Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Petar Rosandic einfach genug vom Zuschauen hatte. Gemeinsam mit Freunden packte er einen Kombi voll mit Spenden und machte sich auf die Reise. Ziel war damals im Sommer 2019 das Flüchtlingscamp Vujcak bei Bihac in der kroatisch-bosnischen Grenzregion. Das dort Erlebte hinterließ Eindruck. Und zwar keinen guten. Der Schockzustand diente als Antrieb, und Rosandic gründete die Hilfsorganisation SOS Balkanroute. Die bis heute mehrfach ausgezeichnete Initiative organisiert laufend Transporte zu den Lagern an der EU-Außengrenze und versorgt die dort Gestrandeten mit Hilfsgütern.Der Fußball spielt dabei immer wieder eine Rolle. Etwa als Eisbrecher. „Wenn du einen Ball mitnimmst, egal in welches Camp, ist er zwei Minuten später weg, weil jemand damit spielt. Fußball ist immer eine Eintrittskarte“, sagt Rosandic. Er sitzt gemeinsam mit einer Kollegin von SOS Balkanroute in einem Café am Wiener Karmelitermarkt. Hinter dem Duo liegt eine ausgedehnte Tour, auf der sie Infomaterial zur anstehenden Großsammlung im Bezirk verteilt haben. Beide wirken erschöpft, nach anfänglich gemächlichem Tempo sprudeln die Geschichten aber immer schneller aus Rosandic heraus. Und immer wieder geht es um Fußball.
Spuren der Geschichten
Zum Beispiel, wenn er vom afghanischen FIFA-Schiedsrichter Ibrahim Rasool erzählt, den er in einem der Camps getroffen hat. Seine Geschichte war im Herbst 2021 Thema in internationalen Medien. „Ibrahim ist ein sehr netter Typ. Er spielt immer mit den Kindern Fußball, auch unter den elendigsten Bedingungen“, sagt Rosandic. „Wir haben die FIFA angeschrieben, um etwas zu bewirken. Gebracht hat es bisher nichts.“ Oder die Geschichte eines marokkanischen Jugendlichen, der für seinen Traum vom Profifußball die Gefahren einer Flucht auf sich genommen hat. „Er hat uns davon erzählt, wie mafiös der Fußball in Marokko organisiert ist: Er hätte sich einen Kaderplatz erkaufen müssen, deswegen ist er nach Europa geflüchtet. Er war erst 19, als wir ihn getroffen haben.“ Nur zwei von zahlreichen Einzelschicksalen. „Solche Geschichten gehen nicht spurlos an dir vorbei. Auch wenn du noch so sehr versuchst, dich zu professionalisieren“, sagt Rosandic. „Die meisten von uns, die längere Zeit in den Camps verbringen und viele persönliche Kontakte haben, werden in einer Supervision psychologisch betreut.“
Zurück zum Fußball. Kurz nachdem Rosandic und seine Mitstreiter SOS Balkanroute ins Leben gerufen hatten, gab es bereits erste Unterstützungsaktionen. „Pioniere waren die Fans vom Wiener Sport-Club und der Vienna. Als noch kein Mensch groß von uns gehört hat, haben sie schon für uns gesammelt.“ Zweiter wichtiger Anknüpfungspunkt: die Initiative fairplay, die sich seit 1997 gegen Diskriminierung im Fußball engagiert. „Sie haben immer wieder Trainingsanzüge und warme Kleidung von diversen Vereinen organisiert.“ Das HipHop-Label Honigdachs sammelte 10.000 Euro – ihren Ursprung hatte die Aktion auch in der Fanszene der Wiener Austria.
Apropos HipHop, auch Rosandic hat schon als Rapper „Kid Pex“ von sich hören lassen. Sein Album „Becko cudo“, Wiener Wunder, schaffte es 2010 in die Charts. Die Karriere zog merklich an, „Kid Pex“ gehörte zu den größeren Nummern in der österreichischen Szene. Für Rap bleibt heute allerdings kaum noch Zeit. Rosandic, der 1991 als Flüchtling nach Österreich kam und sich schon vor der Gründung von SOS Balkanroute in diversen Hilfsprojekten engagierte, arbeitet mittlerweile hauptberuflich für seine Initiative.
Osims Wirkung
Die Unterstützung von den Profiklubs war bisher überschaubar, aber es gibt sie. Besonders der FC Wacker Innsbruck und der SK Sturm Graz taten sich hervor. „Die Innsbrucker haben uns um die 50 warme Klubjacken geschenkt, von Sturm ist sogar schon mehrmals etwas gekommen. Zuletzt waren es 600 Baumwollschals, die wir im Camp Lipa verteilt haben. Man kann Sturm nur danken, sie sind den anderen Bundesliga-Klubs weit voraus.“ Warum gerade Sturm? Rosandic sagt: „Ich denke, das hat mit dem Wirken von Ivica Osim zu tun, die Verbindung zum Balkan ist intensiver. Er war der letzte jugoslawische Teamchef und hat immer eine Vielvölkeridee vertreten.“ Eine Einschätzung, die Dominik Neumann teilt. Er ist als Fanbeauftragter der Grazer für die Zusammenarbeit mit SOS Balkanroute zuständig. „Dank unseres Jahrhunderttrainers haben wir schon länger eine gute Verbindung zu Bosnien-Herzegowina. Ivica Osim hat dem Verein nicht nur viel über Fußball mitgegeben, sondern auch über Solidarität und Menschlichkeit“, sagt er. „Wir möchten nicht einfach wegschauen, wenn Menschen nur wenige Kilometer von Graz entfernt unter schwierigsten Bedingungen ausharren müssen. Es freut uns, wenn wir zumindest einen kleinen Teil zur Verbesserung der Lage beitragen können.“
Warum sich der Profifußball bis auf ein paar Ausnahmen derart zurückhält, darüber hat sich Petar Rosandic Gedanken gemacht. „Die Branche ist mittlerweile so kommerziell, dass Fußballer oft nicht politisch Stellung beziehen wollen. Ich hoffe, dass irgendwann auch ein bekannterer Spieler kommt, der im Grunde nichts anderes tun will, als die Menschlichkeit zu verteidigen.“ Die Unterstützung aus der Zivilgesellschaft sei jedenfalls enorm. Sie beschränkt sich nicht nur auf Sammlungen überall in Österreich. So organisierte die Schüler*innenschule in Wien etwa gemeinsam mit SOS Balkanroute ein Projekt, an dessen Ende am 10. Mai ein Benefizkonzert mit „Kid Pex“ im Line-up steht.
Zur Spendensammlung am 12. Februar im Wiener WUK haben 38 Organisationen aufgerufen. Quer über ideologische Gräben hinweg. „Von der radikalen Linken bis zur Volkshilfe, von der Muslimischen Jugend bis zur Katholischen Aktion. Außerdem sind alle Jugendorganisationen der im Nationalrat vertretenen Parteien dabei. Bis auf FPÖ und ÖVP, die haben wir nicht gefragt“, sagt Rosandic. „Uns ist im Grunde wurscht, woher jemand kommt. Diese Breite ist auch unser Ziel. Wir waren mit Nonnen genauso in den Flüchtlingscamps wie mit Punks und lesbischen Pärchen.“