Eine Nachricht machte Anfang des Jahres schnell die Runde: Das niederländische Unternehmen Hendriks Graszoden, das Fußballgroßereignisse mit Rasen beliefert, boykottiert aufgrund der Zustände auf den WM-Baustellen das Turnier in Katar. „Es ging um einen Millionenauftrag, aber manchmal sind andere Sachen wichtiger als Geld“, sagte Managerin Gerdien Vloet gegenüber RTL. Warum es bei Rollrasen um Millionen geht, zeigt seine aufwendige Produktion. Die verschiedenen Gräser, die regelmäßig gemäht, gedüngt und bewässert werden, wachsen nach ihrer Aussaat bis zu eineinhalb Jahre lang auf Feldern, ehe sie in Bahnen vom Boden geschält und aufgerollt werden, um danach in den Stadien verlegt zu werden. Welche Rasensorten verwendet werden, hängt vom Anbaugebiet ab – in Europa setzt man häufig auf eine Mischung der Sorten Deutsches Weidelgras und Wiesenrispe, in tropischen Klimazonen kommen Warm Season Grasses zum Einsatz.
Aber warum wird in Stadien eigentlich Rollrasen verlegt, statt Gräser auszusäen? „Das ist ein Zeichen unserer Zeit: Alle wollen immer alles überall und jederzeit haben“, sagt Martin Bocksch, Referent des deutschen Rollrasenverbands. Fertigrasen ist im Gegensatz zu frisch gesätem Rasen bereits ein paar Tage nach dem Verlegen voll belastbar. „Rollrasen wird in den Stadien zum Sterben verlegt“, sagt Bocksch. Die dichte Verbauung, die kaum Sonnenlicht auf den Untergrund scheinen lässt, und die höhere Belastung durch Spiele im Winter und Konzerte im Sommer verkürzen die Lebensdauer des Rasens. Um ihn dennoch möglichst selten tauschen zu müssen, beschäftigen die Klubs Greenkeeper. Ihre Arbeit besteht aus Düngen, Bewässern und Mähen. Als Hilfsmittel verwenden sie Bodensensoren zur Nährstoff- und Flüssigkeitsmessung, LED-Beleuchtungen als Ersatz für das Sonnenlicht und im Winter eine Rasenheizung, damit sich das Grün nicht braun verfärbt.
Vorbildliche Kläranlage
Nördlich von Doha wächst nun auf 1,2 Millionen Hektar der Untergrund für die acht WM-Stadien und 48 Trainingsplätze in Katar. Projektleiter Yasser Abdulla Al-Mulla zeigt sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP begeistert: „Wir haben gesagt: Wir können das hier in Doha schaffen.“ Der Rollrasen muss nicht nur während der Spiele, sondern auch während des Anbaus widerstandsfähig sein, denn in den Sommermonaten steigen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad im Schatten. Bocksch sieht darin kein Hindernis für Rasenanbau – tropische Gräser können derartigen Temperaturen standhalten. Schwierigkeiten macht er eher in der Kühlung der Stadien aus: „Die Blätter könnten anfangen, in einen Winterzustand überzugehen und sich dadurch braun verfärben. Ich kann mir vorstellen, dass dann europäische Grassorten wie das Deutsche Weidelgras nachgesät werden. Das keimt bei Temperaturen um die 20 Grad in zwei bis drei Tagen optimal und verleiht dem Rasen wieder eine schöne grüne Farbe.“
Bocksch hält es für sinnvoll, den WM-Rasen in Katar anzubauen, da so eine einheitliche Grasnarbe entsteht, auf die sich die Spieler auf den Trainingsplätzen und in den Stadien einstellen können. „Außerdem gibt es auf der Welt nicht nur die gemäßigte Klimazone, man kann ihnen nicht verbieten, eine WM auszutragen.“ Ein Ressourcenproblem sieht er nicht, der Wasserbedarf von tropischen Gräsern sei um rund ein Viertel geringer als der von europäischen Sorten. Das Wasser zur Bewässerung der Anbauflächen kommt aus einer Kläranlage, Frischwasser wird nicht verwendet. Für Bocksch ist das ein Modell, das aufgrund der steigenden Temperaturen und Wasserknappheit auch bald in Europa eingesetzt werden könnte: „Wir können uns da etwas abschauen.“
Sportlich sieht Bocksch einen rasentechnischen Vorteil für Teams aus tropischen Regionen, da sie die Warm Season Grasses schon gewohnt sind. „Tropische Gräser bilden anders als europäische Gräser oberirdische Ausläufer, die wie Drähte auf dem Boden liegen“, sagt er. „Wenn die Spieler ihre Füße dann nicht heben, stolpern sie.“