Am 6. Juni 2008 geht der Traum von Alois Resch in Erfüllung. Seit ein paar Wochen steht der Meistertitel des 1. FC Vöcklabruck fest, das 2:2 gegen den SV Feldkirchen ist nur noch Formsache. Nach dem Auswärtsmatch geht es mit dem Bus zurück nach Oberösterreich, in das Lenzinger Lichtspielhaus, ein Kino, das auch als Veranstaltungszentrum dient. Dort feiern die Vöcklabrucker bis tief in die Nacht. Sie haben es sich verdient, die Mannschaft des ehemaligen polnischen Internationalen Andrzej Lesiak hat die Konkurrenz deklassiert. 13 Punkte beträgt der Vorsprung in der Regionalliga Mitte auf den Zweiten. Der Titel bedeutet den Aufstieg in die zweite Liga. Der Klub, der keine zehn Jahre davor noch im Nirgendwo des oberösterreichischen Unterhauses gespielt hat, betritt die landesweite Bühne.
Resch lacht viel, wenn er heute diese Geschichte erzählt. Er hat sie ermöglicht. Der heute 64-Jährige war Präsident und Hauptsponsor des Klubs, sorgte dafür, dass die Spiele im Vöcklabrucker Voralpenstadion im ganzen Land ausgestrahlt wurden und auf dem Rasen talentierte Profis kickten. „Viele haben an mir gezweifelt“, sagt Resch. „Aber ich habe es geschafft.“
Vermessung der Provinz
Der Vöcklabrucker Höhenflug fällt in ein Jahrzehnt des Wandels in Österreich. Dem Land gehen die Gewissheiten verloren. Wolfgang Schüssel wird im Februar 2000 Kanzler der ersten Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ, das Rundfunkmonopol des öffentlich-rechtlichen ORF fällt, und die EU-Erweiterung öffnet die Grenzen zu Ländern, die noch vor Kurzem hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Für Leute, die Geschäfte machen wollen, herrscht Aufbruchsstimmung. Auch im Fußball. Vöcklabruck ist nicht der einzige Newcomer im Profigeschäft. In einer wahren Massenbewegung bahnen sich Klubs aus dem Unterhaus den schnellsten Weg nach oben. Der Spitzenfußball, der sich in seinen Anfangsjahren auf Wien beschränkte und in den 1960er Jahren die Landeshauptstädte erreichte, hält um die Jahrtausendwende Einzug in der Provinz: 1996 steigt der TSV Hartberg in die zweite Liga auf, 1998 der SV Wörgl, im Jahr darauf der SC Untersiebenbrunn. Ihnen folgen bis zum Aufstieg Vöcklabrucks Vereine aus Bad Bleiberg, Mattersburg, Pasching, Gratkorn, Schwanenstadt und Bad Aussee. Auch der SCR Altach etabliert sich in jenen Jahren im Profigeschäft. Die weißen Flecken der Fußballlandkarte werden mit neuen Orten und kuriosen Klubnamen bunt eingefärbt.
An ihrem Höhepunkt kämpfen die Dorfklubs um die Vorherrschaft in der Liga. Die Erschütterung der Machtverhältnisse demonstriert die Saison 2006/07. Im Jahr, bevor Alois Resch in Lenzing jubelt, freuen sich die Kicker von Red Bull Salzburg über ihren ersten Meisterteller. Zweiter wird die SV Ried, Dritter der SV Mattersburg, Pasching hinter Rapid Fünfter. Die übrigen alten Größen landen im Mittelfeld oder gleich am Tabellenende. Gebeutelt durch den Strafabzug von 28 Punkten steigt der GAK, der Meister von 2004, ab.
Westwind in Hütteldorf
Es ist schwer zu sagen, wann diese Epoche beginnt, wahrscheinlich läutet sie auch nicht ein einzelnes Ereignis ein. Doch am 19. Mai 1998 weht der neue Wind schon sehr stark durch das Wiener Gerhard-Hanappi-Stadion. An diesem Dienstagabend geht es um den Cup. Der SK Sturm, Sieger der letzten beiden Auflagen, trifft im Finale auf die SV Ried, die drei Jahre zuvor in die Bundesliga aufgestiegen ist. Die große Mannschaft der Grazer um Ivica Vastic, Hannes Reinmayr und Mario Haas bringt keinen Fuß auf den Boden. Schon nach zehn Minuten trifft Goran Stanisavljevic per Elfmeter für die Innviertler, nach einer halben Stunde erhöht Herwig Drechsel auf 2:0. Der Anschlusstreffer von Reinmayr zwei Minuten vor Schluss kommt zu spät, den Riedern ist der Cup nicht mehr zu nehmen.
Sie sind nicht der erste Sensationssieger in diesem Bewerb. 1988 hat der Kremser SC gewonnen, drei Jahre später der SV Stockerau. Bemerkenswert am Sieg der Rieder ist die Art und Weise, wie ihn sich die junge Mannschaft erspielt. „Der Pokalsieger 1998 im österreichischen Fußball heißt SV Ried. Und eigentlich nicht einmal unverdient“, sagt ORF-Kommentator Robert Seeger kurz vor dem Schlusspfiff in sein Mikrofon.
Aufwärts im Innkreis
Mit 12.000 Einwohnern ist Ried ungefähr so groß wie Vöcklabruck, die beiden Bezirkshauptstädte sind rund 40 Autominuten voneinander entfernt. Vier höhere Schulen gibt es in Vöcklabruck und eines der größten Spitäler des Landes, doch die Stadt fristet im industriell geprägten Voralpenland ein unscheinbares Dasein. Ried hingegen hat schon lange überregionale Bedeutung, die es nicht zuletzt seiner Landwirtschaftsmesse verdankt. Auch die beiden Fußballvereine unterscheiden sich stark. Im Innviertel geht es schon bergauf, als Alois Resch von der Bundesliga in Vöcklabruck noch nicht einmal träumt. Der Aufwärtstrend der Rieder setzt Ende der 1980er Jahre ein. 1988 und 1990 wird der Verein Meister in der Landesliga, scheitert aber in der Relegation am Aufstieg in die zweite Division. 1991 ist es schließlich so weit. In die Bundesliga steigen die Rieder nur vier Jahre später auf. 8.000 Zuschauer kommen zum Relegationsspiel gegen den FC Linz, bei dem Stanisavljevic – per Elfmeter – nach 55 Minuten alles klarmacht.