Rege Bautätigkeiten bestimmten in Wels um 1900 das Erscheinungsbild. Die Sparkasse und das Krankenhaus an der Ringstraße wurden damals errichtet, ebenso wie die Nahrungsmittelfabrik Knorr und die Landmaschinenfabrik Reform-Werke. Auch der Fußball fand kurz vor dem Ersten Weltkrieg den Weg in die oberösterreichische Stadt. 1912 wurde der Welser SC gegründet. Die Brüder Max und August Spechtenhauser brachten den Fußball von ihrem Schulbesuch in Nürnberg mit, sie waren die Gründer des ersten Vereins der Stadt. In ihrem ersten Spiel besiegten die Welser den SV Urfahr aus Linz 9:1 am Platz in der damaligen Herzog-Friedrich- Straße, heute die Kolpingstraße.
Neun Jahre später folgte der nächste Welser Verein: Bereits vor dem Krieg spielten junge Männer abseits des Welser SC regelmäßig Fußball. Eine Gruppe nannte sich „Hertha“, daraus wurde 1921 der SK Hertha Wels, der im Gasthaus Zum Schild gegründet wurde. Rund 15 Jahre später, in der Saison 1937/38, schaffte er beinahe den Aufstieg in die nach dem „Anschluss“ eingeführte Gauliga – damals die höchste Spielklasse auf dem Gebiet der „Ostmark“. Nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses musste die Hertha den Amateuren Steyr den Vortritt lassen, die sich nun mit den großen Wiener Vereinen der Zeit messen durften.
Schon bald bekamen die beiden Welser Klubs weitere Konkurrenz in der Stadt. 1940 entstand der Eisenbahner Sportverein Wels, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg der ASK Blaue Elf Wels, der SK Eintracht Wels und der FC Union Wels. Die bürgerliche Union und die proletarische Eintracht liefen in den folgenden Jahrzehnten dem Welser SC und der Hertha den Rang ab. Die Union spielte in den 1980er Jahren sogar zwei Saisonen lang ganz oben mit, der Eintracht gelang es 1997 immerhin, ein Jahr in der zweiten Division mitzumischen.
IM FUSIONSFIEBER
Ähnliche Erfolge blieben dem Welser SC und der Hertha versagt. Zur Bündelung der Kräfte fusionierten die Vereine 1975 zum Welser Sportclub Hertha. Die Klubfarben verschmolzen von Grün-Weiß und Blau-Weiß zu Grün- Blau. Der Zusammenschluss blieb nicht die einzige Fusion, 2003 schlossen sich den politischen Widersprüchen zum Trotz Union und Eintracht zum FC Wels zusammen. Der einstige Eintracht-Spieler und heutige Austria-Sportvorstand Jürgen Werner hatte damals sogar die Idee aufs Tableau gebracht, dass sich die fünf Welser Vereine zusammenschließen, um mit Spielern aus Wels und Umgebung Erfolg zu haben, wie in dem Buch „Wenn der Rasen brennt“ nachzulesen ist.
WSC Hertha, Blaue Elf und der ESV gingen jedoch ihre eigenen Wege und spielten in den unteren Verbandsligen weiter. Nur der WSC Hertha gewann in den vergangenen 20 Jahren an Kontur, er hat den FC Wels, der mittlerweile nur mehr am unteren Ende der viertklassigen OÖ-Liga zu finden ist, hinter sich gelassen. Heute ist die Hertha ein gestandener Regionalliga- Mitte-Verein, der sich im Spitzenfeld festgesetzt hat. In den durch die Coronapandemie beeinträchtigten Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 scheiterte der Klub knapp am Aufstieg in die zweite Liga. Mit Harun Sulimani, Amar Hodzic, Hannes Huber, Simon Gasperlmair und Lukas Ried stehen Spieler mit Bundesliga- und Zweitligaerfahrung im Kader. Trainer Emin Sulimani lief für die SV Ried und die Wiener Austria in der Bundesliga auf.
150 im Regen
Unweit des Klinikums Wels-Grieskirchen liegt umgeben von Einfamilienhäusern das Mauth-Stadion, in dem die Hertha ihre Heimspiele austrägt. Die 1960 errichtete Sportanlage ist etwas in die Jahre gekommen, zum Spiel gegen Sankt Anna am Aigen Ende April sind nur rund 150 Zuschauer auf die überdachten Tribünen in das 2.000 Personen fassende Stadion gekommen. An diesem verregneten Freitag bleibt der Klub damit unter dem Saisonschnitt von rund 250 Besuchern pro Spiel.
„Wir sehen uns als die Nummer eins im Welser Fußball. Mittelfristig sollte der Aufstieg in die zweite Liga gelingen“, sagt Roland Golger, Obmann von WSC Hertha Wels dem ballesterer. Auch heuer steht der Klub weit oben in der Tabelle, aber eben ein weiteres Mal nicht ganz oben. Ein paar Unentschieden zu viel waren es über die Saison gerechnet, drei Spieltage vor Ende belegt die Hertha den dritten Platz mit sieben Punkten Rückstand auf Tabellenführer DSV Leoben. Der Verein hätte, wie auch in der vergangenen Saison, die Lizenz für die zweithöchste Spielklasse ohne Auflagen bekommen, wird sie aber für die nächste Spielzeit wohl nicht benötigen. „Wir haben im Sommer einen großen Kaderumbruch gehabt, daher haben wir den Aufstieg nicht als erstes Ziel anpeilen können“, sagt Golger. „Heuer werden wir versuchen, den Kader größtenteils zu halten und ihn punktuell zu verstärken. Wir würden den Aufstieg gerne nehmen, er ist aber nach wie vor kein Muss.“ Golger ist auch Geschäftsführer beim Hauptsponsor, der Hogo Holding. Die Welser Personalvermittlungsfirma verdoppelte 2018 ihr Sponsoring beim WSC Hertha und wurde Namenssponsor des Stadions. „Wir nützen dieses Engagement, um den Bekanntheitsgrad unseres Unternehmens nachhaltig zu fördern“, sagte Golger damals. Die Jugend und Nachwuchsarbeit liege der Hogo besonders am Herzen.
Widerstand der Mitglieder
Obwohl der WSC Hertha den FC Wels mittlerweile sportlich hinter sich gelassen hat, sorgte in den vergangenen Jahren eine mögliche Fusion für viele Diskussionen. Und zumindest von einer Seite handelt es sich dabei um mehr als eine vage Idee. „Wir wünschen uns eine Fusion auf Augenhöhe“, schrieb die Hertha im November 2019 in einer Stellungnahme. „Die Vereinstätigkeit von FC Wels und WSC Hertha sollen unter dem Dach eines neuen Vereins fortgeführt werden.“ Ein starker Welser Fußballverein, so die Hoffnung, könnte mittelfristig den Sprung in die Bundesliga schaffen. Die Zusammenlegung im Jugendbereich sollte den größten Nachwuchskader in Oberösterreich schaffen und die Abwanderung von Talenten nach Ried und Linz verhindern.
Doch die Pläne gingen nicht auf. Der FC Wels sah die Idee einer Fusion kritisch, 2019 erteilten ihr die Mitglieder auf der Hauptversammlung eine Abfuhr. „Der Vorstand sieht sich mit dieser Abstimmung bestätigt, dass wir in den vergangenen Wochen stets im Interesse unserer Mitglieder gehandelt haben“, sagte FC-Obmann Juan Bohensky damals. „Es ist schön zu sehen, dass die überwiegende Mehrheit weiterhin an den FC Wels glaubt und unseren Verein unterstützt.“ Bei der Hertha ist man weiterhin anderer Meinung und hat den Plan noch nicht ganz aufgegeben. „Der WSC Hertha steht noch immer hinter diesem Projekt. Aktuell gibt es in diese Richtung aber keine Gespräche“, sagt Golger.
Hartes Pflaster
Im November 2022 unterzeichneten die Klubs eine Absichtserklärung zur Bündelung ihrer Kräfte. Dabei wurde klargestellt, dass es nicht zu einer Fusion kommen werde. Beide Vereine sollen eigenständig bleiben, mit eigener Funktionärsstruktur und Kampfmannschaft. Ziel ist aber eine umfassende Kooperation im Jugendbereich und perspektivisch ein Nachwuchszentrum auf Akademieniveau. „Das Grundkonzept von U14 bis U18 steht. Jetzt geht es um die Finanzierung“, sagt Golger. Die Kooperationsvereinbarung definiert die unterschiedlichen Ziele der Klubs: Während der WSC Hertha den Aufstieg anstrebt, möchte der FC Wels an seiner Positionierung als Ausbildungs- und Mitgliederverein festhalten. Im Rahmen der Unterzeichnung sagte der Hertha-Obmann: „Pro Einwohner werden in keiner Stadt mehr Jugendliche trainiert als in Wels. Wir haben ein riesiges Potenzial.“
Die Zusammenarbeit soll sich auch auf andere Bereiche erstrecken, die fehlende Infrastruktur ist ein weiterer Diskussionspunkt. In der Stadt wäre nur das Stadion des FC Wels in Wimpassing für die zweite Bundesliga geeignet, nicht aber das Mauth-Stadion. Sollten die Herthaner in naher Zukunft aufsteigen und in ihrer Heimstätte die Spiele austragen wollen, bräuchte es große Investitionen. Im Lizenzantrag für die Saison 2023/24 ist eine Nutzungsvereinbarung für das Stadion des FC Wels aufgeführt, die im Zuge der Kooperation verlängert werden soll.
Doch die Regionalliga Mitte ist ein hartes Pflaster, und der Weg nach oben ist schon lange keinem oberösterreichischen Klub gelungen. Der letzte Aufsteiger war 2016 der FC Blau-Weiß Linz. „Die Liga ist sehr stark und ausgeglichen. Hier kann der Letzte den Ersten schlagen“, sagt Golger. „Zum Aufstieg gehört auch das nötige Glück.“ So wartet die Stadt Wels seit mittlerweile 25 Jahren auf einen Verein im Profifußball. Gegen Sankt Anna am Aigen gelingt den Hausherren im Regen zwar ein 2:1-Sieg, aber der Tabellenführer aus Leoben gewinnt zeitgleich 5:1 gegen die zweite Mannschaft der SV Ried. Ein weiteres Jahr Regionalliga Mitte ist zu Redaktionsschluss so gut wie fix. Der nächste Versuch beginnt im Juli.