Sie füllten den Wiener Rathausplatz gleich zweimal – einmal beim schnell improvisierten Public Viewing des EM-Semifinales gegen Dänemark, einmal beim feierlichen Empfang nach der Rückkehr aus den Niederlanden. Die Spielerinnen des österreichischen Nationalteams überraschten vor fünf Jahren nicht nur ihre Gegnerinnen, sondern auch die Öffentlichkeit und selbst den Verband. Exemplarisch dafür steht die Leere im ÖFB-Fanshop, der die Trikots von Nina Burger, Sarah Zadrazil und Manuela Zinsberger nicht einmal zum Verkauf anbot.
Fünf Jahre später sind der ÖFB und sein Shop besser auf das Faninteresse vorbereitet, der ORF bewirbt seit Wochen die Übertragung der Spiele, und FM4 lädt zum Public Viewing in die Ottakringer-Brauerei. Obwohl angesichts der Gruppengegnerinnen ein Ausscheiden in der Vorrunde alles andere als überraschend wäre, wächst die öffentliche Erwartungshaltung, wieder ein Sommermärchen zu schreiben. Mit dem Ligaalltag in Österreich hat das wenig zu tun.
Noch immer spielen die Frauen vor wenigen Zuschauern, noch immer verfügt mit dem SKN Sankt Pölten nur ein Team über ausreichend Mittel, um wenigstens ein paar Profis zu finanzieren, noch immer haben mit Rapid und Red Bull Salzburg weder der beliebteste noch der sportlich erfolgreichste Klub des Landes eine Frauensektion. Trotz aller Bemühungen des Verbands scheinen der österreichische Fußball und seine Fans eine Entwicklung zu verschlafen, die andernorts für eine zunehmende Professionalisierung und gut gefüllte Stadien sorgt.
Anders als vor fünf Jahren steht aber immerhin die Sportart nicht mehr zur Diskussion. Angestachelt von den Erfolgen der Österreicherinnen in den Niederlanden, waren die Zeitung damals voll von Berichten, die zwischen Fußball und Frauenfußball unterscheiden wollten. Es wurden alte Debatten um die passende Größe von Feld und Toren und die Dauer der Spiele aufgewärmt. Es wurden Vergleiche über physische und technische Vorzüge der Männer angestellt, so als ob irgendetwas davon den Charakter des Spiels ändern würde.
Denn es gibt so viele Definitionen von Fußball, wie es Spiele gibt. Jedes ist anders, vom Grundgedanken jedoch gleich. Kein Mensch würde einen Freund mit den Worten „Komm, wir gehen Hobbyfußball spielen“ zu einem Kickerl einladen, keiner würde erzählen „Meine Kinder spielen jetzt in einem Kinderfußballverein“, keiner würde behaupten, Diego Maradona sei gar kein Fußballer, weil Gareth Bale athletischer ist. Nur wenn Frauen spielen, soll es plötzlich nicht mehr Fußball sein, sondern Frauenfußball, keine Fußballerinnen, sondern Frauenfußballerinnen.
Diese unsinnige Unterscheidung zu beenden, bedeutet keinesfalls eine Gleichmacherei. Nach wie vor bestehen größere Hürden für Frauen und Mädchen, den Sport auszuüben. Nach wie vor hinkt die Infrastruktur der der Männer meilenweit hinterher. Nach wie vor stehen die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten in keinem Verhältnis. In dieser Ausgabe versuchen wir, all das zu beleuchten – und auf die EM einzustimmen. Vielleicht endet sie für Viktoria Schnaderbeck und Co. ja wieder auf dem Rathausplatz, beginnen wird sie in Old Trafford. Dort ist eine Tribüne nach Alex Ferguson benannt, der vor 23 Jahren die prägnanteste und schönste Fußballdefinition überhaupt schuf: „Football, bloody hell.“