Sankt Pauli oder Werder? „Kommt drauf an, das ist eine Generationensache“, lautet die Antwort auf die Frage nach dem Derbygegner des Hamburger Sport-Vereins. Fans, die seit 2015 zum Klub gefunden haben, haben mehr Stadtduelle als Nordderbys erlebt. Doch bis zum Abstieg des HSV 2018, war Hamburg gegen Bremen die am häufigsten ausgetragene Bundesliga-Partie überhaupt. Beide Paarungen zeigen jedoch, dass aus geografischer Nähe nicht automatisch glühende Rivalitäten werden. „Sankt Pauli ist damals überhaupt kein Thema gewesen. Das war ein Stadtteilklub sagt“, Michael Burzlaff vom ältesten HSV-Fanklub „Rothosen“ über die 1970er Jahre. „Manche von uns sind dort sogar hingegangen und haben sich Spiele in der Regionalliga angeschaut.“ 1977 stieg der FC Sankt Pauli erstmals in die Bundesliga auf. „Auch da hat man die nicht gehasst. Man hat sie ignoriert.“ Rivalität definierte sich damals sportlich, und so schaute man beim HSV lieber nach oben in die Tabelle und in den Süden, zum FC Bayern, statt in die Nachbarschaft zu Werder Bremen. „Auch mit Bremen hat es damals keine große Rivalität gegeben“, sagt Burzlaff. „Wir haben mit den ‚Rothosen‘ gegen die Werder-Fans auch Fußball gespielt. Dann ist es gekippt, das hängt auch mit dem Fall Maleika zusammen.“
Derby Days
Der im Oktober 1982 von HSV-Anhängern durch einen Steinwurf getötete Werder-Fan Adrian Maleika ist bis heute nicht vergessen. Die Kurve der Bremer erinnert regelmäßig an ihn, und zum 40. Todestag wurde im Hamburger Volkspark eine Gedenktafel enthüllt. In den frühen 1980er Jahren befanden sich der HSV und Werder sportlich auf Augenhöhe – und im Titelkampf. Die Bremer kehrten 1981 nach einem Zweitligajahr in die Bundesliga zurück und begannen mit Trainer Otto Rehhagel einen Erfolgslauf, der bis in die 1990er Jahre dauerte. Der HSV hingegen verabschiedete sich nach dem Abgang Ernst Happels 1987 aus dem Kampf um Titel und Europacupplätze. Doch das Nordderby lebte weiter, die Rivalität von Hooligans und Kutten wurde von den nachfolgenden Ultragruppen der Klubs übernommen. Dass Werder-Ultras zeitweise mit Gruppen des FC Bayern und des FC Sankt Pauli befreundet waren, tat ein Übriges.
Die sportlich folgenreichsten Begegnungen zwischen dem HSV und Werder Bremen sind jene im April und Mai 2009. Viermal spielen die Klubs innerhalb von weniger als drei Wochen gegeneinander: Halbfinale im UEFA-Cup und im DFB-Pokal sowie einmal in der Liga. Der HSV spielt seine beste Saison seit Jahren und ist vor den Begegnungen Dritter, Werder setzt auf die Cupbewerbe, um eine verkorkste Saison zu retten. Das gelingt. Die Bremer ziehen nach Sieg im Elfmeterschießen in das DFB-Pokal-Finale ein, Tormann Tim Wiese, Diego und Mesut Özil jubeln im Volkspark. Das Hinspiel im Europacup gewinnt der HSV in Bremen 1:0. Beim Rückspiel präsentieren die HSV-Fans eine tribünenübergreifende Zettelchoreografie in Blau, Schwarz und Weiß. Der HSV trifft zum 1:0, doch Werder dreht das Spiel und wäre mit dem 2:1 aufgestiegen. Der HSV drückt, Verteidiger Michael Gravgaard kommt in der Nähe der Eckfahne gegen Özil an den Ball, doch der springt von einer Papierkugel aus Choreoresten über die Torlinie. Aus dem Eckball entsteht das 3:1 für Werder. Der Anschlusstreffer des HSV hilft nichts, Werder ist dank der Auswärtstorregel weiter. Die Ligapartie geht ebenfalls an die Bremer, die später noch den DFB-Pokal gewinnen. Der HSV wird nur Fünfter und verliert im Sommer seinen langjährigen Sportvorstand. „Eine Papierkugel weniger im Rückspiel und die Saison des HSV wäre anders geendet“, schreiben Tobias Escher und Daniel Jovanov im Buch „Der Abstieg“.
Emporkömmlinge vom Hafen
Die Machtverhältnisse zwischen dem HSV und dem FC Sankt Pauli waren meist klar, weil sie nicht in derselben Liga spielten. Für einige Saisonen in den 2000er Jahren trug die erste Mannschaft von Sankt Pauli ihr Derby sogar gegen die zweite des HSV in der dritten Liga aus. In der ersten Bundesliga-Saison stieg Sankt Pauli 1978 direkt wieder ab, konnte die Bilanz gegen den HSV aber immerhin ausgeglichen gestalten. Das änderte sich ab 1988. In drei Jahren gemeinsamer Bundesliga-Zeit verlor der HSV kein Spiel gegen Sankt Pauli, unterlag aber im Sympathieduell und gewann einen echten Rivalen dazu.
Denn beim FC Sankt Pauli entstand ab Mitte der 1980er eine alternative, laute und linke Fanszene, die mit dem Motto „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder zweite Liga!“ die Bundesliga aufmischte. „Beim HSV, bei dem für viele noch immer die große Erfolgszeit mit Zebec, Happel, Netzer der Maßstab aller Dinge war, sah man mit Verwunderung und teils auch Neid, wie sehr der Emporkömmling aus dem Stadtteil am Hafen in den Medien gefeiert wurde“, schreibt Werner Skrentny in „Immer erste Klasse“. In der Saison 1998/89 lag Sankt Pauli mit einem Zuschauerschnitt von 21.085 auf Platz fünf, der HSV mit 17.615 fünf Ränge dahinter.
Die Derbys in der Bundesliga wurden aus Sicherheitsgründen im Volkspark ausgetragen. Das erste Spiel am Millerntor in der Saison 2010/11 endete 1:1, der FC Sankt Pauli stieg am Ende der Saison zwar wieder ab, gewann jedoch vorher das Rückspiel im Volkspark, der erste Sieg über den HSV seit 1977 und Anlass für die Einführung des inoffiziellen Stadtmeistertitels. „Wenn ich sehe, wie die Sankt-Pauli-Fans in unserem Stadion feiern, könnte ich abkotzen“, sagte Sportchef Bastian Reinhardt. In der zweiten Liga hat der HSV mit fünf Niederlagen in zehn Spielen eine negative Derbybilanz.
In der Saison 2021/22 spielte der HSV gegen beide Rivalen in der zweiten Liga – allerdings coronabedingt vor nur teilweise gefüllten Tribünen. Den Bremern gelang der direkte Wiederaufstieg. Die HSV-Niederlage in der Relegation kommentierte der Verein bei Twitter mit einem Video von Werder-Fans, die „Seht ihr Hamburg, so wird das gemacht“ sangen. Eine Viertelstunde später wurde der Tweet durch eine Entschuldigung ersetzt.