„Frau Kupfer, eine heiße Schokolade bitte“, ruft ein in den Vereinsfarben gekleideter Bub am Kiosk des Neuköllner Fußball-Clubs Rot-Weiß Berlin. Es ist ein typischer Aprilsonntag auf der Sportanlage Maybachufer im nördlichsten Zipfel Neuköllns, direkt am Landwehrkanal. Draußen auf dem ausgeblichenen teppichartigen Kunstrasenplatz, umgeben von einer Laufbahn und zwei moosbewachsenen Stehplatztribünen, wird unterklassiger Fußball gespielt. Das Heimteam, die erste Mannschaft des NFC Rot-Weiß, verteidigt die Tabellenführung in der Kreisliga B, Berlins zweitniedrigster Spielklasse.
Casino an der Mauer
Zu den Heimspielen des NFC Rot-Weiß, der im Mai 2022 sein 90-jähriges Jubiläum feierte, kommen in der Regel kaum Zuschauer. Das ist auch an diesem Sonntag nicht anders. Aber eine Person ist immer da. Sie kennt alle im Verein, und alle kennen sie. Kein Wunder: Christa Kupfer, die 83-jährige Betreiberin des Kiosks im Vereinshaus, hat ihr Leben auf dem Sportplatz verbracht, und das obwohl sich ihre Begeisterung für Fußball in Grenzen hält. Ihr Leben ist eine Liebeserklärung an eine vergangene Zeit, in der die sozialen Beziehungen im Viertel durch den Vereinsfußball geprägt waren. Wie keine andere hat sie die Höhen und Tiefen in der Geschichte des NFC Rot-Weiß miterlebt.
Seit 1957 war Frau Kupfer jeden Tag auf der Sportanlage Maybachufer. Die einzigen Ausnahmen: die Weihnachtsfeiertage, ein vierwöchiger Sommerurlaub im Jahr 1961 und die eineinhalb Jahre dauernde Unterbrechung des Spiel- und Trainingsbetriebs während der Coronapandemie. 1957 – Christa Kupfer war 19 Jahre jung – entschloss sich ihr etwas älterer Mann, im Erdgeschoss der direkt an den Fußballplatz grenzenden Fabrik eine Gaststätte zu eröffnen. Die oberen Stockwerke des Gebäudes waren vom Krieg weitgehend zerstört, das Sportamt erteilte dennoch die Genehmigung. Das Sport-Casino Maybachufer inklusive Imbiss und Kiosk war geboren.
Frau Kupfer war von der Aussicht, eine Sportbar zu betreiben, nicht begeistert. Fußball war ihr fremd. „Oh Gott, das schaffe ich nicht. Du ein so ordentlicher Mensch, und dann hier diese Fußballer zu Gast? Das ist ja schlimmer wie Knast!“, habe sie damals zu ihrem Mann gesagt. Doch sie ist geblieben. Im einzigen Urlaub, im Juli 1961, fuhren sie zu zweit in ihrem Opel Kapitän quer durch Deutschland und bis in die Schweiz. Unmittelbar nach der Rückkehr im August beobachtete Frau Kupfer vom Dach des Vereinshauses, wie Grenzsoldaten direkt hinter dem Sportplatz Stacheldraht ausrollten und die Berliner Mauer errichtet wurde. In den Fabrikshallen über ihrem Sport-Casino ließ sich ein Hersteller von Glücksspielautomaten nieder, der mehrere hundert Arbeiter beschäftigte. 40 Pfennig kostete damals ein großes Helles in der Gaststätte.
Fußballer und Arbeiter
In den folgenden Jahrzehnten war Frau Kupfers Alltag vom Fußballbetrieb und den Schichten in der Fabrik geprägt. Unter der Woche versorgte sie die Fabrikarbeiter in der Früh mit Semmeln und Kaffee, später auch mit einem Mittagsmenü. Abends kamen die Fußballer nach dem Training auf ein Bier vorbei und blieben nicht selten bis tief in die Nacht. Vereinssitzungen wurden bei Frau Kupfer abgehalten, Feste aller Art gefeiert. Das Sport-Casino war eine beliebte Adresse geworden, auch eine Ortsgruppe der Neuköllner SPD traf sich hier regelmäßig. „Ich bin kaum zum Schlafen gekommen, täglich 20 Stunden Arbeit waren keine Seltenheit“, sagt Christa Kupfer. Sie und ihr Mann richteten sich in einem Nebenraum der Gaststätte ein Bett ein und übernachteten öfters dort. w
Im Wohnbereich hatte das Ehepaar später auch einen Fernseher. Auf diesem hat sich Frau Kupfer 1974 ihr erstes und, wie sie sagt, bis heute einziges Fußballspiel im TV angeschaut. Westdeutschland spielte bei der WM. „Gegen wen kann ich nicht mehr sagen, aber Deutschland hat gewonnen“, erzählt sie. Wenige Jahre zuvor erlebte der NFC Rot-Weiß den Höhepunkt der Vereinsgeschichte: 1972 gelang dem Klub der Aufstieg in die Berliner Regionalliga, die damals zweithöchste Spielklasse. Er musste aber nach einer Saison wieder absteigen.
Wechselvolle Geschichte
Überhaupt ist die Vereinsgeschichte von zahlreichen Rückschlägen geprägt. 1932 als Neuköllner FC Arsenal gegründet, wurde dem Verein bereits ein Jahr später die polizeiliche Auflösung angedroht. Nicht nur der an das Londoner Vorbild angelehnte Vereinsname war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Vor allem aufgrund der Solidarisierung und Fusion mit dem bereits verbotenen Arbeitersportverein Eintracht Neukölln wurden die Funktionäre angegriffen. Nur eine Eingliederung in den Turnverein Friesen rettete den Klub. Seit 1955 tritt er unter dem Namen NFC Rot-Weiß auf.
Bis zur Wende 1990 spielte der Verein nahezu durchgehend in der Landesliga, Berlins zweithöchster Spielklasse. Danach kam die Kampfmannschaft jedoch kaum über die Kreisliga hinaus. Daran änderte auch die Übernahme von zahlreichen Spielern des Rixdorfer FC Südstern nichts, nachdem sich dieser 1997 aufgelöst hatte. Südstern, ein Klub zu dessen Mitgliedern Frau Kupfer eine besonders enge Verbindung pflegte, war ebenfalls an der Sportanlage Maybachufer beheimatet. Christa Kupfers Ehemann sollte all das nicht mehr erleben. Als er im Sommer 1989 verstarb, wollte sie das Sport-Casino eigentlich verkaufen. „Dazu bin ich dann aber nicht gekommen, ich war ja mit Arbeit eingedeckt“, sagt sie. „Außerdem war der Verein damals für viele noch der Lebensmittelpunkt.“ Sie führte Gaststätte und Kiosk alleine weiter.
Brennpunktklub
Trotz des überschaubaren sportlichen Erfolgs hat sich der NFC Rot-Weiß in den vergangenen Jahrzehnten einen guten Ruf im Jugend- und Sozialbereich erarbeitet. Vereinsobmann Ülver Sava verweist im Gespräch mit dem ballesterer auf den mit 10.000 Euro dotierten zweiten Platz beim Integrationspreis des DFB im Jahr 2009. Durch Maßnahmen wie die Gründung eines Teams für Mädchen mit und ohne Kopftuch, die gezielte Einbindung von Eltern in die Vereinsarbeit und die Einrichtung von diversen Beratungsangeboten wurde der Klub als Vorzeigebeispiel in das 2011 veröffentlichte Praxishandbuch Integration des DFB aufgenommen.
Der Verein reagierte damit auf die sozialen Konflikte im Viertel: 2006 machte die südlich an die Sportanlage Maybachufer grenzende Rütli-Schule landesweit Schlagzeilen, da das Lehrpersonal angesichts regelmäßiger gewalttätiger Auseinandersetzungen und fehlender Unterstützung in einem öffentlichen Brief seine Kapitulation erklärte. Jugendspieler des NFC Rot-Weiß waren auf den reißerisch aufbereiteten Fotos steinewerfender Schüler mittendrin. Zur ehemaligen sogenannten Brennpunktschule hat der Klub heute ein gutes Verhältnis. Überhaupt wachse der NFC Rot-Weiß kontinuierlich, sagt Sava: „Zu Saisonbeginn 2021/22 hatten wir etwa 1.800 Mitglieder und 18 zum Spielbetrieb gemeldete Mannschaften.“
Auch in der Kampfmannschaft herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Beim ballesterer-Besuch, fünf Runden vor Saisonende, liegt sie mit acht Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze der Kreisliga B. Der junge Coach Numan Özdil hat neue Sponsoren an Land gezogen, das mittelfristige Ziel ist der weitere Aufstieg in die achtklassige Bezirksliga. Özdil spricht von einem Neustart und verweist auch auf das disziplinierte Verhalten auf dem Platz: „Rot-Weiß war früher eine der berüchtigtsten Mannschaften in Berlin, vor allem aufgrund der Roten Karten. Jetzt sind wir Erster in der Fairnesstabelle“, sagt er. „Die meisten haben Familie, sind Unternehmer, da will sich niemand kloppen.“
Lutscher für Punkte
Egal ob Süßigkeiten für die Kinder oder Bier für die Erwachsenen, nach dem Training kaufen alle auch heute noch gerne etwas bei Frau Kupfer. Das Sport-Casino Maybachufer gibt es allerdings nicht mehr. Zumindest nicht in dieser Form. 2011 hat es die damals 73-Jährige verkauft. Eingezogen ist ein Nachtklub, der mittlerweile auch den Namen „Christa Kupfer“ trägt. Ob zu ihren Ehren oder nicht, sei dahingestellt. Denn informiert wurde Frau Kupfer über die Namensgebung vorab nicht, sagt sie, und eine diesbezügliche Gesprächsanfrage des ballesterer lehnten die Verantwortlichen ab.
Den Kiosk im Vereinshaus betreibt Frau Kupfer weiterhin. Finanziell lohne sich das nicht, sagt sie. „Aber hier kenne ich alle, und wo soll ich denn sonst hin? Die Parkbänke sind doch schon alle besetzt.“ Besonders die Kinder im Verein seien ein Grund für sie, immer noch täglich hierher zu kommen. Aus ihrem früheren Wunsch, als Kindergärtnerin zu arbeiten, sei nichts geworden und für eigene Kinder keine Zeit gewesen. „Aber hier war ich ohnehin Kindermädchen für alle.“ Auch deshalb wissen mittlerweile selbst die Jüngsten beim NFC Rot-Weiß: Gewonnene Punkte am Platz müssen bei Frau Kupfer abgeliefert werden. „Wenn mir die Kleinen dann freudestrahlend über ihren Sieg berichten, hole ich das Körbchen mit den Lutschern, und jeder darf sich einen rausnehmen.“ Rituale wie dieses sind seit Jahrzehnten unverändert geblieben.
Für Obmann Sava ist Frau Kupfer die Seele des Vereins. Coach Özdil, der selbst noch als Bub Lutscher und heiße Schokolade von ihr bekommen hat, sagt: „Sie kann nicht ohne den NFC Rot-Weiß, und wir können nicht ohne sie. Ich hoffe, sie bleibt uns auch in zehn Jahren beim 100-jährigen Vereinsjubiläum noch erhalten.“ Frau Kupfer sitzt währenddessen vor ihrem Kiosk und sinniert über die Höhen und Tiefen in ihrem Leben im und für den Berliner Vereinsfußball. Was die schönsten Momente in den vielen Jahren gewesen seien? Frau Kupfer denkt kurz nach, dann sagt sie: „Eigentlich war es immer schön.“