Nacheinander betreten die Spieler das Medienkammerl des Austria-Stadions. Die Nummern 23, 27 und 77 zieren ihre Trainingsanzüge. Sie nehmen routiniert vor den Mikrofonen Platz, aber als es darum geht, das Aufnahmegerät zu testen, stellen sich die drei etwas zögerlich vor: „Matthias Braunöder“, „Aleksandar Jukic“, „Romeo Vucic“. Sie sind 20, 21 und 19 Jahre alt, werden aber hoch gehandelt. Die Wiener Austria durchläuft seit einem Jahr eine Umbruchphase, aufgrund eines massiven Schuldenbergs setzt sie auf die Ausbildung und Einberufung ihrer Eigenbauspieler. Der Plan hat sportlich funktioniert, die Austria beendete die Saison auf dem dritten Platz und spielt nächste Saison europäisch.
Abendessen im Käfig
Mitverantwortlich dafür sind die Gesprächspartner an diesem verregneten Vormittag im April: Braunöder, Jukic und Vucic sind in kürzester Zeit zu Leistungsträgern geworden. Ihr Weg ins violette Trikot gestaltete sich jedoch unterschiedlich. So hoffte Romeo Vucic als Zehnjähriger noch auf eine Karriere in Grün. „Damals bin ich bei Rapid aussortiert worden, wenig später habe ich mich aber im Nachwuchs und der Akademie der Austria etabliert“, sagt der 19-jährige Mittelstürmer. Seine Hütteldorfer Vergangenheit liefert den Teamkollegen während des Gesprächs mehrfach Gelegenheit für Sticheleien.
Für den Erzrivalen zu spielen, kam für den Blondschopf zu Vucics Linken auch als Bub nicht infrage: „Mein Papa und ich waren immer Austria-Fans“, sagt Matthias Braunöder. Der Mittelfeldspieler fand früh einen Platz bei seinem Lieblingsklub. Bei einem Sichtungstraining konnte sich der Burgenländer einen Platz im U9-Kader erspielen. Das Pendeln der fast 60 Kilometer zwischen dem Trainingsplatz in Wien und seinem Heimatort Krensdorf im Bezirk Mattersburg machte die ersten Jahre in der Hauptstadt nicht einfach: „Zu Beginn war es eine ziemlich große Umstellung, aber ich habe mich mit der Zeit darauf einstellen können“, sagt Braunöder.
Aleksandar Jukic, der Dritte im Bunde, lernte den Fußball im Käfig in Wien-Simmering kennen: „Ich habe dort meine ganze Kindheit verbracht. Der Käfig war fünf Minuten von zu Hause entfernt, aber ich habe es nicht geschafft, nach Hause zu gehen“, sagt er. „Meine Mutter hat mir das Essen in den Käfig bringen müssen.“ Schließlich kam er zur Jugend des 1. Simmeringer SC und landete dann in der Austria-Akademie. Was er im Käfig gelernt hat, versucht Jukic auch weiterhin zu nutzen, aber mit Maß und Ziel: „Im Profifußball muss man aufpassen: Wer blöd auffällt, wird schnell aussortiert. Man muss die richtige Balance finden.“
Nach den eigenen Qualitäten befragt, sagt Braunöder, er sehe sich als klassischen Box-to-Box-Spieler. Als Allrounder versuche er, an beiden Enden des Platzes zu glänzen. Vor dem gegnerischen Tor möchte er aber gefährlicher werden. In der vergangenen Saison legte er sechs Tore auf und erzielte eines selbst. Vucic findet, dass seine Vielseitigkeit im Angriff für ihn spreche. Er hoffe, mit wachsenden Spielanteilen künftig noch mannschaftsdienlicher agieren zu können. „Ich rede ungern über meine Stärken und Schwächen“, sagt Jukic, der in der abgelaufenen Saison bei 26 Einsätzen fünfmal traf. „Ich bin der Typ Spieler, der einfach spielt und die anderen bewerten lässt.“
Intensive Jugend
Bewerten können die drei die neue Vereinsphilosophie. „Es wird nicht bloß davon geredet, den jungen Spielern eine Chance zu geben. Alle erhalten ihre Einsatzzeit“, sagt Braunöder. Sportdirektor Manuel Ortlechner und Trainer Manfred Schmid würden an die Jungen glauben, die danken es ihnen mit Leistung. „Da wir aktuell gut performen, belohnt uns der Trainer mit dem nötigen Vertrauen“, sagt Vucic, der in der abgelaufenen Saison auf neun Einsätze in der Bundesliga und zwölf in der zweiten Liga gekommen ist. „Folglich haben wir mehr Zeit, uns zu beweisen und bessere Leistungen zu erbringen.“ Überhaupt erhält Schmid gute Noten von seinen Schützlingen. „Durch seine gelassene Art schafft er es, uns den Druck zu nehmen, um frei spielen zu können“, sagt Braunöder. „Er legt großen Wert darauf, wie es uns geht“, ergänzt Kollege Jukic. Sportdirektor Ortlechner kann bei den Talenten durch seine Spielerkarriere punkten. „Er ist anders als die üblichen Sportdirektoren“, sagt Jukic, ehe Adjektive wie „leiwand“, „modern“ und „jünger“ als Ergänzungen durch den Raum fliegen. „Er gibt die Marschrichtung vor. Unseren neuen Weg hat er geschaffen“, sagt Braunöder.
Der Burgenländer, an dem die TSG Hoffenheim Interesse haben soll, wurde zum Newcomer der Saison gekürt. Er profiliert sich auch während des Gesprächs als Führungsfigur. Etwa wenn er die Veränderungen im Spielsystem beschreibt. „Wir haben es geschafft, uns defensiv kompakt zu formieren, um sowohl pressen als uns auch zurückziehen zu können“, sagt Braunöder. Vucic ergänzt das alte Austria-Dogma: „Dem Grundgedanken von Spielwitz und Ballbesitz ist man durchaus treu geblieben. Dadurch, dass wir nun über viele junge Spieler verfügen und ein frischer Wind weht, spürt man unsere Intensität noch mehr.“
Allein am Ruder sind die jungen Spieler nicht. Veteranen wie Markus Suttner und Alexander Grünwald waren in ihrer letzten aktiven Saison Vorbilder im Team. Von ihren Ratschlägen – sowohl auf als auch abseits des Platzes – profitierten die Jungen. „Eine gewisse Hierarchie sollte vorhanden sein, es gibt auch einige Chefs in der Mannschaft“, sagt Braunöder. „Wir können mit den älteren Spielern aber auf Augenhöhe reden.“
Privilegierter Alltag
Für Vucic ist die Mischung aus jugendlicher Energie und langjähriger Erfahrung das Kennzeichen der Austria von heute. „Früher war es schwieriger, in die Kampfmannschaft zu gelangen“, sagt auch Mitspieler Jukic. „Es sollte immer das Ziel sein, die Eigenbauspieler hochzuholen.“ Doch der Übergang in den Profifußball ist nicht einfach, das bestätigen alle drei. „In der Bundesliga geht es nur um Resultate. Dabei ist es wichtig, sich der Mannschaft unterzuordnen, um im Kollektiv erfolgreich zu sein“, sagt Vucic. „Diese Aspekte kommen in der Akademie nicht so sehr zum Vorschein.“ Den Druck mache man sich aber hauptsächlich selbst, fügt Braunöder hinzu.
„Es gibt nichts Besseres, als seine Leidenschaft zum Job zu machen“, sagt der ehemalige Käfigkicker Jukic. Auf die Frage, wie das Leben eines jungen Profis aussieht, antwortet er ohne Zögern: „Schön, sehr schön.“ Sie hätten ein privilegiertes Leben, sagt Braunöder über den Alltag, der gefüllt ist mit Trainingseinheiten, Spielen, viel Freizeit und, im Fall von Vucic, Schule. Wie ein echter Beruf fühle sich der Fußball für die Jungprofis vielleicht deswegen nur selten an. Dass ihr Leben anders ist als das der Altersgenossen, mache ihnen manchmal aber auch zu schaffen. „Man würde gerne einmal am Abend länger ausbleiben“, sagt Braunöder, wird aber im nächsten Moment von Jukic unterbrochen: „Auf solche Dinge müssen wir als Profis verzichten.“ Der Spaß komme aber dennoch nicht zu kurz. „Ab und zu gehört Feiern natürlich dazu, aber alles zu seiner Zeit“, sagt Jukic und verzichtet darauf, weitere Details zu verraten.
Der europäische Traum
Die drei sind eher zurückhaltende Interviewpartner. „Als Fußballer muss man genau aufpassen, was man in der Öffentlichkeit sagt, da man schnell in die Kritik gerät“, sagt Braunöder. Dass sie als Profis plötzlich zu Vorbildern werden, sei ihnen bewusst, manchmal seien daher auch klare Bekenntnisse nötig. „Bei Themen wie dem Kampf gegen Rassismus und dem Krieg in der Ukraine ist es wichtig, den Fußball als Plattform zu nutzen“, sagt Vucic. „Solche Missstände dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden.“
Der rasche Aufschwung der Wiener Austria überraschte viele Beobachter. „Zu Saisonbeginn sind wir noch mit dem Rücken zur Wand gestanden“, sagt Braunöder. Jetzt geht der Klub mit einem Europacupstartplatz in die Sommerpause – und die Spieler träumen davon, einmal in eine Topliga zu wechseln. „Die Austria ist hierfür ein geeignetes Sprungbrett“, meint Jukic und denkt dabei vielleicht an den ehemaligen Teamkollegen Patrick Wimmer, der im Vorjahr in die deutsche Bundesliga gewechselt ist. Auf die Frage nach einem Wunschverein reagiert Braunöder mit einer Gegenfrage: „Realistisch gesehen?“ Kurz darauf fallen Namen wie Barcelona und Inter. Von dort ist der Weg nicht weit zu Rapids Yusuf Demir. Auch wenn dessen Engagement in Katalonien nur kurz war, beneiden ihn die Spieler des Stadtrivalen darum. „Mit 18 Jahren bei Barcelona spielen zu dürfen ist beeindruckend“, sagt Braunöder. „Diese Erfahrung kann ihm keiner mehr nehmenn.“