Wäre die EM wie geplant 2021 über die Bühne gegangen, hätte Phil Neville England gecoacht und nicht Sarina Wiegman. Die Niederländerin, die ihr Heimatland 2017 zum Titel führte, wurde im Sommer 2020 als dessen Nachfolgerin vorgestellt – mit Dienstantritt im September 2021. Dabei war Nevilles Engagement durchaus erfolgreich. Der ehemalige Verteidiger von Manchester United und Everton hatte das Team im Jänner 2018 von Mark Sampson übernommen und auf dem Platz einen Schritt weitergebracht. Regierten zuvor klassisch britische Tugenden wie Athletik und Laufspiel, stellte Neville Technik und Kombinationsspiel in den Vordergrund. „Früher haben wir unser Spiel auf lange Bälle ausgerichtet“, sagte Chelsea-Spielerin Fran Kirby dem Guardian. „Die Devise war: Sei fitter als die anderen, wenn du dem Ball hinterherläufst. Nun spielen wir bewusster, mit mehr Ballbesitz.“ Parallel zur Liga, in der Technik, Dynamik und Risiko eine immer größere Rolle einnahmen, entwickelte sich auch das Nationalteam spielerisch weiter.
Ende der Fahnenstange
So konnte Neville die „Lionesses“ dort etablieren, wo sie Sampson mit dem dritten Platz bei der EM 2017 hingeführt hatte: an der absoluten Weltspitze. Mussten sie sich 2018 im „She Believes“-Cup noch den USA geschlagen geben, gewannen die Engländerinnen ein Jahr später das prestigeträchtige Einladungsturnier des amerikanischen Verbands. Auch bei der WM in Frankreich konnte das Team überzeugen. Erst im Halbfinale verloren die Engländerinnen – abermals gegen die USA. Mit der Niederlage im Spiel um Platz drei gegen Schweden schien jedoch das Ende der Fahnenstange erreicht. England verlor danach ein Testspiel nach dem anderen und konnte den „She Believes“-Titel nicht verteidigen. Der Verband aber hielt am Teamchef fest. Auch Neville selbst verkündete, seinen bis 2021 laufenden Vertrag erfüllen zu wollen – ehe die Pandemie zuschlug.
Mit der Verschiebung und Nevilles Abgang vor Augen entschied sich der Verband für den wohl größten Star unter Europas Trainerinnen: Wiegman wurde die erste nicht-britische Teamchefin überhaupt – abgesehen von Interimstrainerin Hege Riise aus Norwegen, die Anfang 2021 das Team übernahm, als Neville von seinem früheren Mitspieler David Beckham zu Inter Miami geholt wurde. Riise betreute auch die britische Auswahl bei den Olympischen Spielen in Tokio. Als Mitfavorit gehandelt, schied das Team im Viertelfinale aus. Eine erneute Enttäuschung soll die Hoffnungsträgerin aus Den Haag nun verhindern.
Totale Dekonstruktion
Die hohen Erwartungen sind mit Blick auf Wiegmans Karriere nicht unbegründet. Als defensive Mittelfeldspielerin debütierte sie mit 17 Jahren für das Nationalteam, mit 31 war sie Kapitänin und die erste Niederländerin mit über 100 Länderspielen. 2006 übernahm sie ihren Heimatverein Ter Leede als Trainerin und führte ihn ein Jahr später zum Double – ein Erfolg, den sie mit ADO Den Haag wiederholen konnte, ehe sie 2014 als Assistenztrainerin zum Nationalteam zurückkehrte. Wenig später konnte sie nicht nur sportlich, sondern auch symbolisch Geschichte schreiben. Als Assistenztrainerin des zweiten Männerteams von Sparta Rotterdam war sie die erste Frau, die in einem niederländischen Profiklub ein Traineramt bekleidete.
Das allein würde wohl die Statue im Garten des niederländischen Verbands rechtfertigen, mit der Wiegman 2019 geehrt wurde. Doch da war ja noch der Sommer 2017. Erst kurz vor der EM war Wiegman von der Assistentin zur Chefin aufgestiegen und führte ihr Team in packender Manier zum Titel. Die Effizienz ihrer reaktionsschnellen und spielfreudigen Philosophie bekam nicht zuletzt ihr nunmehriger Arbeitgeber zu spüren: Im Semifinale wurden die Engländerinnen, die zuvor vier Siege gefeiert hatten, mit 3:0 aus dem Turnier geworfen. „Sie hat Englands zweidimensionales Spiel dekonstruiert“, schrieb der Guardian über Wiegman. „Sie weiß, wie man gewinnt. Das schlägt sich auf die Spielerinnen nieder“, sagt der in England aufgewachsene FM4-Moderator Chris Cummins. „Die Medien sind so auf die ‚Goldene Generation‘ von Manchester United fixiert, dass es immer nur um Phil Neville gegangen ist. Das war störend und erniedrigend. Mit Wiegman gibt es das nicht.“
Gute Stimmung, neuer Stil
Wiegmans Version des totaalvoetbal soll nun auch Englands Team beflügeln. Vor einem Einladungsturnier des englischen Verbands mit Spanien, Kanada und Deutschland kündigte die Teamchefin gegenüber dem Sportportal Impetus an: „Alles dreht sich darum, unter Druck Entscheidungen zu treffen. Wir reden über den Druck von außen, um uns vorzubereiten. Je weniger Dinge uns im Verlauf des Turniers überraschen, umso besser.“ Die auch von den Spielerinnen wie der neuen Kapitänin Leah Williamson kolportierte bessere Stimmung im Team schlug sich in Resultaten nieder. England gewann den Cup zu Beginn des Jahres, nicht zuletzt dank eines 3:1-Siegs gegen Deutschland.
„Sie haben gezeigt, dass England nicht zwangsläufig vor der Ziellinie scheitern muss. Das könnte psychologisch wichtig werden“, sagt Cummins. Unter Wiegman ist England zwar noch ungeschlagen, konnte mit Deutschland bis Drucklegung aber nur ein besser gesetztes Team bezwingen. Mit hohen Siegen gegen EM-Teilnehmerinnen wie dem 5:0 gegen Nordirland im April und dem 3:0 gegen Belgien im Juni konnten sich die Spielerinnen Selbstvertrauen für das Turnier holen. An dessen Ende soll, so viel ist klar, die nächste Statue von Sarina Wiegman neben jener von Weltmeistercoach Alf Ramsey in Wembley stehen.