhofer eilt das Team von Sieg zu Sieg. Schon 1998 steigen die Paschinger in die Regionalliga auf, Grad kauft um das junge Linzer Rückgrat eine Mannschaft aus Unterhausroutiniers und Talenten zusammen, die nach Höherem streben. Als den Paschingern in der Saison 1999/2000 gleich mehrere Überraschungen im Cup gelingen, sie Sturm und den FC Tirol besiegen und bis ins Halbfinale vordringen, stehen mit Mario Mühlbauer und Hannes Schürz immer noch zwei Spieler in der Startformation, die das Kicken im Nachwuchs des FC Linz gelernt haben. Das Paschinger Waldstadion ist damals ein klassischer Unterhausplatz: Es gibt nur eine Tribüne, der Großteil des Publikums steht direkt hinter den Werbetafeln oder sitzt auf Bierbänken.
TIROLER VERSTÄRKUNGEN
Nur zwei Jahre später steigen die Paschinger in die Bundesliga auf. Im selben Sommer geht der FC Tirol in Konkurs. Die Spieler des Serienmeisters sind plötzlich arbeitslos, sie überschwemmen den Markt. Wieder weiß Grad die Gunst der Stunde zu nutzen. Er holt Wolfgang Mair, Mario Sara und Edi Glieder. Glieder kommt mit Zellhofer bei einem Testspiel in Bad Ischl ins Gespräch, das der Stürmer privat besucht. „In Pasching hat das Umfeld gepasst. Und anders als in Tirol hat Grad sich an Verträge gehalten“, sagt Glieder dem ballesterer. Neben dem Präsidenten verfügt der Klub über weitere vermögende Geldgeber, auch das riesige Paschinger Einkaufszentrum Pluscity und das Investmentunternehmen Superfund sponsern den Klub.
Die erste Saison in der Bundesliga beenden die Paschinger als Fünfter, dann holen sie einen weiteren Schwung ehemaliger Tiroler. Roland Kirchler und Michael Baur unterschreiben im Sommer 2003, Christian Mayrleb kommt von der Austria. Noch während der Transferzeit sorgen die Paschinger für Furore. Im Intertoto-Cup stoßen sie ins Halbfinale vor, dort deklassieren sie den SV Werder Bremen im Waldstadion, das mittlerweile über vier Tribünen verfügt. „Das Match hat Spaß gemacht“, sagt Glieder. „Und ich habe mich in die Auslage spielen können.“ Mit zwei Toren hat er großen Anteil am 4:0-Sieg. Noch im selben Sommer wechselt er zum FC Schalke 04, gegen den Pasching das Finale des Bewerbs gerade verloren hat.
In den folgenden Saisonen werden die Paschinger Dritter und Vierter und scheitern in der UEFA-Cup-Qualifikation zweimal an Zenit Sankt Petersburg und der Auswärtstorregel. 2005 wird Mayrleb mit 21 Treffern Torschützenkönig. Die Mannschaft etabliert sich unter den besten Österreichs, im Bundesland ist sie die unbestrittene Nummer eins. Die Paschinger verkraften es sogar, als zahlreiche Schlüsselkräfte 2005 ihre Zelte abbrechen. Patrik Jezek – ein weiterer Ex-Tiroler, der in Pasching eine vorübergehende Heimat gefunden hat –, Kirchler und Mayrleb folgen den Rufen und dem Geld von Dietrich Mateschitz und wechseln zu Red Bull Salzburg, Zellhofer wird Trainer beim SK Rapid. 2006 werden die Oberösterreicher unter Dietmar Constantini abermals Dritter, im UEFA-Cup scheitern sie an Livorno.
AB IN DEN SÜDEN
Als Grad im April des darauffolgenden Jahres die Bombe zündet, liegt die Mannschaft auf Platz vier. Sie ist geschockt. Constantini weiß von nichts, widerspricht seinem Chef aber nicht: „Wenn er das gesagt hat, dann ist das zu akzeptieren“, sagt er den Salzburger Nachrichten. Auch Tormann Josef Schicklgruber ist überrascht: „Wir haben bis jetzt noch nichts gehört. Er ist auf Urlaub. Ich hoffe, er überlegt es sich noch.“
Was Grad vor seiner Entscheidung durch den Kopf gegangen ist, wird er öffentlich nie erklären. Vielleicht war es die Angst vor dem Schicksal der Grazer Klubs, deren Konkurse in derselben Saison die Liga erschütterten, oder die Entscheidung der Gemeinde Pasching, den Förderbetrag zu reduzieren, gegen die er öfter polterte. „Er war manchmal sehr impulsiv“, sagt Glieder. „Wenn wir schlecht gespielt haben, ist der kleine Mann mit dem schwarzen Kapperl am nächsten Tag zum Training gekommen und hat getobt.“
Am 10. Mai 2007 beschließt der SV Pasching die Verlegung seines Vereinssitzes nach Klagenfurt, den Namen ändert er in SK Austria Kärnten. Die Kärntner jubeln, Landeshauptmann Jörg Haider hat endlich einen Bundesligisten, der im für die EM 2008 gebauten Wörtherseestadion spielen kann. Doch der Klagenfurter Klub wird nie besser als Sechster werden, im Juni 2010 stellt er den Spielbetrieb ein. Grad hat seither weitere Vereine wie den ASKÖ Oedt und den SV Urfahr im Unterhaus unterstützt, ins Profigeschäft ist keiner davon vorgedrungen.