„Sie haben einem Kind einen Dolchstoß ins Herz verpasst“, sagte dein Fitnesstrainer Fernando Signorini nach deiner Dopingsperre bei der WM 1994 in den USA. Und diesen Dolchstoß spüren viele von uns immer noch, nicht nur in deinem, auch in unseren Kinderherzen. Ich habe dich immer verteidigt – und werde es immer tun. „Wer liebt, vergisst nicht“, schreiben die Napoli-Ultras auf ihren T-Shirts und Schals. Und so wie viele andere aus dieser Stadt werde ich nie vergessen.
Augen nur für dich
Lieber Diego, seit ich klein bin, hatte ich Angst, dich zu verlieren. Du warst so stark, es war so umwerfend, dich spielen zu sehen. Denn während die anderen als Fußballer arbeiteten, hast du Fußball gespielt. Seit ich dich 1984 zum ersten Mal sah, hatte ich Angst davor zu erleben, wie du vom Spielfeld und aus der Stadt verschwindest. Wie du dich unserer tödlichen Umarmung entreißt und zurück auf den Planeten fliehst, von dem du gekommen bist und den noch kein Astronaut entdeckt hat.
Es war ein sonniger Oktobertag vor vielen Jahren, ich war gerade einmal fünf Jahre alt. Mein Vater hat mich auf seinen Armen in die Curva A getragen. Er hat meinen Kopf in Richtung Spielfeld gedreht und hinuntergedeutet: „Das ist er.“ Du mit deinen lockigen Haaren und der Ausstrahlung des Anführers einer Lausbubenbande hast uns mit deiner Magie verführt. Wer hätte gedacht, dass der größte Fußballer sich in einem so kleinen Körper versteckt? Ich erinnere mich an keine Spielszene dieses Tages, nur an die Wahrnehmung eines Lichts, das dir wie der Strahler eines Leuchtturms folgte. Ich hatte nur Augen für dich, wir alle hatten nur Augen für dich.
So ging das sieben unglaubliche Jahre weiter. Bis 1991, als sie dich in die Flucht und die Erniedrigung trieben. Die Verdächtigungen und Anschuldigungen sollten dich lange verfolgen, sie schickten sich an, all die Freude und das Glück in den Hintergrund zu drängen, die du uns gebracht hast, all die Siege und Niederlagen auf dem Platz. Wir waren Meister. Wer hätte sich je vorstellen können, wie sich das anfühlen würde? Und wie es brennen würde, als wir dich verloren? Mit dir, Diego, lernten wir auch neue Schmerzen kennen. Und ich fürchtete jedes Mal aufs Neue, dich zu verlieren.
Die Flucht
1989 war ein eigenartiger Sommer. Du warst ein Gefangener – der Neapolitaner, des Klubs und seines Präsidenten Corrado Ferlaino. Du wolltest weg, wolltest zu Olympique Marseille. Ich verbrachte die Schulferien mit der Gewissheit, dich verloren zu haben. Ich suchte jeden Tag in der Gazzetta dello Sport nach Nachrichten von dir, was du sagtest, was du dachtest. Warum wolltest du nicht zurückkehren? Du erinnertest mich an den Grafen von Monte Christo bei der Vorbereitung seiner Flucht, Neapel war dein Chateau d’If. Mich schmerzte dein Verlangen, dich von uns zu entfernen, dich der Umarmung zu entziehen. Ich war zu jung, um zu verstehen, ich war einfach ein verliebter Fan.
Wir holten auch noch einen zweiten, den traurigen Meistertitel. Den der Münze, die in Bergamo Alemao traf, den des 3:0-Siegs am Grünen Tisch, den deiner bekümmerten Miene. Das Kokain hatte damals schon die Oberhand über dich gewonnen. Trotzdem kamst du in ein WM-Finale, du schlugst Italien auf dem Weg dorthin. Das haben sie dir auf jede erdenkliche Art zurückgezahlt. Der italienische Fußball dachte, deine Zeit sei vorbei und er könne ohne dich auskommen. Damit begann sein Verfall, noch heute bezahlen wir den Preis dafür. Du flohst aus Neapel. Es war das letzte Mal, dass ich nur die Angst hatte, dich zu verlieren. Damals verlor ich dich wirklich.
Seither sind viele Jahre vergangen, mein Held bist du geblieben. Ich schaue mir keine Videos an, in denen deine Schwächen zur billigen Belustigung dienen, ich verfolge keine Interviews, die dich vorführen sollen. Doch manchmal blättere ich in einem Fotoband und versüße mir den Tag mit den Erinnerungen daran, wie du mein Lieblingsspieler wurdest. Daran, wie wir entdeckten, wie es sich anfühlt, Meister zu sein.
(Übersetzung: Jakob Rosenberg)