Beim Trainingsmatch auf dem Platz von Olympique Lyon liegt ihr Team 0:1 zurück, Ada Hegerberg ist nicht zufrieden. Schließlich spielen mit Christiane Endler die vielleicht beste Torfrau der Welt und mit Wendie Renard die vielleicht beste Innenverteidigerin mit ihr. „Allez, allez“, ruft Hegerberg, sprintet zurück und holt sich den Ball. Kurz darauf bekommt sie ihn wieder und trifft zum 1:1. „Zuletzt war es bei uns ganz schön wild. Ich habe drei Tage gebraucht, um zurück in die Spur zu kommen“, sagt die Norwegerin am Weg zum Interview später. Wild war es für Lyon dank des Siegs im Champions-League-Finale am Wochenende zuvor.
ballesterer: Olympique Lyon war im Champions-League-Finale gegen Barcelona nicht der Favorit. Was war der Schlüssel zum Erfolg?
Ada Hegerberg: Erfahrung. Das macht viel aus. Ruhig bleiben und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wir haben uns vorher einen genauen Plan für unser Pressing überlegt. Die Intensität war die ganze Zeit hoch, wir haben technisch anspruchsvoll gespielt und gute Lösungen gefunden.
Lyon hat nach 33 Minuten 3:0 geführt, Sie haben das zweite Tor geschossen und in der Nachspielzeit sogar noch die Stange getroffen.
Wenn der Schuss hineingegangen wäre, wäre es fast schon zu viel des Guten gewesen. Aber solche kleinen Dinge helfen dir, den Ehrgeiz aufrechtzuerhalten und immer besser werden zu wollen.
Lyon hat die Champions League achtmal gewonnen, die Meisterschaft 15-mal. Würden Sie sich nicht mehr Konkurrenz wünschen?
Ich möchte mit OL alles gewinnen, was es zu gewinnen gibt. Aber ich hoffe, dass sich der Zugang unseres Präsidenten Jean-Michel Aulas auch an anderen Orten durchsetzt. Barcelona hat enorm aufgeholt, Chelsea hat aufgeholt. Der Trend ist nicht mehr, irgendwo kurz einmal Geld hineinzustecken, sondern langfristig zu planen. Es braucht Zeit, um Qualität aufzubauen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir Spielerinnen unsere Leistung bringen. Wir haben eine hohe Verantwortung.
Sie waren 20 Monate verletzt und sind erst im Oktober wieder auf dem Platz gestanden. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Vor einem Jahr bin ich auf dem Sofa gesessen, habe das Bein hochgelegt und von einem Tag zum anderen gedacht. Ich war eigentlich nie ein geduldiger Mensch, aber manchmal brauchen Dinge einfach ihre Zeit. Ich habe kurz befürchtet, dass es das mit dem Fußball gewesen sein könnte. Das war der Tiefpunkt meiner Karriere. Aber ich versuche, das in die richtige Perspektive zu setzen: Auf der Welt passieren schlimmere Sachen als Sportverletzungen.
Im Profisport lebt man häufig in einer eigenen Welt, die sich um Training, Wettkampf, Fitness dreht, also im Grunde um einen selbst. Wie erleben Sie das?
Das ist so. Deswegen ist es sehr wichtig, diese Blase zu verlassen und sich auf die Welt drumherum einzulassen. Das haben mir meine Eltern von klein auf mitgegeben – an das zu denken, was weiter entfernt passiert. Dazu gehört auch, sich Neugier zu bewahren.
Sie sind in den sozialen Medien aktiv und haben sich auch schon mehrfach kritisch über die WM in Katar geäußert.
Ich habe kein Problem damit zu sagen, was ich denke, vor allem wenn der Fußball genutzt wird, um ein Regime zu stärken, das für ganz andere Werte steht als ich. Für mich wäre es eher schwierig, in solchen Fällen nichts zu sagen. Als Fußballerin verdiene ich viel weniger als meine männlichen Kollegen, also kann ich mich nicht so leicht in ihre Situation versetzen. Aber für mich bleibt die zentrale Erkenntnis, dass der Sport politisch ist. Das war er schon immer.
Lionel Messi ist im Mai Tourismusbotschafter von Saudi-Arabien geworden, ein weiterer Staat, der wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht. Könnten Sie so etwas machen?
Nein. Wie und ob man sich äußert, ist eine persönliche Entscheidung. Ich kann es auch ein bisschen nachvollziehen, wenn man sich aus allem heraushalten will. Ich habe mir schon manchmal gedacht, dass es einfacher wäre, den Mund zu halten. 2018 habe ich etwas über Saudi-Arabien getwittert und danach Morddrohungen erhalten. Aber es haben so viele vor uns gesellschaftliche Kämpfe ausgetragen, als Sportlerinnen und Sportler schulden wir es ihnen, unsere Plattform zu nutzen. Vielleicht kann das für Menschen in Katar auch Kleinigkeiten verbessern.
Nach der EM 2017 sind Sie aus dem Nationalteam zurückgetreten und haben sich kritisch über den Umgang mit den Spielerinnen geäußert. Als die heutige Verbandspräsidentin Lise Klaveness 2018 den Posten als Sportdirektorin übernommen hat, hat sie das Ziel ausgegeben, Sie zurückzuholen.
Ich war mit Lise immer in Kontakt – auch als sie noch Journalistin war. Damals habe ich mich etwas zurückgehalten, aber ich habe sie immer als frühere Kollegin gesehen. Wir haben kurz bei Stabaek zusammengespielt, da war ich 16 und sie am Ende ihrer Karriere. Sie hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich.
Klaveness hat sich 2007 ebenfalls zeitweilig aus dem Nationalteam zurückgezogen, aus Protest gegen die Teilnahme Norwegens an den Olympischen Spielen in Peking.
Genau. In unseren Gesprächen ist es meist um Fußball im Allgemeinen gegangen. Was sind die Herausforderungen? Wie soll man mit dieser oder jener Entscheidung umgehen? Ich habe in Gesprächen mit ihr immer eher das Gefühl, mit einer Kollegin zu sprechen als mit einer Funktionärin.
Im März sind Sie ins Nationalteam zurückgekehrt. Warum?
Zeit. Ich würde nicht sagen, dass sie alle Wunden heilt, aber manche. Ich habe Lise gesagt, dass sich bestimmte Dinge nicht wiederholen dürfen. Aber ich wollte nach vorn schauen, und ich habe das Team vermisst. Die Verbindung zur nächsten Generation, für mein Land zu spielen – das sind großartige Sachen.
In den Medien hat es geheißen, dass Sie Bedingungen für Ihre Rückkehr gestellt hätten.
Ja, ich soll um dies und das gebeten haben, den Teamchef aussuchen wollen und so weiter. Aber das habe ich nie. Ich habe meinen Entschluss gefasst – das war es. Mit Lise habe ich darüber gesprochen, wie wir Frauen und Mädchen im Verband stärken können. Klar denke ich da auch an meine Erfahrungen. Es gibt so viele Spielerinnen, die es verdienen, ernstgenommen zu werden.
Jetzt steht die EM in England vor der Tür. Norwegen startet in Southampton gegen Nordirland. Dann folgen zwei Spiele in Brighton, gegen England und Österreich.
Eine EM ist ein schwieriger Bewerb, vielleicht sogar schwieriger als die WM. Die europäischen Teams sind auf einem ähnlichen Niveau. Wir haben gesehen, wie es laufen kann. 2013 haben wir das Finale knapp gegen Deutschland verloren, vier Jahre später sind wir mit null Punkten und null Toren in der Vorrunde ausgeschieden.
Wie kann es in England besser werden als in den Niederlanden?
Das Gleichgewicht im Team ist entscheidend – und die Vorbereitung. Haben wir einen Plan A, B und C? Wissen wir, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten müssen? Es werden harte Spiele, aber wir haben die Qualität, um jedes Team in der Gruppe zu schlagen. Man muss gut ins Turnier kommen und braucht Glück. Das Glück wollen wir uns mit guter Vorbereitung verdienen.
Im zweiten Spiel nach Ihrer Rückkehr ist es gegen Polen kurz brenzlig geworden. Norwegen hat 2:1 gewonnen, wie haben Sie das Spiel erlebt?
Es ist sehr viel hin- und hergegangen – das ist typisch für Länderspiele. Nationalteams sind weniger eingespielt als Klubteams, sie haben weniger klare Spielstile. Wir haben das Spiel meist unter Kontrolle gehabt, waren aber manchmal unsicher. Mit diesen Unsicherheiten muss man umgehen und verhindern, dass sie sich ausbreiten. Das ist auch die Aufgabe der Führungsspielerinnen – das Team zusammenzuhalten und die Dinge einfach zu machen. Wenn die EM beginnt, konzentrieren wir uns auf ein Spiel. Das erste, nicht aufs Viertelfinale. Es zählt nur das erste Spiel, nichts anderes.
Sie bilden mit Caroline Graham Hansen vom FC Barcelona das Angriffsduo. Was haben Sie ihr nach dem Champions-League-Finale gesagt?
Nach so einer Niederlage möchte man eher in Ruhe gelassen werden, es hat also nicht viel zu sagen gegeben. Mir war aber wichtig, zu ihr zu gehen und sie in den Arm zu nehmen.
Übersetzung: Nicole Selmer
Eine Langfassung dieses Interviews erschien im norwegischen Fußballmagazins Josimar.