Die „Verrückten Köpfe“ blieben bis zum Schluss anders. Ihre Auflösung nach 32 Jahren gab die Innsbrucker Ultragruppe Mitte Jänner in einem knappen Kommuniqué bekannt, es ist zwei Absätze lang und kommt ohne Anekdoten und Rechtfertigungen aus. Die Ultras vergleichen die Geschichte ihrer Gruppe mit einem bunten Teppich, der in verschiedensten Techniken und Mustern gewebt wurde. „Wenn die letzten Teppichknüpfer sich nicht mehr in der Lage sehen, die Löcher zu stopfen, wird der Teppich ins Museum geschickt“, schreiben sie.
Zu einer Zeit, als es in Graz und Linz keine Ultragruppen gab und in Hütteldorf die „Ultras Rapid“ den Ton noch nicht angaben, zündelten die „Verrückten Köpfe“ in den Kurven und zogen Choreografien über die ganze Breite der Nordkurve im alten Tivoli. Sie waren Pioniere. Ihre Inspiration kam aus dem nahen Italien, Name und Logo übernahmen sie aus Neapel und Vicenza. Sie knüpften freundschaftliche Bande mit Atalanta, der Frankfurter Eintracht und Ternana. Bei allen Einflüssen und Freundschaften gaben die Innsbrucker dem Verständnis von Ultras ihren eigenen Touch. Verspieltheit und Liebe zum Detail prägten ihr Auftreten. Die von einem Mitglied der Gruppe designte Comicfigur „Kasimir Burundinger“ ist in unterschiedlichsten Variationen auf Pickerln und Wänden in ganz Innsbruck zu finden.
Die Fotos aus der Frühphase zeigen, wie viel weniger rigide Österreichs Fanszenen in den 1990er Jahren waren. Man sieht Innsbrucker neben den verhassten Salzburgern, grimmig aber ohne Scheu, Transparente mit Rechtschreibfehlern und Schals von ganz unterschiedlichen Vereinen im selben Sektor. Als in anderen Kurven noch rassistische Gesänge und Hitlergrüße an der Tagesordnung waren, kam so etwas in Innsbruck nicht mehr vor. Das ist eines der größten Verdienste der „Verrückten Köpfe“. Sie bezogen Stellung, als der FC Tirol 2001 im Cupfinale auf Jörg Haiders FC Kärnten traf. Ein Spruchband mit der Aufschrift „Gegen Rechts“ hing vor der Kurve der Innsbrucker. Bis zum Schluss blieb die Gruppe dieser Linie treu. Während sich in anderen Kurven die Vorstellung der unpolitischen Ultras durchgesetzt hatte, sagten die „Verrückten Köpfe“ noch 2021 im ballesterer-Interview: „Im Kern der Gruppe gibt es einen linken Konsens.“
Ihr Verein hat es der Gruppe nicht leicht gemacht. Nach dem Konkurs und dem Zwangsabstieg 2002 kehrte er nie wieder ins Spitzenfeld der Bundesliga zurück. Zwischen Funktionärsstreitigkeiten und dem finanziellen Ruin wurden auch die „Verrückten Köpfe“ zerrieben. Als 2020 für einen Investor die Mitgliedermitbestimmung massiv eingeschränkt wurde, hielten sie still. Der Investor entpuppte sich als Hochstapler.
Den Absturz in die vierte Liga überlebte die ohnehin schon dezimierte Gruppe nicht mehr. Bei der ersten Partie nach der Winterpause, einem Auswärtsspiel beim SV Kematen, wird die „VK“-Zaunfahne nicht mehr hängen. Aber ihre Ideen, Motive und Graffitis sind zu bedeutend, um in Vergessenheit zu geraten. Würde man der österreichischen Ultrakultur ein Museum widmen, die „Verrückten Köpfe“ und ihr Teppich hätten darin einen Ehrenplatz.