Der Winter gehörte Katar, der Sommer Saudi-Arabien. Neymar kam um 90 Millionen, der aktuelle Ballon-d’Or-Sieger, Karim Benzema, wechselte ebenso wie Roberto Firmino ablösefrei in die saudische Liga. Jordan Henderson kostete seinen neuen Klub Al-Ettifaq 14 Millionen und die Retusche eines Fotos mit Kapitänsschleife in Regenbogenfarben. Die Liga, oder besser der saudische Staat, der die vier wichtigsten Klubs übernommen hat, kauft groß ein. Dazu gehört auch Trainerkompetenz von Matthias Jaissle bis Steven Gerrard. Das Ziel scheint nicht eine Liga für alternde Stars zu sein, sondern eine, die in nicht zu ferner Zukunft mit der europäischen Konkurrenz mithalten kann. Viel hat sich Saudi-Arabien in Katars Playbook abgeschaut, das aber ist ein neues Kapitel.
Fast könnte man ein bisschen wehmütig werden beim Rückblick auf die WM 2022. Ja, schreckliche Bedingungen für Arbeitsmigranten, weniger Rechte für Frauen, Einschränkungen für queere Menschen, von freier Presse kann man nicht sprechen. Aber immerhin – Katar führt keinen Krieg im Jemen, enthauptet nicht jährlich dutzende Menschen und hat auch noch keinen kritischen Journalisten beim Botschaftsbesuch ermorden lassen. Im Vergleich wirkt der WM-Gastgeber fast idyllisch.
Der große Golfstaat verdrängt den kleinen nicht nur aus dem Sportteil der Zeitungen. In Dschidda fand Anfang August ein Ukraine-Gipfel mit Vertretern aus 30 Ländern statt. Dass über einen Krieg in Europa auf der arabischen Halbinsel verhandelt wird, ist kein Zufall. Saudi-Arabien schickt sich an, eine globale Macht zu werden. Das Land ist mit dem Verkauf von Öl reich geworden, aber es investiert in nachhaltige Energie. Und in Sport.
Auch im Fußball wird es Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass Europa nicht der Mittelpunkt der Welt sein muss. Das bedeutet nicht, sich an Verfolgung von Minderheiten und die Missachtung von Menschenrechten zu gewöhnen. Doch europäische Ignoranz und Selbstgefälligkeit haben schon im Umgang mit Katar wenig geholfen, sie werden auch im Umgang mit Saudi-Arabien zu nichts führen. Moralische Urteile sind schnell gefällt, aber um Riad auf der Landkarte zu lokalisieren oder sich an Saudi-Arabiens Abschneiden bei einer der letzten Weltmeisterschaften zu erinnern, brauchen europäische Fans vermutlich deutlich länger.
Es ist leicht, die Spieler, die nun für Millionengagen in Dschidda, Riad und Mekka spielen, als geldgeil und skrupellos zu brandmarken. Aber Karim Benzema, Edouard Mendy, Riyad Mahrez und Sadio Mane spielen nun auch in dem Land, in dem zwei der wichtigsten Orte ihrer Religion liegen – und in dem ihnen kein europäischer Rassismus begegnet. Kalidou Koulibaly erklärte, ja, Geld sei wichtig – er habe schließlich mit dem Bau einer Klinik im Dorf seiner Eltern in Senegal begonnen.
Der Blick aus Europa auf die arabische Halbinsel ist bisher deutlich weniger informiert als der in die umgekehrte Richtung. Das ist eine Differenz, die sich leichter angleichen lässt als die in den Transferausgaben zwischen der saudischen und den meisten europäischen Ligen. Und es würde sich lohnen, um eine Welt im Wandel besser zu verstehen.